Nr. 35/2010 vom 02.09.2010

Drei starke Frauen

Von Eva Pfister

Es gibt wenig Trost in diesen drei Geschichten, die davon handeln, wie Frauen zerstört werden. Am tiefsten hat sich die von Khady Demba ins Gedächtnis eingegraben. In der ersten Geschichte treffen wir sie als Dienstmädchen; in der dritten hat sie eine kurze Ehe hinter sich, in der sie vergeblich schwanger zu werden versuchte. Als kinderlose Witwe wird sie von der Familie ihres Mannes nach Europa verjagt. Khady steigt im letzten Moment aus dem Boot, das von der senegalesischen Küste aus aufbricht. Nun wird sie ihren eigenen Weg gehen, hoffen wir – doch die Autorin erspart ihr nichts vom Grauenvollen, das Flüchtlinge erdulden müssen.

Marie NDiaye, 43, hat für ihren Roman «Trois Femmes puissantes» – ihr neuntes Buch – den Prix Goncourt erhalten. Seit dem Machtantritt von Nicolas Sarkozy lebt die Tochter einer französischen Mutter und eines senegalesischen Vaters in Berlin.

«Drei starke Frauen» handelt von Menschen, die zwischen den Kulturen stehen. So wie Fanta, die junge Senegalesin, die es zur Gymnasiallehrerin gebracht hat und in die sich Rudy, ein französischer Kollege, verliebt. Als er seinen Job verliert und nach Frankreich zurückkehrt, nimmt er Fanta mit, verspricht ihr das Paradies – aber dann sitzt sie im Reihenhaus in der Provinz, kann nicht arbeiten und muss zusehen, wie sich ihr Mann zum schlappen Scheusal entwickelt.

Diese Geschichte erzählt die Autorin aus Rudys Sicht, einen heissen Tag lang verfolgen wir sein Selbstmitleid und seine Selbstvorwürfe. Am Abend ist die Situation eine andere geworden – ob es sich zum Besseren gewendet hat oder die Katastrophe ihren Lauf nimmt, bleibt offen.

Vielleicht geht ja die erste Geschichte gut aus: Norah ist Anwältin, lebt in Paris mit Tochter und Lebensgefährten und kommt in den Senegal, um ihrem Vater beizustehen, der auf fast dämonische Weise die Macht hat, sie zu verunsichern. Ob es ihr gelingt, dem Ungeheuer zu entkommen, lässt NDiaye offen. Jeder Geschichte fügt sie einen rätselhaften Epilog an, der die Lesart jeweils völlig umdreht.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch