Nr. 35/2010 vom 02.09.2010

Die «roten Herren» und ihr Tabu

Ein neuer Krimi stochert in der antisemitischen Geschichte des Fürstentums. Bürgerlich-konservative Kreise wollten die Veröffentlichung behindern.

Von Robert Best

Vaduz, Liechtenstein: Ein Autor spricht von Zensur und Boykott. Davon, dass eine ganze Gesellschaft Probleme habe mit der Verarbeitung der eigenen Geschichte. Von mächtigen Männern, die heikle Themen abwürgen statt sie zu diskutieren.

Armin Öhri hat ein Buch geschrieben über ein Kapitel der liechtensteinischen Geschichte, an das sich nicht alle gern erinnern lassen. Es ist eine Erzählung, eine Fiktion. Aber sie kreist um eine Begebenheit, die als heftigster Ausbruch des Nationalsozialismus in Liechtenstein gilt: der Überfall auf die Brüder Fritz und Alfred Rotter am 5. April 1933.

Im Berlin der Weimarer Republik waren die Rotters gefeierte Theaterdirektoren und besassen mehrere Schauspielhäuser. Hier lief seichte Unterhaltung. Den Nationalsozialisten waren die Brüder Inkarnation von «Verjudung» und Unmoral. 1931 erwarben die zwei die liechtensteinische Staatsbürgerschaft, 1933 meldeten sie ihre Theater bankrott und flohen nach Vaduz. Die Nazis verlangten vergeblich ihre Auslieferung, die deutsche Presse überzog das Land mit einer Schmutzkampagne.

Die «Rotter-Affäre»

Doch auch im Fürstentum gab es Leute, die ein «judenfreies» Land wollten. Namentlich der Künstler und Hotelbesitzer Rudolf Schädler und der rechtsgewendete Architekt Franz Roeckle, der noch 1908 die Westend-Synagoge in Frankfurt gebaut hatte. Mit einer Handvoll Komplizen lockten sie die Rotters, die in Begleitung zweier Damen erschienen, in Schädlers Hotel auf Gaflei. Der Plan: die Brüder überfallen und im Auto über die Grenze bringen. Das scheiterte an der Gegenwehr der Rotters. Bei der anschliessenden Verfolgungsjagd im Gebirge wurden Alfred Rotter und seine Gattin Gertrud zu Tode gehetzt.

Der folgende Prozess geriet zum Schmierenstück. Der Zürcher Anwalt der Rotters durfte kein Plädoyer halten. Man lachte ihn aus. 700 LiechtensteinerInnen unterschrieben ein Gnadengesuch für die Täter. Diese bekamen Haftstrafen von vier Monaten bis zu einem Jahr, die sie nur zum Teil verbüssten. Im Juni 1933 wurde die NSDAP-Ortsgruppe Liechtenstein gegründet. Schädler wurde «Landesleiter» der Volksdeutschen Bewegung, die den Anschluss ans Deutsche Reich forderte.

«Nenn es Zensur ...»

So viel ist historisch gesichert und wird heute von niemandem mehr bestritten. Doch es scheint immer noch schwierig zu sein, darüber zu sprechen oder zu schreiben. Die grösste Zeitung des Landes, das «Vaterland», verweigerte Öhri schon vor Veröffentlichung seines Buches ein Interview oder eine Besprechung. Dass es sich hierbei um eine politische Entscheidung handelt, offenbaren E-Mails aus der Redaktion an Öhri. Die «Rotter-Affäre», wird ihm mitgeteilt, «war, ist und bleibt immer ein Tabuthema». Und: «Nenn es Zensur oder wie du willst, wir können uns nicht vertieft mit der Rotter-Affäre befassen. ... Wir sind nun mal eine Parteizeitung, und die alten roten Herren sitzen (noch) am längeren Hebel.»

Die roten Herren – damit sind im Liechtensteinischen jene gemeint, die der Regierungspartei Vaterländische Union nahestehen (entstanden ist diese 1936 aus dem Zusammenschluss der 1918 gegründeten, christlich-sozial ausgerichteten Liechtensteiner Volkspartei mit dem deutschnational ausgerichteten Liechtensteiner Heimatdienst). Ein solcher «Roter» ist «Vaterland»-Chefredaktor Günther Fritz. Er verteidigte in einem Leitartikel seine «einsame Entscheidung», Öhri weder Interview noch Besprechung einzuräumen, mit dem «Eindruck, dass sensible Themen in Liechtenstein mit besonderem Fingerspitzengefühl behandelt werden sollten». Beiträge zur «Rotter-Affäre» hätten immer Kritik der LeserInnen zur Folge gehabt. Den Unmut des Volkes bekam denn auch Öhri zu spüren. In (meist) anonymen E-Mails wurde er als «Verräter» beschimpft und bedroht.

Dennoch: Das gesellschaftliche Klima sei heute entspannter und offener als früher, sagt Peter Geiger, bis vor fünf Jahren Leiter einer Historikerkommission zu Liechtensteins NS-Geschichte. Es herrsche heute reges Interesse an der Vergangenheit, die rechtsextreme Szene sei eine – wenn auch ernst zu nehmende – Randerscheinung.

Vor einer Woche ist Öhris Buch erschienen. Ihm ist zu wünschen, dass geschieht, was Geiger bei seiner historischen Interviewarbeit herausgefunden hat: «Sobald man detailliert über diese Zeit schreibt und ernsthaft fragt, verliert das Tabu seine magische Wirkung.»

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