Nr. 35/2010 vom 02.09.2010

Die schwierige neue Freiheit

Die erste Gesamtdarstellung zur Geschichte der Ostschweizer Arbeiterbewegung erzählt von Massenarmut und Kinderarbeit, vom zähen Aufstieg der Linken und ihrem Kampf gegen Willkür.

Von Andreas Fagetti

In den Anfängen der Industrialisierung lebte ein Grossteil der Landbevölkerung in elenden Verhältnissen. Die Kindersterblichkeit war hoch, die Lebenserwartung tief. Ein Fünftel der Neugeborenen überlebte das erste Lebensjahr nicht, bloss etwa zehn Prozent der Menschen erreichten das 60. Lebensjahr, wie eine Studie über die Innerschweiz belegt. Die Industrialisierung sprengte die alten Gesellschaftsordnungen, entwurzelte Menschen und senkte die Einkünfte mancher ArbeiterInnen. Die Fabrikanten beuteten Kinder aus und schädigten sie in ihrer Entwicklung, sie mussten zwölf Stunden und mehr arbeiten, aber auch familiäre Kleinstbetriebe der Heimsticker setzten auf sie als Billigarbeitskräfte. Erst das eidgenössische Fabrikgesetz von 1877 verbot Kinderarbeit. Bis es durchgesetzt war, dauerte es freilich Jahre.

Während die unmittelbaren Profiteure der Industrialisierung, die Fabrikherren und ihre freisinnigen Sekundanten, die sozialen Verwerfungen verharmlosten oder ihnen mit Almosen glaubten begegnen zu können, drängten fortschrittliche und selbst konservative Kreise auf politische Lösungen und gesetzlich verankerte Schutzmassnahmen. Den Interessen der arbeitenden Bevölkerung verhalf aber letztlich erst die Arbeiterbewegung zum Durchbruch – Linksparteien, allen voran die Sozialdemokratische Partei, Gewerkschaften und Genossenschaften formierten sich allmählich zu einer Gegenmacht.

Langwierige Rekonstruktion

Der Rorschacher Historiker Louis Specker leuchtet die Lebensverhältnisse in der Ostschweiz des 19. Jahrhunderts aus und zeichnet den zunächst zähen Aufstieg der Linken und ihrer Organisationen nach. Seine eben im Chronos-Verlag erschienene Frühgeschichte über die Ostschweizer Arbeiterbewegung untersucht den Zeitraum von den Anfängen Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg. Der frühere Direktor des Historischen Museums in St. Gallen ist mit der regionalen Arbeitergeschichte vertraut wie kaum ein anderer. Bekannt wurde er mit seiner Biografie über den Weberpfarrer und späteren Nationalrat Howard Eugster-Züst, der die StickerInnen in Ausserrhoden organisierte.

Der St.  Galler Gewerkschaftsbund und die Bildungsgemeinschaft beauftragten Specker mit der Aufarbeitung dieser Geschichte bereits Anfang der achtziger Jahre. Die Rekonstruktion dieser Frühgeschichte war angesichts des vergleichsweise quellenarmen 19. Jahrhunderts nur möglich, weil Specker in jahrelangen Recherchen eine einzigartige Fülle von Zeitschriften, Archiven und weiteren Quellen zusammentrug. Entsprechend facettenreich präsentiert sich nun sein Buch.

In der Ostschweiz waren es in erster Linie Grütlivereine, vaterländisch gesinnte und bildungsbeflissene Arbeitervereine, und die linksliberalen Demokraten, die sich zunächst der sozialen Frage und der Interessen der ArbeiterInnen annahmen. Sie setzten auf Bildung und einen Reformkurs, der die bürgerlich-kapitalistische Ordnung nicht in Frage stellte. Unterstützt wurden sie dabei auch im konservativen Lager von christlichen Sozialreformern und Philanthropen. Erst die revolutionär gesinnten sozialdemokratischen Parteien, in denen schliesslich Demokraten und Grütlianer aufgingen, die sonst marginalisiert wurden, stellten die Systemfrage und kämpften letztlich mit Erfolg auch für eine ökonomische Besserstellung der Lohnabhängigen.

In der Ostschweiz war die Organisation der ArbeiterInnen aus verschiedenen Gründen schwierig. Hier fehlten grosse Industriezentren. Die alles beherrschende Textil- und Stickereiindustrie war dezentral organisiert, neben den Fabriken bediente ein Heer von HeimarbeiterInnen den Markt. Obwohl abhängig von den Fabrikanten, verstanden sie sich als UnternehmerInnen. Hinzu kam eine von Obrigkeitsgläubigkeit und Fatalismus geprägte Haltung. Specker beschreibt, wie die Industrialisierung überkommene Bindungen aufhob und die Menschen den Umgang mit den neuen «Freiheiten» erst lernen mussten: Wer in den kurzen Boomphasen plötzlich etwas mehr Geld zur Verfügung hatte, verschuldete sich und kaufte ein Haus oder gab es für andere Verlockungen der aufkeimenden Konsumgesellschaft aus. Auch davon profitierten die Kapitalisten.

Streikbrecher und Krawalle

Ende des 19. Jahrhunderts verschärften sich die sozialen Gegensätze; die arbeitenden Menschen begannen sich zu organisieren. Nun waren sie nicht mehr bloss Opfer der Verhältnisse, sondern AkteurInnen. 1871 streikten in St. Gallen die Beschäftigten der Firma Messmer‘schen Appretur. Sie forderten eine Arbeitszeitverkürzung auf zwölf Stunden pro Tag, konnten sich aber nicht durchsetzen. Wer sich wehrte, dem drohte die Entlassung. In industriellen Zentren wie Rorschach oder Arbon kam es zu Arbeitskämpfen. Legendär war der durch Streikbrecher ausgelöste «Giesserkrawall» 1905 in Rorschach. Die Behörden setzten Militär ein, Streikende wurden abgeurteilt und aus dem Kanton ausgewiesen. Wer «kommunistische» Ideen verfolgte, musste mit massiver staatlicher Repression rechnen. Zwischen 1880 und 1914 wurden in der Ostschweiz 23 Mal Truppen zur Niederschlagung von Streiks aufgeboten. Etwas kurios wirkt der Umstand, dass der bedeutende Rickentunnelstreik von 1904 bloss in einer Fussnote abgehandelt wird.

Die Ostschweiz war aber auch Schauplatz internationaler sozialistischer Kongresse. 1887 gewährte sie Exponenten der verbotenen deutschen SPD Gastrecht, die in St. Gallen heimlich einen Kongress abhielt. Linke Grössen wie Eduard Bernstein, August Bebel oder Wilhelm Liebknecht waren damals in St. Gallen. In Chur tagte ein sozialistischer Weltkongress.

Specker bietet über weite Strecken eine aufschlussreiche Lektüre. Allerdings ist der Text stilistisch nicht aus einem Guss, mitunter schlägt Specker einen etwas antiquierten Ton an. Schildert er radikale Linke, sind es «Hitzköpfe», etwa in seiner Schilderung der auch in der Ostschweiz aktiven Anarchisten. Er reduziert den Anarchismus auf die Propaganda der Tat und bedient das Klischee von den Bombenlegern und Terroristen. Dagegen stimmt er immer wieder ein Loblied auf die «nüchternen» Ostschweizer und ihren Pragmatismus an.

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