Nr. 35/2010 vom 02.09.2010

Auf Treibsand gebaut

Die Weltwirtschaft wächst, die historische Finanzmarktkrise ist schon fast vergessen. Doch der Schein trügt. Die nächste wirtschaftliche Talfahrt könnte bald folgen.

Von Michael R. Krätke

Aufschwung, Aufschwung, so tönt es ringsherum. China und Indien verzeichnen atemberaubende Wachstumsraten, die USA, so hiess es zumindest lange, sind raus aus der Krise, die deutsche Exportwirtschaft wächst seit Monaten, das britische Pfund, der Schweizer Franken, ja sogar der Euro, noch vor kurzem totgesagt, befinden sich im Aufschwung. Staatspleiten, vor denen vor kurzem noch so eindringlich gewarnt wurde, sind keine mehr in Sicht.

Haben wir Grund zum Konjunkturjubel? Nicht wirklich. Bereits das extrem niedrige Zinsniveau sollte uns misstrauisch machen. Die Zinsen werden absichtlich niedrig gehalten, um die Wirtschaft lebendig zu halten – von den Zentralbanken, vor allem von jener der Europäischen Union. Zu frisch sind die Erinnerungen an Japans Wirtschaftskrise: Nach dem Platzen von Japans Immobilienblase Anfang der neunziger Jahre folgten fast zwei Jahrzehnte Deflation und wirtschaftliche Depression. Und diesmal ist die Gefahr ungleich grösser: Es geht um die gesamte Weltwirtschaft.

Bereits wartet in den USA, Europa und selbst in China alles gebannt auf das Ende des Aufschwungs. Vom «Double Dip» ist die Rede: Nach der ersten wirtschaftlichen Talfahrt könnte schon bald die nächste folgen. An den Finanzmärkten herrscht deshalb die übliche Hysterie: mal Panik, mal Euphorie. Niemand weiss Genaues. Vorläufig verkaufen die HändlerInnen riskante Staatspapiere, um sich beschwingt in die Lebensmittelspekulation zu werfen.

An den weltweiten Terminbörsen wird die nächste Blase vorbereitet – diesmal eine Rohstoff- und Lebensmittelblase. Zwei Jahre nach der letzten weltweiten Hungerkrise droht bereits die nächste.

Welche Lokomotive?

Sicher. Europas grösster Volkswirtschaft Deutschland – von der auch die Schweiz massgeblich abhängt – scheint es gut zu gehen. Die Arbeitslosenzahlen sinken, und bereits jammert die Industrie über Arbeitskräftemangel. Doch Deutschland ist ein extrem exportabhängiges Land: Es lebt von der Konjunktur der anderen. Nicht nur von der seiner europäischen Nachbarn. Sondern auch von jener der USA und China. Diese beiden Länder haben in den vergangenen zwei Jahren die grössten Konjunkturprogramme aller Zeiten aufgelegt – weit grössere als jene aller europäischen Länder zusammen. Von diesen hat die deutsche Wirtschaft massgeblich profitiert.

Doch wie lange noch werden die USA die Lokomotive spielen? Auf der anderen Seite des Atlantiks ist die Krise noch lange nicht überwunden: Die Misere auf dem US-Immobilienmarkt hält an. Noch nie wurden so viele Häuser zwangsversteigert wie in den vergangenen Monaten. Die Arbeitslosigkeit steigt. Weil die USA ein extrem schwaches Arbeitslosenversicherungssystem kennen, verschwinden die Millionen Arbeitslosen zwar aus der Statistik. Einen Job haben sie trotzdem nicht.

Die USA sind zudem nach wie vor bis zur Halskrause verschuldet, eine ganze Reihe von Bundesstaaten ist praktisch bankrott. Zuvorderst Kalifornien. Und unter den grossen Ratingagenturen tobt bereits ein Streit, ob die Kreditwürdigkeit der USA um eine oder besser gleich zwei Stufen herabgesetzt werden soll. Denn: Die USA müssen gigantische Summen aufbringen, um ihren Bundesstaaten aus der Pleite zu helfen. Anders als Deutschland leben die USA von der Binnennachfrage. Und die kann sich angesichts der anhaltenden Jobkrise nicht erholen.

Bleibt China. Die chinesische Wirtschaft investiert, die prosperierende chinesische Mittelklasse kauft wie verrückt. Das freut vor allem die deutschen Autobauer, die ihre Edelkarossen auf dem inzwischen weltweit grössten Automarkt leicht loswerden.

Die chinesischen Felle

Doch Chinas Regierung ist dabei, ihren wirtschaftlichen Kurs zu ändern: hin zu einer Stärkung des Binnenmarkts. China hat zusammen mit zahlreichen Schwellenländern, allen voran Indien, Russland und Brasilien, eine langfristige Strategie der wirtschaftlichen Kooperation in die Wege geleitet. Die Bric-Länder handeln immer mehr untereinander. Das geht auf Kosten der europäischen und US-amerikanischen Exporteure. Japan hat das bereits zu spüren bekommen: Dem Land schwimmen die chinesischen Felle davon.

Schliesslich hatte Deutschland in einem Punkt mehr Erfolg, als ihm eigentlich lieb sein kann: Europa spart – alle Länder folgen der deutschen Rezeptur. An vorderster Stelle Britannien, dessen neue Regierung einen Sparkurs fährt, der alles in den Schatten stellt, was wir von der einstigen Premierministerin Margaret Thatcher kannten. Dieser wird der deutschen Exportwirtschaft ebenso schaden wie die verzweifelten Sparanstrengungen Spaniens und Griechenlands. Die Weltkonjunktur ist auf Treibsand gebaut.