Nr. 36/2010 vom 09.09.2010

Katastrophe in Zeitlupe

Zuerst litt das Land mehrmals unter Dürren – nun kam es in den letzten Wochen zu schweren Überschwemmungen. Millionen hungern. Die Ursachen sind allerdings nicht nur in den Wetterkapriolen zu suchen.

Von Ruedi Küng

Wasser ist ein rares Gut in Djoga, einem kleinen Dorf im Südwesten Nigers. Zwar ist hier nicht Wüste wie im Norden des Landes. Trotzdem macht den DorfbewohnerInnen Wassermangel immer mehr zu schaffen. Das sagt der Lehrer von Djoga, Moumouni Salou. Und weil das Wasser so knapp ist, sind auch die Erträge klein, stellt die Bäuerin Fatima Bonkano fest. So mussten die Leute von Djoga schon mehrmals erleben, wie ihnen die Getreide- und Nahrungsvorräte ausgingen, bevor die nächste Ernte anstand – so wie Millionen anderer Menschen in Niger und im ganzen Sahelgebiet, deren landwirtschaftliche Arbeit vom Regen abhängt. Jetzt ist in Niger neben der Dürre auch noch Wasserüberfluss zum Problem geworden.

Seit 1929 stand das Wasser des Niger-Flusses nicht mehr so hoch wie in den vergangenen Wochen. Ungewöhnlich heftige Regenfälle im Juli und August – in Niger, aber auch in den Nachbarländern Mali und Burkina Faso – haben den drittgrössten Strom Afrikas an vielen Orten über die Ufer treten lassen und grosse Schäden angerichtet. In der Hauptstadt Niamey verwandelten die Wassermassen drei flussnahe Quartiere in Sumpfgebiete und zerstörten fast alle Lehmhäuser. So etwas habe man seit Menschengedenken nicht gesehen, sagte der bejahrte Fischer Abdou Ganda gegenüber dem lokalen Mitarbeiter der französischen Nachrichtenagentur AFP. Nicht nur in der Hauptstadt, auch weiter südöstlich hat der über die Ufer getretene Fluss in vielen Dörfern Häuser zum Einsturz gebracht, Reisfelder verwüstet und Weideland überschwemmt.

17 000 Menschen haben gemäss Ocha, dem Uno-Büro für humanitäre Angelegenheiten, allein in Niamey ihr Obdach verloren, 200 000 sollen es in ganz Niger sein. Überall im Land ist man von starkem Regen betroffen, selbst die Region von Agadez am Rand der Ténéréwüste. Niger ist flächenmässig dreissigmal so gross wie die Schweiz. In Ingal westlich von Agadez sowie im Süden des Landes sind gemäss der nationalen Landwirtschaftsdirektion 100 000 Stück Vieh in den Fluten ertrunken. Dabei handelt es sich zu einem grossen Teil um Kühe und Dromedare von Nomaden, die mit ihren Tieren auch die Milch als wichtige Ernährungsgrundlage verloren haben.

Teure Lebensmittel

Die Überschwemmungen treffen die nigrische Bevölkerung besonders hart. Bereits zuvor hatte sie unter Nahrungsmittelknappheit zu leiden. 2009 war wegen der anhaltenden Dürre die Ernte so schlecht ausgefallen und so viel Vieh verendet, dass gemäss Uno-Schätzungen sieben Millionen Menschen – fast die Hälfte der EinwohnerInnen Nigers – über keine ausreichenden Nahrungsmittelvorräte bis zur kommenden Ernte Mitte Oktober verfügen. Weitere kostbare Getreidevorräte wurden nun durch die Fluten vernichtet. Die Knappheit der Lebensmittel hat deren Preise auf dem Markt in die Höhe getrieben. Viele Betroffene sind gänzlich auf die Nahrungshilfe des Welternährungsprogramms WFP angewiesen. Dieses hat nach eigenen Angaben im August an fünfeinhalb Millionen Menschen Lebensmittel verteilt. Dem WFP fehlt es allerdings an Geld. Es wird fortan nur noch Familien mit Kindern im Alter bis zwei Jahren unterstützen.

Eine Katastrophe im Zeitlupentempo zeichne sich ab, meint das Uno-Kinderhilfswerk Unicef. Neben Niger sind auch Mauretanien, Mali und der Tschad sowie der Norden Nigerias und Burkina Fasos von der Nahrungsmittelkrise betroffen – insgesamt zehn Millionen Menschen. Die Sahelländer gehören zu den ärmsten der Welt, ein Drittel der Bevölkerung in Niger und im Tschad sind chronisch unterernährt. Niger nimmt auf dem Uno-Index der menschlichen Entwicklung den letzten Rang (182) ein, Mali Rang 178, Burkina Faso 177, der Tschad 175.

Nigers Regierungschef Mahamadou Danda ist jedoch überzeugt, dass es dank internationaler und inländischer Hilfe gelungen sei, das Schlimmste zu vermeiden. Der Mangel an Viehfutter sei allerdings extrem. Die gegenwärtige Nahrungsmittelkrise wird als schwerwiegender beurteilt als jene von 2005, bei der mehrere Tausend Menschen starben. Doch anders als unter dem damaligen Präsidenten Mamadou Tandja, der die Katastrophe herunterspielte, hat die gegenwärtige Regierung schneller reagiert und mit den internationalen Organisationen zusammengearbeitet. Fachleute betrachten administrative Vorkehrungen, die es ermöglichen, der Bevölkerung in solchen Krisen beizustehen, als wichtige Massnahme, um Hungersnöte zu vermeiden.

Viele ExpertInnen befürchten, dass die Sahelzone künftig noch stärker von extremen Wettersituationen, insbesondere Dürren, betroffen sein wird. Sie stützen sich dabei auf Messungen, die zeigen, dass die durchschnittlichen Regenmengen im Sahel seit 1970 markant abgenommen haben und die durchschnittliche Bodentemperatur angestiegen ist.

Meereserwärmung, Übernutzung

Allerdings herrscht bei WissenschaftlerInnen keine Einigkeit über das Ausmass, die Ursachen und die Auswirkungen des Klimawandels im Sahel. Insbesondere die Frage, ob die Trockenheit im Sahel Folge menschlicher oder natürlicher Einflüsse ist, treibt viele ForscherInnen und Institutionen um. Neuere Forschungen auf der Grundlage eines vom Nasa Goddard Space Flight Centers entwickelten Atmosphärenmodells haben ergeben, dass im Wesentlichen die Schwankungen der Meerestemperatur rund um Westafrika die Regenzeiten in der Sahelregion bestimmen. Danach sind die häufigeren Dürren der jüngeren Vergangenheit im Sahel – ebenso wie die zahlreicheren Trockenperioden in Kenia, Äthiopien und etwa Moçambique – auf die überdurchschnittliche Erwärmung der Ozeane in der südlichen Hemisphäre zurückzuführen. Unbeantwortet bleibt dabei allerdings die Frage, wieweit die Erwärmung der Ozeane einer natürlichen Variation folgt oder in erster Linie auf den Ausstoss von Treibhausgasen zurückzuführen ist.

Vorherrschend war bisher die Annahme, dass in erster Linie die Übernutzung der natürlichen Ressourcen im Sahel für den Klimawandel, die ausgeprägte Trockenheit und die Ausbreitung der Wüste verantwortlich sei: Das Bevölkerungswachstum im Sahel ist mit drei Prozent enorm hoch, die Bevölkerung verdoppelt sich alle zwanzig Jahre (gegenwärtig beträgt sie 260 Millionen). Immer mehr Menschen benötigen Nahrung, weshalb sie immer mehr Land ohne Ruhephasen landwirtschaftlich bebauen oder als Viehweide nutzen und dadurch die Böden auslaugen. Sie roden Wälder zu diesem Zweck und fällen immer mehr Bäume und Büsche für Feuerholz. Die nackten Böden reflektieren die Sonneneinstrahlung stärker als Busch- und Waldland, was zum Temperaturanstieg beiträgt. Dabei trocknen die Böden im Sahelsommer so stark aus, dass der Wind die fruchtbare Erde wegträgt oder die zunehmend heftigen Regenfälle sie wegschwemmen. Ein Zyklus, der zur Wüstenbildung führt.

Die Wüste breite sich seit mehreren Jahrzehnten rund einen Kilometer pro Jahr nach Süden aus, zitiert Djogas Dorflehrer Moumouni Salou die Fachleute. Sie ist noch weit entfernt von seinem Dorf im Südwesten Nigers. Doch die Gründe für die Wüstenbildung sind für den Dorflehrer augenfällig. Er weist mit der Hand auf einen Höhenzug etwa einen Kilometer vom Dorf entfernt hin. Dieser Hügel sei vor siebzehn Jahren noch gänzlich bewaldet gewesen. Rundherum habe es keine Felder gegeben. Jetzt sei alles mit Getreide oder Nährpflanzen bebaut. Dennoch hätten die Menschen nicht genügend zu essen, weil häufig der Regen ausbleibe. Zum Beweis zeigt er mir etwas später ein Foto des bewaldeten Hügels, umgeben von Buschland. Moumouni Salou zweifelt nicht daran, dass die Menschen im Sahel zur Klimaveränderung beitragen.

Veränderte Landwirtschaftspolitik

In Nigers Hauptstadt Niamey bringt der BäuerInnenvertreter Moussa Djangari einen weiteren Aspekt der wiederkehrenden Nahrungsmittelkrisen im Sahel ins Spiel. Niger sei wie alle Sahelländer von Nahrungsimporten abhängig. Importe müssten bis zu zwanzig Prozent des Nahrungsmittelbedarfs decken, der überdies wegen des Bevölkerungswachstums ständig zunehme. Deshalb wäre es für die Regierungen der Sahelstaaten unerlässlich, in die Modernisierung von Landwirtschaft, Viehhaltung und Fischerei zu investieren. Dazu gehörten ökologische und dennoch effiziente Anbau- und Bewässerungsmethoden ebenso wie trockenheitsresistente und ergiebigere Getreidesorten und Nährpflanzenvarietäten. Moussa Djangari verweist auch auf 300 000 Hektaren Ackerland am Niger-Strom, die brachlägen, die man jedoch bewässern und nutzen könnte. Was der Bauernvertreter in höflicher Weise zum Ausdruck bringt, formuliert der senegalesische Ökonom Ousmane Badiane vom International Food Policy Research Institute in Washington deutlicher: Nichts – weder veränderte Regenfallmuster noch Klimaveränderungen – habe sich auf die afrikanische Landwirtschaft so verheerend ausgewirkt wie die Änderung der Landwirtschaftspolitik der achtziger Jahre.

Badiane meint damit die Liberalisierung der Landwirtschaft, die den afrikanischen Regierungen von den westlichen Geldgebern aufgezwungen wurde. Wo früher Fachleute im Auftrag der Regierung den BäuerInnen mit Erfahrungen und neuen Erkenntnissen beratend beistanden, sahen sich diese auf einen Schlag von den Behörden ihrem Schicksal überlassen. Ebenso gravierend wirkte sich aus, dass keinerlei Subventionen mehr ausbezahlt wurden und Kredite, die in der Übergangszeit von einer Ernte zur nächsten so wichtig sind, nur noch schwer erhältlich und sehr viel teurer wurden. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert, und es besteht auch nur wenig Hoffnung auf Besserung.

Anlass zu Hoffnung bieten vielleicht neuste Auswertungen von Satellitenbildern der Sahelregion. Bilder, die zwischen 1982 und 2002 aufgenommen wurden, zeigen ausgedehnte Flächen, die wieder begrünt sind. Es handelt sich gemäss Stefan Kröpelin, einem Klimaexperten der Afrika-Forschungseinheit an der Universität Köln, nicht einfach «um ein bisschen Gras, das da spriesst». Die neuen Vegetationen liessen sich eindeutig als verwurzelte Bepflanzungen identifizieren, im östlichen Sahel insbesondere als Akazienbäume. Zum selben Schluss kommen auch MitarbeiterInnen von Nichtregierungsorganisationen im Sahel, die das Wissen um die Wiederbegrünung – der Régénération naturelle assistée – weiterverbreiten (siehe «Le Monde diplomatique», August 2010).

Pflege statt Aufforstung

So paradox es klingt: Die Begrünung in der Sahelzone ist eine Folge davon, dass die Bevölkerung wieder Bäume fällen darf. Es hatte sich gezeigt, dass durch Baumfällverbote die BäuerInnen jegliches Interesse an Bäumen verloren hatten und nichts zu deren Erhalt mehr unternahmen. Seit der Abschaffung des Verbots – in Mali Anfang 1990, in Niger später – betrachten unzählige DorfbewohnerInnen Bäume wieder als nützlich und kümmern sich um sie. Nicht Aufforstungsprogramme im grossen Stil, wie sie etwa von der kenianischen Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai organisiert werden, sind das Rezept der neuen Begrünung. Die Erfahrung zeigt, dass ein grosser Teil dieser Bäume wieder verschwindet. Vielmehr ist es das Interesse der BäuerInnen an anhaltender Versorgung mit Brennholz, das sie die natürlich wachsenden Baumpflanzen hegen und pflegen lässt. Satellitenaufnahmen des US Geological Survey zeigen, dass das System erfolgreich ist.

Lesen und schreiben

In Djoga haben sich die Frauen einstweilen anders beholfen. Sie haben sich zu einer Selbsthilfegruppe zusammengetan und bewirtschaften nun einen gemeinsamen Gemüsegarten. Den Ziehbrunnen, ohne den dies nicht möglich wäre, hat das Hilfswerk Swissaid gestiftet. Darüber hinaus haben die Frauen einen Speicher für die gemeinsame Lagerung allfälliger Überschüsse gebaut, damit diese nicht verderben oder von Schädlingen befallen werden. Durch mangelhafte Lagerung gehen den afrikanischen BäuerInnen regelmässig beträchtliche Teile ihrer Ernten verloren. Um verlässlich Buch über ihre Einlagerungen führen zu können, damit niemand zu kurz kommt, mussten die Frauen von Djoga aber erst einmal lesen, schreiben und rechnen lernen. Dass sie heute dazu in der Lage sind, ist das Verdienst von Moumouni Salou, des stolzen Lehrers von Djoga.