Nr. 36/2010 vom 09.09.2010

«The Jive Talker»

Von Judith Göppinger

Aus der Unmenge von Büchern über Afrika sticht eine aktuelle Neuerscheinung heraus: «The Jive Talker» von Samson Kambalu. Der auch als Konzeptkünstler bekannte Autor wurde 1975 als fünftes von acht Kindern im südostafrikanischen Staat Malawi geboren. Heute lebt und arbeitet er in London. In seinem autobiografischen Roman erzählt er von seiner Kindheit, die zwischen Armut und Wohlstand hin- und herschwankt, von seinem Vater, einem alkoholabhängigen Hilfsarzt, der nachts die Kinder mit philosophischem Gerede, dem «Jive», wach hält, und von seinen Zukunftsträumen. Das Zentrum seiner Kindheit ist das Bücherregal des Vaters, das «Diptychon». Schon als kleiner Junge liest er Nietzsche – auf dem Klo.

Trotz der Schwierigkeiten, die Kambalu in seinem Leben meistern muss, ist das Buch keine Anklage. Es verzichtet auf den moralischen Zeigefinger – und ist dennoch nicht unpolitisch. Die Auswirkungen der Politik auf das Leben der Familie sind immer ein Thema: Seine Ausbildung erhielt Kambalu an der von Hastings Kamuzu Banda, dem diktatorischen Herrscher Malawis von 1964 bis 1994, gegründeten Eliteschule des Landes. So sieht er Banda nie kritisch, und doch zeigen Tatsachen die Unrechtmässigkeit der Regierung immer wieder auf. Kambalus Eltern sterben an Aids; sie konnten nicht einmal mit den notwendigen Medikamenten versorgt werden. Auch die Zollbeamten in Amsterdam, die «Malawi» googeln müssen, um seinen Pass anzuerkennen, und ihn dann noch für einen Drogenschmuggler halten, zeigen, wie man im Westen oft über Afrika denkt.

In seinem Roman zeichnet Kambalu alle Züge seines Heimatlandes: die Mischung aus traditioneller und westlicher Kultur, die Religiosität, Armut und Reichtum – und den Rassismus der europäischen EinwanderInnen. Kambalu schreibt mitreissend, er erzählt eine übertrieben wirkende Geschichte, die man kaum glauben kann. Und doch gibt er einem das Gefühl, eine ganz normale Jugend in einem ganz normalen Land erlebt zu haben.

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