Nr. 37/2010 vom 16.09.2010

Von Ho Chi Minh und weissen Mäusen

Fast 600 Fotos und Dokumente sind in einem Bildband zum «kurzen Sommer der Anarchie von 1966 bis 1970/71» versammelt. Die Mischung von Analyse, Zeugnis und Erinnerung aus einer oft grotesken Zeit fasziniert.

Von Karin Hoffsten

Bei der Wahl zur «Miss Wintersemester 1968» an der Kölner Uni wuselten zwischen den Füssen der defilierenden Kandidatinnen weisse Mäuse, in den Saal geschmuggelt von den Genossen des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS). Die Aktion gehörte wohl weder politisch noch intellektuell zu den Spitzenleistungen des SDS – und sie missglückte: Die angehenden Missen sprangen nicht quietschend auf die Stühle, sondern herzten die Mäuschen, und die Genossinnen waren sauer, weil sie zu diesem Anlass politisch Schärferes im Sinn gehabt hatten.

Die Episode findet sich im grossformatigen Bildband «1968 am Rhein: Satisfaction und Ruhender Verkehr», einer 300 Seiten dicken Parforcetour durch die «kurzen Sommer der Anarchie von 1966 bis 1970/71 (…), als Verliebtsein und der Wunsch, die ganze Welt zu verändern, eins waren». Fast 600 Fotos und Dokumente zeichnen ein enorm plastisches – zum Teil sehr erheiterndes – Bild des vielfältigen Aufbruchs in Form politischer, künstlerischer, kultureller und persönlicher Aktionen und Initiativen, machen aber auch deutlich, vor welchem Hintergrund sie entstanden: inmitten der erstickenden Sprachlosigkeit der fünfziger und sechziger Jahre, voller Tabus und nicht gestellter Fragen an jene, die an Unis lehrten und an Gerichten richteten, als ob es den Faschismus nicht gegeben hätte. Aber es ging ja nicht nur um den Faschismus, es ging um vieles mehr.

Das Buch war tot

Zum Beispiel um Zensur. Beim Kauf «jugendgefährdender Schriften» war eine «Verpflichtungserklärung» zu unterschreiben, dass man das 18. Lebensjahr vollendet habe, das geächtete Werk zum ausschliesslichen Privatbedarf erwerbe und an Jugendliche weder weitergeben noch ausleihen werde. Trotz Zensurverbot im Grundgesetz standen Tausende von Publikationen auf dem Index. Sie durften weder ausgestellt noch beworben werden, selbst die Veröffentlichung der Indizierung war verboten; das Buch war tot, wie es 1966 Fritz J. Raddatz ausdrückte. Autoren wie Günter Grass oder Henry Miller wurden nur unterm Ladentisch gehandelt; auch jenes bekannte Foto, auf dem der Polizeichef von Saigon einen gefesselten Vietcong erschiesst, wurde 1968 als «gewaltverherrlichend» indiziert – es trug massgeblich zur weltweiten Mobilisierung gegen den Vietnamkrieg bei.

Egal, ob es um die Rolle der Frau, das Verhältnis der Geschlechter oder den gesellschaftlichen Umgang mit der Sexualität ging,   vieles war grotesk. Als das Kölner Kino Die Lupe in den fünfziger Jahren «Aufklärungsfilme» zeigte, mussten «Frauen und Männer getrennt sitzen und zwischen den Blöcken im Mittelgang ein Seil gespannt» sein. Noch 1968 nannte die «Kölnische Rundschau» eine Studentenvertreterin «die niedliche Sprecherin der Philosophischen Fakultät» und frohlockte in einer Bildlegende: «Hübsche Gesichter wie dieses waren in den Reihen der Demonstranten nicht selten.»

Gegen die wahren Unterdrücker

Nachdem im Zuge des Wirtschaftswunders auch über Deutschland die Sexwelle hinweggeschwappt war, florierte die Pornoindustrie. Sex wurde endgültig zur Ware und die Warenwelt sexualisiert. Gegen Henryk M. Broder – schon damals nicht von Komplexen geplagt und laut Selbstdeklaration «eines der wenigen wirklichen Genies unserer Zeit» – kam es zum Strafprozess wegen einer Fotomontage, die die offensichtliche Parallele zwischen einer Schokoriegelreklame und «einem echten Pimmel-Lutsch-Foto» aufzeigte. Doch hinter dem Bedürfnis der Studentenbewegung nach sexueller Befreiung stand der Wunsch, «durch eine neue, erfüllte Sexualität die aggressiven Kräfte des Menschen – weg von der Selbstzerstörung – wieder gegen die wahren Unterdrücker zu richten». Wilhelm Reich wurde zu einem der meistgelesenen Autoren; Undergroundfilme, -kunst, -konzerte, -zeitungen, -theater und Happenings blühten; es entstanden Kinderläden, Frauengruppen, Kollektive, Wohngemeinschaften und die Sozialistische Selbsthilfe Köln, die obdachlose Jugendliche in besetzten Häusern unterbrachte, die umgehend wieder von der Polizei geräumt wurden.

Kurt Holl, einstiger Theologiestudent, SDS-Mitglied und späterer Lehrer mit jahrelangem Berufsverbot, weil ihm «die für einen Beamten notwendige charakterliche Eignung» fehle, hat den Bildband gemeinsam mit der 1965 geborenen Politikwissenschaftlerin und Historikerin Claudia Glunz 1998 herausgegeben, 2008 folgte eine überarbeitete Neuausgabe. Entstanden ist eine faszinierende Mischung aus historischer Dokumentation, persönlichen Erinnerungen und politischer Analyse. «Wenn beim Durchblättern bei manchem nostalgische Gefühle aufkommen, freut uns das», schreibt Kurt Holl im Vorwort, aber auch: «Wir leben inzwischen in einer Welt, in der die herrschenden Verhältnisse um ein Vielfaches brutaler sind als in den 60er Jahren und dennoch ist der Widerstand dagegen um ein Vielfaches harmloser als damals.»

Die AchtundsechzigerInnen haben die Gesellschaft tatsächlich verändert – zum Glück! Doch entgegen einer derzeit gerne kolportierten Meinung sitzen sie heute nicht flächendeckend an den Schalthebeln der Macht. Denn eigentlich waren sie nur wenige.

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