Nr. 37/2010 vom 16.09.2010

Das nervöse Schweigen des neuen Chefredaktors

Markus Somm will der «Basler Zeitung» zu nationaler Ausstrahlung verhelfen. Wird der neue Chefredaktor und konservative Journalist in einer Medienwelt, die seit Jahren von Betriebswirtschaftern ausgedünnt wird, zum Hoffnungsträger? Oder mutiert die «BaZ» nach der «Weltwoche» zum nächsten SVP-Kampfblatt?

Von Daniel Ryser

Eigentlich muss das linke Basel dem rechten Medienfilz um Tito Tettamanti dankbar sein. Eine Alternative zur Übernahme durch den Tessiner Multimilliardär wäre eine «Mantellösung» mit dem «Tages-Anzeiger» gewesen: Zürich liefert die Seiten aussen rum, die Basler füllen den Lokalteil. Die Folge: abermals Stellenabbau in Basel, Fernsteuerung aus Zürich und das bei solchen Lösungen übliche Gefühl, das sich nach dem ersten Schock und Stellenabbau bei Redaktion und Leserschaft einstellt: zweite Priorität zu sein und keine eigene Stimme zu haben.

Jetzt hat die «Basler Zeitung» und mit ihr die rot-grün regierte Stadt auf einen Schlag eine kraftvolle Stimme. Auch wenn diese Stimme mit Markus Somm, dem politischen Konvertiten und ehemaligen stellvertretenden Chefredaktor der «Weltwoche», erstens erzkonservativ und zweitens aus dem Aargau ist. Doch, so sagen zwei «BaZ»-Journalisten, habe die Ernennung Somms nach der ersten Konfusion insgeheim Euphorie ausgelöst. Ein Ruck soll durch die Büros gegangen sein, womöglich ausgelöst durch den Umstand, dass der Redaktion zwar ein Rechter vorgesetzt wurde, dafür aber auch ein Vollblutjournalist und kein grauer Betriebswirtschafter, der in erster Linie rechnet und in zweiter Linie noch irgendwie an den Journalismus zu denken versucht. Es herrsche Aufbruchstimmung, sagt ein Redaktor. «Die ‹BaZ› lieferte in den letzten Jahren zwar soliden Journalismus, doch sie büsste wie viele andere Zeitungen an Relevanz ein. Stellen wurden gestrichen, Unsicherheit machte sich breit. Und man muss ehrlich und fair sein: Viele sehnten einen Wechsel in der Chefredaktion herbei.»

So wird Markus Somm zum Hoffnungsträger und verweigert zum jetzigen Zeitpunkt der WOZ ein Interview. Zuerst sollen Marken gesetzt und die Redaktion geeint werden. «Es ist für uns alle eine neue Situation», sagt er. Die Redaktion hinter sich scharen – es könnte Somm gelingen. Er ist nämlich, wenn er nicht gerade stramm den Zürcher SVP-Kurs verteidigt, auch für Nicht-SVP-AnhängerInnen ein angenehmer Zeitgenosse. Unter anderem deshalb, weil er seine Meinung unverblümt sagt. Das schafft Vertrauen, was bei der jetzigen Basler Operation eminent wichtig ist. Mit einem Schlag ist Somm aus dem Schatten seines Exchefs Roger Köppel getreten und will laut eigenen Angaben beweisen, dass die «BaZ» kein rechtes Kampfblatt, sondern eine intelligente Forumszeitung werden will – natürlich geprägt von Somm und dessen politischer Ausrichtung.

Die Nervosität des Chefredaktors, beziehungsweise sein Schweigen, ist verständlich. Denn Somm, der im Organisatorischen als mitunter chaotisch gilt, läuft Gefahr, die ganze Sache auflagetechnisch an die Wand zu fahren: Als stellvertretender Chefredaktor Roger Köppels war Somm eine treibende Kraft hinter dem Projekt, aus der einst angesehenen liberalen Wochenzeitung «Weltwoche» ein stramm ideologisches, nationalkonservatives Leitblatt zu machen, das laut aktuellen Wemf-Zahlen seit 2004 ein Viertel der Leserschaft verloren hat. Und dessen Chefredaktor inzwischen bei Tele Züri eingeladen wird, wenn Christoph Blocher mal gerade nicht kann, weil ohnehin beide in etwa dasselbe sagen.

Derart starre ideologische Vorstellungen sind nicht unbedingt die beste Voraussetzung für Debatten, die nicht permanent in die gleiche Richtung laufen sollen, also von oben nach unten, von weit rechts bis maximal in die Mitte. In sechs Monaten, so verspricht Markus Somm, wird er im grossen WOZ-Interview eine erste Bilanz ziehen.

Wagners Expansionsgelüste

Martin Wagner hingegen ist überzeugt, dass alles ein riesiger Erfolg wird. Der langjährige Vertrauensanwalt der Familie Hagemann, der die «BaZ» bis Februar 2010 gehörte, sammelt in der Medienbranche Verwaltungsratsmandate wie Tiger Woods Trophäen: Wagner ist Verwaltungsrat der Axel Springer Schweiz AG, Verwaltungsratspräsident der Weltwoche Verlags AG und neuerdings Verwaltungsratspräsident und Verleger der «Basler Zeitung». Und es gelüstet ihn nach mehr. «Diese Stimmung sollten Sie spüren: Seit Markus Somm sein Amt angetreten hat, herrscht in der Redaktion Aufbruchstimmung. Das wird ein grosses Abenteuer», sagt Wagner. Und er ist hocherfreut: «Durch die Übernahme der ‹BaZ› haben wir Basel eine eigenständige Zeitung bewahrt. Man braucht sich ja bloss umzuhören, wie unglücklich man im Thurgau ist oder bei den Zürcher Landzeitungen: Entlassungen, Fremdbestimmung. Die Leute sind demoralisiert. Sie wollen keine weiteren Konzentrationen mehr.»

Am liebsten würde Wagner expandieren – Tettamantis Portemonnaie ist prallvoll. Und zwar Richtung Mitteland. Dort hat Verleger Peter Wanner mit seinen AZ-Medien schon rosigere Zeiten erlebt. Die «Basellandschaftliche Zeitung», die der AZ gehört, deckt das konservative Umland der Stadt Basel ab, «sie wäre für uns ein liebstes Kind, das wir gerne grossziehen würden», sagt Wagner. «Wir sind grundsätzlich an einem Modell interessiert, das die Reichweite der ‹BaZ› vergrössert. Aber leider liegt derzeit kein Angebot vor.» Wanner, der wie Markus Somm aus Baden stammt, will also nicht verkaufen? «Was Peter Wanner will, ist das grosse Mediengeheimnis dieses Landes», sagt Martin Wagner.

Was will Wanner?

Solche Expansionsgelüste scheinen Peter Wanner zumindest derzeit nicht zu interessieren. Der Aargauer Verleger sagt zur WOZ: «Ein Verkauf der ‹Basellandschaftlichen Zeitung› ist kein Thema. Wir hatten im vergangenen Jahr ein unbefriedigendes Ergebnis, im laufenden Jahr sind wir aber wieder auf Kurs. Ich spüre eine starke Aufbruchstimmung in unserem Haus.» Man sei zwar für Kooperationen mit anderen Verlagshäusern offen, «wenn aber beide Häuser den Mantel liefern wollen, ist eine Lösung schwer vorstellbar». Er schaue jetzt erst einmal gespannt nach Basel, «denn in der rot-grünen Stadt eine Zeitung zu machen, ist nicht ganz einfach».

Und was sagt der Mann, der Roger Köppel eine Zeitung geschenkt hat und auf dessen Drängen Markus Somm «BaZ»-Chefredaktor wurde? Tito Tettamanti hat im Februar 2010 die Zeitung der NZZ vor der Nase weggeschnappt (75 Prozent gingen an Tettamanti, 25 Prozent an Wagner). Dies war nicht der erste Coup des Multimilliardärs: 2002 glaubte sich Ringier der damals zur «Basler Zeitung» gehörenden Jean Frey AG sicher, wurde aber im letzten Moment von Tettamanti ausgebootet. Zusammen mit Thomas Matter, dem damaligen Chef der Swissfirst-Bank, hatte Martin Wagner den Deal eingeleitet. Zur Investorengruppe, die Tettamanti damals für den Handel um sich geschart hatte, gehörten SVP-Nationalrat Hans Kaufmann und FDP-Rechtsaussen Peter Weigelt, der derzeit FDP-Bundesratsanwärterin Karin Keller-Sutter bei deren Medienoffensive berät. Mit grosser Wahrscheinlichkeit beteiligte sich auch Christoph Blocher am Kauf – man weiss es nicht, weil der Käufer eines 20-Prozent-Anteils bis heute nicht bekannt ist.

2006 verkaufte Tettamanti die Jean Frey AG an den Axel-Springer-Konzern, gliederte dabei die «Weltwoche» aus gab sie zum Geschenkpreis an Köppel weiter. Dass damals Ringier ausgestochen wurde, überraschte nicht alle. Tettamanti und Frank A. Meyer sollen, gelinde gesagt, nicht gerade warm miteinander sein. Dass Tettamanti beim Deal vom vergangenen Februar die NZZ eiskalt ausstach, überrascht auf den ersten Blick. Mit Carolina Müller-Möhl und Konrad Hummler sitzen immerhin zwei NZZ-Verwaltungsratsmitglieder im Beirat von Tettamantis neoliberalem Thinktank «Verein Zivilgesellschaft» – wo übrigens auch Markus Somm ein Plätzchen hat.

Richtungskampf bei der NZZ

Die Erklärung kommt aus dem NZZ-Verwaltungsrat: Dort werde ein Richtungskampf geführt. Vor allem Müller-Möhl vertrete darin die Gruppe «Freunde der NZZ», welche die Zeitung nach rechts, hin zu Blocher (und Tettamanti), öffnen will. Zu den «Freunden der NZZ» gehören unter anderem der Banker Thomas Matter, Denner-Erbe Philippe Gaydoul und Martin Spieler, Chefredaktor der «SonntagsZeitung». «Es ist ein Kampf der alten Garde gegen die neue, der FDP gegen die SVP», ist aus dem NZZ-Verwaltungsrat zu hören. «Das Aktienkapital der ‹Freunde der NZZ› beträgt zwischen zehn und zwanzig Prozent. Seit Jahren verlangen sie, ihrem Aktienkapital entsprechend Einfluss zu erhalten. Sie fordern neue Verwaltungsräte, einen neuen Verwaltungsratspräsidenten. Sie wollen unter anderem, dass die NZZ politisch auf eine andere, weniger SVP-kritische Linie schwenkt, und wirtschaftlicher.» Dieser Richtungskampf erkläre, warum es möglich sei, dass zwei NZZ-Verwaltungsräte in Tettamantis Beirat sässen, obwohl dieser die alte Garde der NZZ «nicht riechen kann», weil er nie Aufnahme in deren Kreis gefunden habe.

Was will Tettamanti?

Was also, Herr Tettamanti, haben Sie mit der «BaZ» vor? Wollen Sie Markus Somm zum künftigen NZZ-Chefredaktor aufbauen? Oder wollen Sie, wie Ihr Kollege Martin Wagner, ins Mittelland expandieren? Oder beides? Welche Hoffnungen stecken Sie in das Projekt «BaZ»? Und was hat es mit dem Gerücht auf sich, dass Sie das Projekt «Weltwoche» als gescheitert betrachten und nun von Basel aus die bürgerlich dominierte Schweizer Medienwelt von rechts aufrollen wollen?

Im Gegensatz zu Martin Wagner ist Tito Tettamanti für die WOZ derzeit nicht zu sprechen. Genauer gesagt, redet er nur mit der «SonntagsZeitung» seines Spezis Martin Spieler. Das erklärt Tettamantis Sekretärin Andrea Luttrop: «Herr Tettamanti kann Ihnen erst im Oktober ein Interview geben, denn das Gespräch mit der ‹SonntagsZeitung› hat exklusiven Charakter.» Wie kommt die «SonntagsZeitung» zu diesen exklusiven Ehren? Frau Luttrop sagt: «Wenn Sie wollen, dass ein Interview mit Herrn Tettamanti zustande kommt, dann stellen Sie bitte keine solche Fragen. Wir arbeiten gerne mit Ihnen zusammen, aber wenn Sie solche Fragen stellen, wird es kein Interview mit Herrn Tettamanti geben.»

Wir bleiben dran.

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