Nr. 37/2010 vom 16.09.2010

Noch surren die Projektoren

Einst wurden hier Kakaobohnen geröstet. Seit zehn Jahren stapelt sich im alten Fabrikgebäude in Bern Ausserholligen Material aus der hundertjährigen Kinogeschichte. Doch die Zukunft des Kinos Lichtspiel und seiner Filmsammlung ist ungewiss.

Von Silvia Süess (Text) und Ursula Häne (Foto)

Schnittstelle zwischen Film und Technik: Abends ist das «Lichtspiel» ein Kino, tagsüber betreiben David Landolf (im Bild) und sein Team eine Werkstatt zur Erhaltung von Filmmaterialien.

«Herzlich willkommen zum ‹Lichtspiel›-Sonntag Nummer 525.» David Landolf steht vor der Leinwand und begrüsst die Gäste – wie jeden Sonntagabend seit zehn Jahren im Kino Lichtspiel. Das Publikum sitzt in orangen Kinosesseln, inmitten eines grossen Lagerraums, umgeben von Projektoren, Filmrollen, Kameras und anderen Filmutensilien aus über hundert Jahren Kinogeschichte. Noch wissen die anwesenden Cinéphilen nicht, was ihnen heute geboten wird: Der Sonntagabend im «Lichtspiel» ist eine Wundertüte – aus dem hauseigenen Archiv zeigt Landolf Musikclips, Wochenschauen, Trailer und Kurzfilme. Nach einer kurzen Einführung ins Programm des Abends geht Landolf nach hinten im Saal, das Licht geht aus, der Projektor an, und sein leises Surren füllt den Raum.

Das Kino Lichtspiel in Bern ist einzigartig in der Schweiz. Untergebracht ist es in den ehemaligen Lagerhallen der Schokoladenfabrik Tobler in Bern Ausserholligen. Die Fabrik wurde in den zwanziger Jahren gebaut und liegt heute zwischen Bremgartenfriedhof, Güterbahnhof und der städtischen Kehrichtverbrennungsanlage. Hier wurden bis in die fünfziger Jahre Kakaobohnen gelagert, später auch geröstet – bis das Unternehmen in den achtziger Jahren nach Bern Brünnen zog und dann die Stadt Bern die Liegenschaft übernahm.

Noch heute sticht beim Eintreten der Duft von geröstetem Kakao in die Nase, dabei befindet sich hier auf tausend Quadratmetern inzwischen eine beträchtliche Menge an Material aus der hundertjährigen Kinogeschichte. Projektoren sind in Reih und Glied aufgestellt, Filmplakate zieren die Wände, auf Gestellen stapeln sich Filmrollen – und im hinteren von zwei Räumen hat sich das Kino eingenistet.

Kurz vor der Räumung gerettet

Tagsüber sind die roten Vorhänge zurückgezogen, und die Fensterfront mit Blick auf die Bahngeleise lässt die Sonne ins Haus. David Landolf steht hinter einer Bar und schaut sich um. Als er diese Sammlung übernahm, sah es noch ganz anders aus. Hier hatte der Kinotechniker und Sammler Walter A. Ritschard sein Reich aufgebaut. Ritschard hatte jahrzehntelang Filmvorführungen organisiert und Landkinos technisch betreut. 1980 zog der Filmbesessene mit seinem Material in die Fabrikhallen ein. Als er 1998 starb, hatte er über 10 000 Objekte gesammelt.

«Ich hatte Ritschard durch meine Arbeit als Operateur im Kino Kunstmuseum kennengelernt und war fasziniert von ihm», sagt Landolf. Der studierte Elektroingenieur ist seit seiner Jugend ein grosser Filmlieb­haber. «Als Ritschard starb, waren die Erben überfordert mit dem Material. Sie wollten verkaufen, aber es hat sich niemand dafür interessiert.» Da Ritschard seit längerem die Miete nicht mehr bezahlt hatte, drohte die Räumung, womit das ganze kulturelle Erbe versteigert oder entsorgt worden wäre – für Landolf eine Horrorvorstellung. Er nahm mit den Erben und der Stadt Kontakt auf, unterbreitete ihnen seine Pläne und rettete wenige Tage vor dem Räumungstermin die Sammlung: Landolf beglich die Mietschulden und erhielt die Nutzungsrechte für den Ritschard-Bestand.

Darauf begann die Knochenarbeit: «Gemeinsam mit Freunden räumten wir drei Monate lang nur auf», sagt Landolf. «Unser Ziel war es, möglichst schnell ein Kino einzurichten. Das Material war ja da, und wir wollten die Öffentlichkeit am Ort und an der Sammlung teilhaben lassen.»

Im August 2000 war es so weit: Der erste «Lichtspiel»-Sonntag fand statt. Zu sehen war eine kleine Auswahl von jenen Filmen aus Ritschards Archiv, die das Team um Landolf bereits visioniert hatte. Die Filmvorführungen am Sonntagabend etablierten sich schnell: «Die Idee dieses Abends besteht unter anderem darin, dass wir aus unserem einzigartigen Bestand schöpfen.» Seit Landolfs Team das «Lichtspiel» betreibt, ist der Bestand auf über 14 000 Filmrollen angewachsen. Firmen und Filmverleiher, aber auch Privatpersonen übergeben dem «Lichtspiel» Filmrollen. Das Material wird vor Ort visioniert, in einer öffentlich zugänglichen Datenbank erfasst und in einem Kühlraum gelagert.
Es gibt viel zu tun im «Lichtspiel», und so surrt der Projektor nicht nur am Abend. Auch tagsüber ist hier Hochbetrieb: An einem Projektor sitzt ein Zivildienstler und visioniert Filme, am Computer arbeitet eine der wenigen Festangestellten, nimmt Telefone entgegen und kümmert sich um die Filmprogrammation, einmal pro Woche reparieren in der Werkstatt vier Pensionierte Filmprojektoren. Zwischendurch betritt ein Mann das «Lichtspiel», der alte Super-8-Filme auf DVD überspielt haben möchte.

«Wir sind eine Schnittstelle für alles, was mit Filmproduktion zu tun hat, und wir haben das Bestreben, alles sicht- und erlebbar zu machen – den Film selbst wie auch die Technik», erklärt Landolf.

Oswalt Kolle persönlich

Diese Ambition hat ihren Preis. «Es steckt viel Fronarbeit im ‹Lichtspiel›», so Landolf. Die Stadt Bern unterstützt die Institution jährlich mit 30 000 Franken. Ungefähr so viel beträgt auch die Miete, die an die Stadt bezahlt wird, was das Ganze zu einem Nullsummenspiel macht. Ausserdem finanziert sich das «Lichtspiel» über die Kollekten und die Bareinnahmen der öffentlichen Veranstaltungen, über die Vermietung des Raums für Privatanlässe und über Mitgliederbeiträge – seit Herbst 2000 ist das «Lichtspiel» ein Verein.

Trotz der Unterfinanzierung hat Landolf in den zehn Jahren seine Leidenschaft für das Projekt nicht verloren. Positive Reaktionen und schöne Erinnerungen an spezielle Anlässe spornen ihn immer wieder zum Weiter­machen an. Unvergesslich sei zum Beispiel das Programm mit den Oswalt-Kolle-Filmen im Jahr 2001 gewesen. «Wir hatten Trailer von Kolles Aufklärungsfilmen aus den sechziger und siebziger Jahren in unserer Sammlung und kamen so auf die Idee, eine Filmreihe zu organisieren», so Landolf. Die Reihe wurde ein Riesenerfolg, das «Lichtspiel» von ZuschauerInnen überrannt – an einem Abend war Oswalt Kolle sogar persönlich im «Lichtspiel» anwesend.

Mittlerweile hat das Kino Lichtspiel ein vielfältiges Filmprogramm, zeigt Filme zur Filmgeschichte, programmiert in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Institutionen thematische Filmreihen und veranstaltet Volkshochschulkurse. Das Angebot ist variabel – fix ist einzig der Sonntagabend.

Doch auch dieser hat ein Ende. Nach zwei vierzigminütigen Filmblöcken verstummt der Projektor, das Licht geht an, die ZuschauerInnen räkeln sich in den Sesseln. An der Bar trifft man sich noch, plaudert über den einen oder anderen Kurzfilm, bevor man sich auf den Heimweg macht.

Vor dem Ausgang steht ein oranger säulenartiger Apparat mit Guckloch und der Aufschrift: «Dieser Kinoautomat zeigt Ihnen fremde Schicksale, ferne Länder, Mensch und Tier, Tagesneuigkeiten etc., die mit sprühender Lebendigkeit an Ihrem Auge vor­überziehen. Ein Wurf 20 Cts.» Genau das bietet auch das «Lichtspiel» jeden Sonntag. Wir kommen wieder.

www.lichtspiel.ch

Nachtrag vom 3. November 2011

Berner Filmhaus

Die Zukunft des Kinos Lichtspiel und seiner Filmsammlung sei ungewiss, schrieb die WOZ vor gut einem Jahr. Das Kino, in dem Material aus über hundert Jahren Filmgeschichte gelagert und ausgestellt wird, ist seit elf Jahren auf einem Fabrikareal in Bern Ausserholligen zu Hause. Dort befindet sich auch die Kehrichtverbrennungsanlage, die 2012 geschlossen wird. 2013 soll das ganze Areal neu gestaltet werden.

Seit Mittwoch letzter Woche ist die Zukunft des Lichtspiels klar: Das Kino zieht ins Marziliquartier, in die Räumlichkeiten der Schauspielschule, die die ehemalige Ryff-Fabrik an der Aare verlässt. Die Schule belegt das gesamte Dachgeschoss, das einen grossen und einen kleinen Saal umfasst, mit mehreren kleineren Zimmern dazwischen. Die Freude beim Verein Lichtspiel ist gross: «Die Räume der historischen Fabrik passen perfekt zu unseren Bedürfnissen und Vorstellungen und können ohne Umbauten oder Veränderungen für das Filmhaus genutzt werden.»

Da fünf Berner Filmproduzenten in den unteren Etagen ihre Büroräume einrichten werden, soll ein «Berner Filmhaus» entstehen, das Produktion, Vermittlung und Archivierung unter einem Dach vereint. Bereits im März 2012 sollen die Räume der Öffentlichkeit präsentiert werden. Bis dahin erwartet das «alte Lichtspiel» noch viele interessierte BesucherInnen.

Silvia Süess

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