Nr. 39/2010 vom 30.09.2010

«Eine heilsame Gewohnheit für viele»

Aus dem Buch «Hundert Jahre Volkshaus Zürich» ist viel Sozial- und Kulturgeschichtliches zu erfahren. Über veränderte Auffassungen von Körperpflege zum Beispiel, wie der folgende, leicht gekürzte Vorabdruck zeigt.

Von Rea Brändle

Als das Volkshaus gebaut wurde, gab es in Zürich zehn öffentliche Badstuben. Denn nur 7150 der insgesamt 38 000 Wohnungen hatten eine eigene Wanne. So heisst es im 522-seitigen Rechenschaftsbericht «Gesundheits- und Wohlfahrtspflege der Stadt Zürich», 1909 herausgegeben von Fritz Erismann, einem Sozialdemokraten. Er hatte an der Universität Moskau das Institut für Hygiene geleitet, ehe er in den Zürcher Stadtrat gewählt wurde und sich als Gesundheitsvorstand für das Volkshaus einsetzte.

Wären die vorhandenen Badezimmer auf einer Stadtkarte aufgezeichnet worden, hätte Aussersihl zu den weissen Flecken gehört. Noch 1895 verfügten hier die meisten Wohnungen nicht über fliessendes Wasser, und bis ins 20. Jahrhundert hinein waren viele Familien auf die Gemeinschaftstoilette im Hinterhof angewiesen. Zu Recht also erwartete man von billigen Bademöglichkeiten im Quartier einen hygienischen Nutzen.

Samstagstoilette

Am meisten imponierten die weissen Plättli. Von «blanken Badezellen» im Souterrain berichtete die «Neue Zürcher Zeitung» am 20. Dezember 1910 zur offiziellen Eröffnung. Endlich könne das Baden «eine heilsame Gewohnheit für viele werden», hatte das «Volksrecht» festgehalten und einzig bemängelt, dass man «die Bäder, die Luft und Licht so nötig haben, in den Keller verbannt» habe. Doch die Badegäste schien das nicht zu stören. Der Andrang war so gross, dass nach wenigen Monaten elf zusätzliche Wannen und ein dritter Ofen installiert wurden. Somit gab es für Männer dreizehn Wannen und sechzehn Duschen, in der Frauenabteilung sechzehn Wannen und vier Duschen. Ein halbstündiges Bad kostete vierzig Rappen, für zehn Rappen durfte man zwanzig Minuten in der Duschzelle verweilen. Im Übrigen galt wie im ganzen Haus striktes Alkoholverbot, Trinkgelder waren verpönt, und «unnötiger Wasserverbrauch» war strengstens untersagt – was immer das heissen mochte.

62 Stunden pro Woche waren die Bäder geöffnet, Tag für Tag, ausser am Karfreitag, am Ostersonntag, über Pfingsten, am Bettag, an Weihnachten und an Neujahr. Von Anfang an hatte die Frequenz alle Erwartungen übertroffen: 1911 kamen 114 380 Personen, 1912 waren es 137 828, im folgenden Jahr 158 281; mit den Einnahmen aus dem Souterrain konnten die Defizite in den oberen Etagen gemildert werden. Allerdings brauchte es auch Rückstellungen für die Bäder, weil die Wannen wegen Übernutzung alle paar Jahre ersetzt werden mussten.

Für 1916 sind 163 807 Eintritte verbucht, also 450 jeden Tag. Theoretisch jedenfalls, in Wirklichkeit konzentrierte sich der Andrang auf die Samstagnachmittage. Laut einem Inserat im «Volksrecht» vom Dezember 1910 war die Anlage samstags von 8 bis 21 Uhr geöffnet. Neben der Samstagstoilette gab es weitere Gewohnheiten, die sich über Jahrzehnte nicht veränderten: Frauen wollten baden, Männer lieber duschen.

Auch wenn 1916 als Rekordjahr in die Annalen einging, blieb es finanziell immer eng. Aus Spargründen gab es kürzere Öffnungszeiten, weniger Personal, zusätzliche Ruhetage. Als dies nicht mehr ausreichte, erhöhte man die Preise: 1918 auf einen Franken pro Bad und vierzig Rappen fürs Duschen, 1921 auf 1.50 Franken respektive neunzig Rappen. Der Stiftungsrat wies darauf hin, dass ein weiterer Aufschlag «auf den Gesundheitszustand der ärmeren Bevölkerung nachteilige Folgen» hätte. Tatsächlich wurden die Preise in den dreissiger Jahren wieder halbiert – doch umso rasanter verteuerten sich die Eintritte während des Zweiten Weltkriegs, obwohl nun jeder zusätzliche Zehner von der Eidgenössischen Preiskontrollstelle bewilligt werden musste. Dass trotzdem mehr Badegäste kamen, erklärte sich der Stiftungsrat mit der Verteuerung sämtlicher Brennstoffe, was dazu führte, dass «viele Leute ihre privaten Badwannen nicht mehr betreiben können oder wollen».

Das Volkshaus reagierte mit einem dritten Ruhetag pro Woche. Als im März 1945 das Gas rationiert wurde, blieben die Bäder werktags geschlossen, im Sommer gab es erstmals vier Wochen Betriebsferien. Unter solchen Umständen kann man sich heute kaum vorstellen, wie die Anlage 1945 trotzdem 48 702 Badegäste verkraftete, also täglich 600 Personen in 29 Wannen und 20 Duschen.

Neben dem Leistungsabbau – der nie mehr ganz rückgängig gemacht wurde – gab es fantasievollere Überlebensversuche. Von Anfang an verkaufte das Personal kleine Seifen für zehn Rappen, mit der Zeit erweiterte sich das Angebot, wie eine Preisliste von 1956 zeigt: Heublumenextrakt, Fichtennadelbalsam, Lavendelschaumbäder, Apfelblütenshampoo. Für zehn Rappen konnte man eine Rückenbürste, für zwanzig ein Handtuch ausleihen, später kamen Föne, Rasierapparate und Personenwaagen hinzu. So läpperten sich 1932 rund 11 000 Franken zusammen, 1939 waren es 6881 Franken, 1962 noch 3455, und die Beträge schrumpften weiter, bis sie dann 1975, nicht nur als Folge der Inflation, mit 30 577 Franken einen neuen Rekord erzielten.

Weniger verlässlich waren die Einnahmen aus gemeinnütziger Zusammenarbeit. Institutionen wie das städtische Arbeitsamt, die Sanitätshilfestelle, das Röntgeninstitut oder der Hilfsfonds für Angestellte hatten während Jahren Bäderbons für ihre Klientel gekauft; in den sechziger Jahren begann diese Tradition einzuschlafen.

Neues für die Volksgesundheit

Inzwischen waren die rückläufigen Gästezahlen so alarmierend, dass im Stiftungsrat niemand mehr glaubte, das Problem mit besserer Werbung beheben zu können. «Weil es immer weniger Wohnungen ohne Bad gibt und zudem durch das städtische Hallenbad eine starke Konkurrenz entstanden» sei, wie der Stiftungsrat im Sitzungsprotokoll vom 29. April 1966 festhielt, mehrten sich die Stimmen, die auf radikale Neuerungen drängten. Am 28. April 1968 befürwortete der Stiftungsrat einstimmig eine Umstellung auf Saunabetrieb, unter der Voraussetzung, dass auch nach dem Umbau «das Volkshausbad der einfachsten Bevölkerung erhalten bleibe». Im Klartext: 23 Wannen waren vorerst in die neue Ära mitzunehmen.

Finnische Saunas verhiessen skandinavischen Lebensstil. Dieser galt damals als gesundheitsfördernd, was auch die Kantonalbank überzeugte. Mit ihrem Kredit von 850 000 Franken wurden in der Männer- und der Frauenabteilung je eine Sauna eingebaut. Im kleinen Ruheraum gab es Massagen, später kam ein Solarium dazu. Als Betreiber trat der Krankenkassenverband des Bezirks Zürich auf, und mit ihm handelte man aus, dass das Volkshaus vierzig Prozent an den Einkünften der Sauna und zehn an den Einnahmen der Wannenbäder erhalte. Mitglieder der Zürcher Krankenkassen bekamen verbilligte Abos.

Am 6. Februar 1971 wurde der Umbau eröffnet – die Presse übrigens nahm kaum Notiz davon –, in den nächsten Jahren gab es neue Veränderungen. Weil keine Rückstauklappen zur Kanalisation montiert worden waren, stand die Anlage im Sommer 1972 mehrmals unter Wasser. Mit einem Kredit von 200 000 Franken wurde eine Pumpstation eingebaut; bei dieser Gelegenheit entfernte man einige Wannen und installierte stattdessen eine Privatsauna für Paare und kleine Gruppen.

1978 gab der Krankenkassenverband sein Mandat zurück. Die Verantwortung für Bäder und Sauna übernahm Hans Ruedi Wirz, der junge Volkshaus-Verwalter. Er hatte eine schwierige Aufgabe. Von 1976 bis 1990 sackte die Frequenz der Wannen von 4363 auf 826 ab – die der Duschen gar von 6376 auf 583 –, und auch die Saunen waren nicht so erfolgreich wie erhofft. Bis 1985 gingen die Eintritte von 24 903 auf 17 171 zurück, die nächsten fünf Jahre blieben sie in dieser Grössenordnung stabil, um dann sukzessive weiter abzurutschen. Von diesem Schwund ist wohl niemand überrascht. Erstaunlicher ist vielmehr, dass 1997 immer noch acht Wannen betrieben wurden, benutzt «von Leuten, die Medizinalzusätze oder sonst scharfe Chemikalien verwendeten und befürchten mussten, damit zu Hause die Badwanne zu verfärben», wie Wirz anmerkt. Die Duschen dienten vor allem auswärtigen Monteuren, die in Pensionen in Aussersihl logierten. Was die Sauna betraf, musste man allmählich einsehen, dass deren mögliche Fangemeinde sich in Grenzen hielt. Das änderte sich auch nicht, als 1993 noch ein Niedertemperaturmodell angeschafft wurde.

Beauty, Fitness, Hamam

Die finnische Sauna sei gut für den Blutkreislauf, die Niedertemperatursauna unterstütze die Straffung der Haut, heisst es im Jahresbericht von 1993. Für 36 950 Franken pro Jahr vermietete man damals das Souterrain an den Masseur Bruno Salomon. Doch das neue Beauty- und Wellness-Konzept wurde nicht konsequent durchgezogen. Der Coiffeursalon blieb eine Idee, erst als Salomon 2003 ausgestiegen war, kam es zur Grundsatzdiskussion über die Zukunft des Kellers. Eine Kegelbahn einrichten? Oder ein paar Fitnessgeräte anschaffen? Aber würde dies funktionieren, wo doch die Leute beim Kraft- und Konditionstraining gern aus dem Fenster schauen? Also doch eher eine Bar? Vermietung als Archivraum oder Lager? Daneben gab es Stimmen, die ein grosses Dampfbad wollten, einen Hamam.

Der Entscheid wurde vertagt, da für Investitionen kein Geld übrig war. Zu sehr bescheidenen Konditionen wurde das Souterrain an Nena Djurdjevic vermietet. Sie finanzierte die nötigsten Renovationen, schloss den Trakt mit den übriggebliebenen Wannen und Duschen, um sich auf den Saunabetrieb zu konzentrieren. Es laufe ganz gut, sagt sie, ohne Zahlen zu nennen, zumal es ihr gelungen sei, eine kleine Stammkundschaft zu halten und weitere Kreise zu gewinnen mit Vorstellungen, wie sie sich im Volkshaus bewährt haben. «Preiswert, sauber, volkstümlich, freundlich», sagt Djurdjevic, und auf die Zukunft angesprochen, zuckt sie die Achseln. «Man redet jetzt viel von Wellness, ohne zu bedenken, wie viele solcher Zentren es bereits gibt, prächtige Anlagen, mit viel Glas und Glamour.»

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