Nr. 40/2010 vom 07.10.2010

Wer den Wolf schützen will, muss das Schaf rentabel machen

Mehr Schafmilch trinken und Schaffleisch von geschützten Herden essen.

Von Bettina Dyttrich

Über den Wolf kann fast niemand sachlich reden. Der Walliser SVP-Dichter Oskar Freysinger schimpfte letzte Woche im Nationalrat über die «Vegetarier aus der Grossstadt», die den Wolf schützen wollten, während sie gleichzeitig jedes Jahr «50 000 neue Immigranten in sein Jagdrevier» liessen. Die Polemik hatte Erfolg: Das Parlament will den Wolfsschutz in der Schweiz lockern.

Auf der anderen Seite wettern Face­book-Gruppen von Wolfsfreaks mit romantischen Bildern und Indianerzitaten gegen die «Hobbyzüchter» aus dem Wallis. Und in diesem Punkt haben sie recht: Schafhaltung ist tatsächlich ein Hobby oder (für BäuerInnen) ein Betriebszweig, der nichts einbringt. Der Deckungsbeitrag - das, was übrig bleibt, wenn Kosten für Futter, Tierarzt, Transporte vom Ertrag abgezogen werden - für ein Fleischschaf ist negativ. Vom Fleisch sind nur die besten Stücke gefragt, und das Scheren und Abliefern der Wolle kostet mehr, als es einbringt. Das Schaf ist nichts mehr wert, und gerade deshalb ist es nicht kompatibel mit dem Wolf. Noch immer werden riesige Herden auf der Alp allein gelassen. Bei Rindern wäre so etwas undenkbar, dafür sind sie viel zu wertvoll.

Dem Schaf mehr Wert zu geben, wäre der beste Wolfsschutz. Wie wäre es mit einem Label für Herdenschutz-Schaffleisch? Damit könnten WolfsfreundInnen den Herdenschutz über den Kochtopf unterstützen. Die Inwertsetzung der Wolle ist vertrackter, aber auch hier gibt es Initiativen wie «pUri Wullä» von Urner Bäuerinnen, die ihre Wolle selber verarbeiten und vermarkten. Eine sinnvolle Sache: Ewig werden wir unsere Kleider nicht aus Erdöl herstellen können.

Viel mehr als bei Fleisch und Wolle lässt sich allerdings bei der Schafmilch holen. Der Markt für Schafmilchprodukte ist in den letzten Jahren gewachsen. Was in der Schweiz noch fehlt, ist Schafalpkäse. Er könnte ein gefragtes Produkt werden.

Am Ende gäbe es wohl etwas weniger ­Schafe auf den Alpen. Aber Schafe, die ihren Haltern und Hirtinnen ein Auskommen geben. Unrealistisch? Nicht unrealistischer als die Wieder­ausrottung des Wolfs.

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