Nr. 41/2010 vom 14.10.2010

Die verräterische Uhr auf dem alten Foto

In Alain Claude Sulzers neuem Buch «Zur falschen Zeit» entdeckt ein junger Mann ein gut gehütetes Familiengeheimnis.

Von Bettina Spoerri

Am Anfang steht eine Fotografie. Was Alain Claude Sulzer auf den ersten Seiten seines neuen Romans aus ihr herausschält, behutsam, Schicht um Schicht, ist fast so spannend zu lesen wie eine Kriminalgeschichte. Die alte Fotografie zeigt ein Porträt des früh verstorbenen Vaters des Ich-Erzählers, der eines Tages vor dem vertrauten Bild, das er nie eingehend betrachtet hat, zu stutzen beginnt. Was ist das für eine Uhr, die der Vater da trägt? Und warum zeigt sie Viertel nach sieben Uhr an, eine für einen Fototermin doch recht ungewöhnliche Zeit?

Die Mutter weigert sich, über den Mann zu reden, gibt nur immer so viel preis, dass sich ihrem Sohn noch mehr Fragen stellen. Und so macht sich dieser eines Tages auf, um der einzigen konkreten Spur nachzugehen, mit der er das Rätsel lüften könnte: nach Paris, zum damaligen Fotografen. Er hat Glück, denn der wohnt noch an derselben Adresse. Doch auch dieser André will nicht über die Vergangenheit reden.

Verklausulierte Briefe

In «Zur falschen Zeit» tastet sich ein junger Mann langsam, bald ahnungsvoll und doch lange noch überfordert von dem, was ihm da entgegenkommt, an ein Familiengeheimnis heran. In einer zurückhaltenden, aber in ihrer Präzision intensiven Sprache schildert Sulzer die Verwirrungen und die Neugier seines Ich-Erzählers – und immer mehr ist es nicht nur die Lösung des Rätsels, die man so gespannt erwartet, sondern man lässt sich gerne von der leisen, zarten Sprache des Basler Schriftstellers, die einen sanften, aber unwiderstehlichen Sog entwickelt, durch die Geschichte tragen.

Nicht zuletzt wegen seiner anderen Bücher – «Ein perfekter Kellner» erzählte von einer Liebe zwischen Männern – beginnt man bald einmal zu ahnen, was da verheimlicht werden musste. Der Titel «Zur falschen Zeit» meint viel mehr noch als den seltsamen Fototermin eine homosexuelle Liebe, wie sie in der Schweiz in den fünfziger Jahren nicht offen gelebt werden konnte – und ja auch bis heute in vielen gesellschaftlichen Kreisen alles andere als akzeptiert ist.

Alain Claude Sulzer erweckt die Gegenstände zu Geschichten – so die Seamaster-Uhr am Handgelenk des Vaters auf jener Fotografie, die den Protagonisten wie eine Art Kompass in die Vergangenheit lenkt. Weitere Spuren des Lebens seines Vaters findet er in Paris, wo ihm der Fotograf nicht nur die Uhr, sondern auch Briefe seines Vaters aushändigt, welche er offensichtlich aus einer Klinik an einen Freund geschrieben hat: verklausulierte Briefe, voller Verzweiflung, Hilferufe, die aber den Empfänger auch zu schonen versuchen.

Meister der Inszenierung

An einem bestimmten Punkt im Roman sodann taucht Sulzer ganz in die Vergangenheit ein, bietet eine Rekonstruktion der damaligen Geschehnisse: Wie sich die noch jungen Eltern Emil und Veronika kennenlernten und bald heirateten, wie sie schwanger wurde – und er sich heftig in einen jungen Mann, Sebastian, verliebte. Eine ausweglose Leidenschaft, der sie beide nicht widerstehen können – auch wenn sie andere dabei tief verletzen. Und eine Liebe, die nach ihrer Entdeckung durch die rabiate Mutter Sebastians für die beiden lebensbedrohlich wird. Wiederum mit grosser Spannung folgt man dem riskanten Versteckspiel der beiden Liebenden im Hotel in Südfrankreich, wo Emil seine junge Ehefrau – erst jeweils mittags und bald wann immer möglich – betrügt. Sulzer beschreibt anschaulich, erotisch, sinnlich.

Und doch fragt man sich, wer hier nun erzählt: Ist das die Fantasie des recherchierenden Sohnes? Woher sonst weiss er das alles so plötzlich, da ja André und die Mutter ihm nie ganz alles erzählen – jedenfalls nicht in diesen Einzelheiten? Hier fällt die suchende Bewegung im Text, die vom Autor in der ersten Hälfte des Buches so faszinierend ausgebreitet worden ist, streckenweise in sich zusammen, wenn manche Brüche zugekittet und die Ereignisse fast lückenlos aufgeklärt werden. Alles in allem aber zeigt «Zur falschen Zeit» einmal mehr, was für ein Meister der Inszenierung bedeutungsvoller Details dieser Schriftsteller ist.

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