Nr. 43/2010 vom 28.10.2010

Schuld sind wieder die anderen

Die Bankenbranche gerät in die Krise und führt ganze Gesellschaften an den Rand des Abgrunds. Stellen sich die ProtagonistInnen ihrer Verantwortung? Nein. Das zeigt ein Buch mit Porträts aus der Bankenwelt.

Von Stefan Howald

Der Buchtitel ist ein eingängiges Wortspiel. «Strukturierte Verantwortungslosigkeit» spielt auf jene «strukturierten Produkte» an, mit denen die Börsenhändler global Amok liefen und damit wesentlich zur Finanzmarktkrise beitrugen. Dem wird mit der Verantwortung ein Begriff beigesellt, der in der Ökonomie normalerweise ausgeklammert wird. Und die Verknüpfung beider Wörter bindet alles in die Systemtheorie ein. Werden damit die Einzelnen aus der Verantwortung entlassen? Das ist eine der Fragen, die dieses Buch aufwirft.

Die Idee dazu entstand Ende 2008. Damals fanden sich die SoziologInnen Claudia Honegger (Bern), Sighard Neckel (Wien) und Chantal Magnin (Frankfurt am Main) mit weiteren WissenschaftlerInnen zusammen und entschieden, angesichts der aktuellen Krise müsse die Bankenwelt erforscht werden. Und zwar anhand der «handelnden Personen». Das Projekt war von vornherein länderübergreifend geplant, als Zusammenarbeit von drei Universitätsinstituten in der Schweiz, Deutschland und Österreich. In den ersten Monaten 2009 befragten dann Teams in den drei Ländern zahlreiche BankerInnen.

Eingreifende Wissenschaft

So ist das Buch zuerst einmal als Projekt interessant: international, aktuell, schnell. Man könnte es eingreifende Wissenschaft nennen. Der Hauptteil besteht aus kommentierten Gesprächen von durchschnittlich sechs Seiten. Die HerausgeberInnen nennen die verwendete Textform «soziologische Porträts», bei denen der Einzelfall mit dem Typischen verbunden werde. Die 31 Porträtierten, davon sechs Frauen, entstammen vier Arbeitsbereichen. Zuerst sind da die Systementwickler und IT-Spezialisten. Es folgen die FinanzberaterInnen, Devisenhändler und Investmentbanker. Danach Vertreter der klassischen Geschäftsbanken und PrivatkundenbetreuerInnen; schliesslich Steuerberater und Fondsmanager.

Das ergibt eine reichhaltige Materialsammlung und Fundgrube. Dabei dominiert das mittlere Kader. Insbesondere bei den Investmentbankern hat nicht die Führungselite in die Aufnahmegeräte gesprochen; anders bei den Vertretern der Geschäftsbanken, wo auch mal ein Direktor sich damit brüstet, den Verlockungen des Casinokapitalismus widerstanden zu haben. Die meisten Befragten wurden durch die Krise aufgeschreckt, überrascht, auch enttäuscht; sie wird vor allem als Vertrauenskrise wahrgenommen: im Publikum und in der Öffentlichkeit, aber auch untereinander.

Die Schuldzuweisungen freilich erfolgen strikt arbeitsteilig. Die eigene Tätigkeit ist zumeist der letzte Bereich, der unangefochten dasteht. Die IT-Spezialisten verstehen sich sowieso nur als Handlanger und lehnen jede Verantwortung für die Verwendung ihrer Projekte ab. Die deutschsprachigen Investmentbanker machen eine Übertreibung durch die Angelsachsen geltend. Die VertreterInnen klassischer Geschäftsbanken sind zornig auf die Investmentbanker, die ihre ganze Branche in Verruf gebracht haben, wobei zuweilen auf das kleingewerbliche Vorbild des «ehrbaren Kaufmanns» zurückgegriffen wird. Und die Steuerberater berufen sich auf den Gesetzgeber, der alle diese Schlupflöcher zugelassen habe.

Schuld sind auch die KundInnen, die das Spiel mitgespielt haben. Das ist ja nicht ganz unrichtig. Ohne viele gutgläubige und risikobereite Kreditnehmerinnen und Anleger wäre die Abzockerei nicht so lange aufgegangen. Aber es ist nicht mal die halbe Wahrheit. Dahinter steckt die ideologische Konstruktion des angeblich mündigen Homo oeconomicus. Als verzerrtes Spiegelbild dazu dient die Behauptung, Gier sei eine anthropologische Konstante der Menschen. Womit die persönliche Verantwortlichkeit einmal mehr abgewiesen wird.

Männliches Triebschicksal

Die Gespräche werden vertieft durch essayistische Analysen der Vertrauenskrise, der Bonifrage, der Mechanismen von Finanzskandalen. Besonders anregend ist der Beitrag von Claudia Honegger, die in ihren Reflexionen über die Geschlechterfrage in der Bankenwelt auf Immanuel Kant zurückgreift: Der hat die Sekundärleidenschaften Ehrsucht, Herrschsucht und Habsucht scharf kritisiert, sie allerdings nicht als anthropologisch gegeben betrachtet, sondern als aus einer Kultur hervorgegangen. Honegger spitzt aktuell zu, die Konzentration auf Geldwert und Geldspekulation möge «durchaus das Format eines männlichen Triebschicksals angenommen haben».

Erstaunlich schnell nach der Krise hat der Courant normal eingesetzt. Die Boni wurden nach kurzem Zögern wieder ausgeschüttet, die unstabil hohen Renditen der Banken werden wieder als Geschäftsziele verkündet, und die Too-big-to-fail-Problematik bestätigt den Bankern erneut ihre angebliche Unersetzlichkeit. Sighard Neckel meint in einem Beitrag über die «Krise der Erfolgskultur», die Finanzelite habe in der Öffentlichkeit «ihren Kredit weitgehend verspielt». Das scheint zutreffend und eine angemessene Metapher. Aber wie alle Metaphern ist sie ein wenig zweideutig. Den symbolischen Kredit mögen die Banker verspielt haben, doch über die realen Kredite verfügen sie nach wie vor. Der Band liefert bemerkenswerte Einblicke zur Selbsteinschätzung, zum Habitus und zur Ideologie eines sozialen Typus. Die Bankenwelt bleibt aber handfester und materieller mit dem kapitalistischen System verhängt, als es diese kulturell orientierte Analyse zeigt.

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