Nr. 43/2010 vom 28.10.2010

Eine andere Geschichte des Nahostkonflikts

Yves Wegelin

Wenn JournalistInnen über den Nahostkonflikt schreiben, lassen sie meist die grossen selbstverliebten Männer reden: Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, PLO-Chef Mahmud Abbas, US-Präsident Barack Obama. Da fallen dann meist nur leere Worte, die niemand mehr hören mag. Gut, gibt es da noch Bücher wie jenes von Sybille Oetliker, bis vor einem Jahr Jerusalem-Korrespondentin für verschiedene Schweizer Zeitungen. In «Standhaft – Rechtlos: Frauen im besetzten Palästina» porträtiert sie über ein Dutzend palästinensische Frauen aus Jerusalem, dem Westjordanland sowie dem Gazastreifen. Da ist etwa Amal al-Kasem, die 1967 mit sieben Jahren miterlebte, wie die israelische Armee Ostjerusalem eroberte, die später in Sofia studierte und heute mit ihren Kindern alleine in Jerusalem lebt, weil die israelischen Behörden ihr das Aufenthaltsrecht entziehen würden, falls sie zu ihrem Mann nach Ramallah (Westjordanland) zöge. Oder die siebzehnjährige Salam Kanaan Amira, die im Juli 2008 in der ganzen Region bekannt wurde, nachdem sie mit ihrer Videokamera einen israelischen Soldaten gefilmt hatte, wie er einem jungen Palästinenser aus nächster Nähe in die Beine schoss, und das Video dann einer israelischen Menschenrechtsorganisation zusandte, die es ins Internet stellte. Oder schliesslich die tief verschleierte Omayya Dschoha, die für die grössten palästinensischen Zeitungen sowie den internationalen Fernsehkanal al-Dschasira politische Karikaturen zeichnet. Oetliker erzählt mit ihren Porträts nicht nur eine andere Geschichte über den Nahostkonflikt als jene, die wir aus den Medien hören. Sie kratzt auch an den Klischees, die wir über arabische Frauen haben – ohne die vorherrschenden patriarchalen Verhältnisse zu beschönigen.

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