Nr. 43/2010 vom 28.10.2010

Ein Retourbillett nach Moskau

Über mangelhafte Infrastruktur, Bürokratie, grenzenlose Gastfreundschaft und den ewigen Reiz des Fremden.

Von Thomas Bürgisser

Der Refrain trieft vor Sarkasmus: «Alles läuft nach Plan». Mit diesem Lied hat die sowjetische Punkband Graschdanskaja Oborona (Bürgerwehr) in den Jahren der Perestroika ihre grössten Erfolge gefeiert, und heute ist der Satz ein geflügeltes Wort: Erschien das Leben den Menschen in der ehemaligen Sowjetunion doch über Jahre hinweg als unplanbar und chaotisch. Ende der achtziger Jahre, als das Album herauskam, gerieten nicht nur die kommunistische Staatsideologie und die zentralistische Planwirtschaft ins Schwanken. Auch die Grenzen, die das Sowjetimperium vor dem kapitalistischen Ausland schützen sollten, wurden löchrig. So ergaben sich Möglichkeiten für einen Austausch zwischen der UdSSR und der Schweiz.

Die Juniorenmannschaft des SC Kriens machte 1988 den Anfang. Überraschend erhielten die Innerschweizer von den sowjetischen Behörden die Erlaubnis für einen Trainingsaufenthalt im ukrainischen Krementschuk – kurz darauf stand der Gegenbesuch der A-Junioren des FK Kremin in der Zentralschweiz an. Der Erfolg des Projekts gab den OrganisatorInnen Mut. Im April 1989 wurde schliesslich das Stiftungswerk aus der Taufe gehoben, das sich seit mehr als zwanzig Jahren für den Austausch von Jugendlichen zwischen der Schweiz und der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) – den Nachfolgestaaten der Sowjetunion (inklusive Russland, aber mit Ausnahme der drei baltischen Staaten) – einsetzt; damals freilich noch unter dem Namen «Jugendaustausch Schweiz-UdSSR». Seither vermittelt die Stiftung Jugendlichen ein wachsendes Angebot an Sprachkursen, Gastfamilien, Praktika und Arbeitseinsätzen im Sozial- und Bildungswesen in Weissrussland, der Ukraine, Russland und Kirgisistan.

Mit einem redaktionell etwas verwirrlichen, gestalterisch gewagten, aber mit teils wunderbaren Bildern illustrierten Buch mit dem Titel «Alles läuft nach Plan» feiert die Organisation nun ihre Gründung. Gut zwei Dutzend Autorinnen und Autoren beschreiben darin ihre Erlebnisse in der Schweiz und der ehemaligen Sowjetunion; sie berichten in kurzen anekdotischen Texten von ihren Erfahrungen mit mangelhafter Infrastruktur und zwängerischer Bürokratie, von grenzenloser Gastfreundschaft und dem ewigen Reiz des Fremden. Ihre Erinnerungen aus zwei Jahrzehnten spiegeln die Erfahrungen eigener «Ostaufenthalte» und schildern das «kleine, aber feine» Beziehungsnetz, das sich heute zwischen Menschen in Aarau und dem Altai, zwischen Baden und Bischkek spannt und das zum gegenseitigen Verständnis und zur Erweiterung der Wahrnehmungshorizonte beiträgt.

www.schweiz-gus.ch

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