Nr. 44/2010 vom 04.11.2010

Unternehmen Vernünftigung

Alexander J. Seiler

Robert Mächler (1909–1996) ist vor allem durch seine 1966 erschienene und 1992 neu aufgelegte Biografie «Das Leben Robert Walsers» bekannt geworden. In Baden als Sohn eines Kaufmanns aufgewachsen, wandte er sich nach an Jünglingsfiguren des frühen Hermann Hesse gemahnenden Jugendkrisen der Literatur und dem Journalismus zu. Ab 1960 finanziell unabhängig, zog er sich in Unterentfelden in eine Kellerwohnung zurück und widmete sich in gewolltem Einzelgang ganz einem Unternehmen, das er «Vernünftigung» nannte. Die «Unvernunft» bekämpfte er, wo immer er sie fand – in der Herrschaft von Kirchen und Staat, in der Selbstgefälligkeit eines kommerzialisierten Kulturbetriebs, aber auch in einem nihilistischen Atheismus.

«Aus intellektueller Redlichkeit mag ich nicht behaupten, es gebe Gott. Aus verschiedenen andern Gründen würde ich noch weniger zu behaupten wagen, es gebe ihn nicht.» So lautet einer der vielen Aphorismen, in denen er seine eigentliche Ausdrucksform fand. Aus der seelischen und sozialen Einsamkeit, in der er seine eigenen Widersprüche einer «unvoreiligen Versöhnung» (Ludwig Hohl) zuzuführen trachtete, suchte Mächler den Dialog mit Menschen, in deren Werken und Wirken er eine Verwandtschaft aufspürte. Im Nachlass fanden sich Briefe an und von über 400 Korrespondenten, darunter Max Brod, Ludwig Hohl, Arnold Künzli, Kurt Marti, Adolf Muschg, Hans Saner.

Aus diesem Fundus hat Gabriele Röwer eine liebevoll recherchierte und klug kommentierte Auswahl getroffen. Auffallend ist, dass sich aus der Korrespondenz nur selten ein Gespräch ergibt – es bleibt meist beim Austausch gegenseitiger Wertschätzung, aber auch gleich wieder betonter Abgrenzung. Dass Mächlers Bemühung um die «Vernünftigung» einer bodenlos unvernünftigen Welt auch bei Sympathisanten seltsam wirkungslos blieb, ist wohl auch ihrem eigenen unbewussten und uneingestandenen missionarischen Anspruch zuzuschreiben.

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