Nr. 48/2010 vom 02.12.2010

Wie Mussolini zum «guten Onkel» wurde

Verstehen Sie eigentlich noch, was in Italien politisch abläuft? Wer da grad an welcher Schraube dreht und weshalb die Rechte trotz ihrer Skandale populär ist? Wenn nicht, dann lesen Sie zwei Bücher.

Von Pit Wuhrer

In der norditalienischen Stadt Reggio Emilia steht am Rande der grossen Piazza della Vittoria ein kleines Denkmal. «Im Volkskampf gegen die autoritäre Restauration sind am 7. Juli 1960 auf diesem Platz fünf Antifaschisten gefallen», heisst es auf der in den Betonsockel eingelassenen Kupfertafel. Es folgen die Namen, darunter die von zwei ehemaligen Partisanen. Die fünf Männer waren von der Polizei erschossen worden, als sie – wie damals im Sommer 1960 Hunderttausende – gegen die Regierung des rechten christdemokratischen Ministerpräsidenten Fernando Tambroni protestierten. Diese hatte dem neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI) gestattet, einen Parteitag in Genua abzuhalten, damals eine antifaschistische Hochburg. In Nord- und Mittelitalien – teilweise sogar im konservativen Süden – kam es zu Demonstrationen, Kundgebungen und Streiks; der Parteitag wurde abgesagt.

Heute darf herumgepöbelt werden

Und heute? Heute können Abgeordnete von MSI-Nachfolgeorganisationen im Parlament herumpöbeln. Heute darf ein Kabinettsmitglied wie die Tourismusministerin Michela Vittoria Brambilla an einer Carabinieriveranstaltung den rechten Arm zum faschistischen «römischen Gruss» recken – und kaum jemand fordert ihren Rücktritt. Heute haben zahlreiche Gemeinden Strassen, Plätze und Parks nach dem MSI-Gründer Giorgio Almirante benannt. Und Gianfranco Fini, Almirantes politischer Ziehsohn, der den faschistischen Diktator Benito Mussolini einmal den «grössten Staatsmann des 20. Jahrhunderts» genannt hatte, gilt als demokratischer Hoffnungsträger, weil er sich von Silvio Berlusconi getrennt hat.

Was ist da falsch gelaufen? Warum hat sich in Italien im Unterschied zu anderen europäischen Staaten, die nach dem Ende des Kalten Kriegs ihre Geschichte aufzuarbeiten begannen, ein Geschichtsrevisionismus entfalten können, der es auch bürgerlichen Politikerinnen und Honoratioren erlaubt, die «guten Seiten» des italienischen Faschismus hervorzuheben, der eine Million Menschen das Leben gekostet hat? Wieso darf Italiens Ministerpräsident Berlusconi behaupten, das «gutartige» Regime des «Duce» habe niemanden ermordet, sondern bloss ein paar Antifaschisten «in Urlaub» geschickt? Diese Fragen beantwortet der Luzerner Historiker und Faschismusforscher Aram Mattioli in seinem neuen, überaus informativen, mit vielen Quellen belegten Buch «Viva Mussolini!».

Mattioli schildert detailliert die «Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis» (so der Untertitel). Er beschreibt, wie sich unmittelbar nach dem Niedergang der Ersten Republik 1994 – die Skandale von Tangentopoli hatten das alte Parteiensystem und insbesondere die staatstragende Democrazia Cristiana zu Fall gebracht – das Rechtsbündnis von Forza Italia, Lega Nord und der MSI-Nachfolgepartei Alleanza Nazionale daran machte, den italienischen Faschismus zu verharmlosen. Nüchtern und kenntnisreich zeigt er auf, dass schon in den achtziger Jahren die SozialistInnen um Bettino Craxi den damals noch vorhandenen antifaschistischen Grundkonsens aufbrachen. Und dass auch die KommunistInnen Mitschuld daran hatten, dass es in Italien nie zu einer Aufarbeitung der faschistischen Geschichte kam.

Generalamnestie durch Togliatti

Denn es war der kommunistische Parteichef Palmiro Togliatti gewesen, der schon 1946 als damaliger Justizminister eine Generalamnestie erliess. Togliatti habe schon in seinem Moskauer Exil die Ansicht vertreten, so Mattioli, «dass es der Faschismus nicht vermocht habe, in die Seelen der Italiener einzudringen und diese zu korrumpieren, weil diese Diktatur im Widerspruch zu den tief verwurzelten Traditionen der italienischen Zivilisation stehe».

Der Faschismus als Betriebsunfall? Es waren natürlich nicht nur Naivität, Anpassung und Einfallslosigkeit, die die Politik der Kommunistischen Partei PCI nach dem Kriegsende prägten (sehr schön beschrieben von der ehemaligen Partisanin und linken Kommunistin Rossana Rossanda in ihrem Erinnerungsband «Die Tochter des 20. Jahrhunderts», Suhrkamp-Verlag, 2007). Auch taktische Erwägungen spielten bei Togliattis Amnestie eine Rolle: Die nach dem Krieg zutiefst gespaltene Bevölkerung sollte geeint werden.

Demontierte Mythen

Die Folgen waren verheerend. Denn plötzlich waren alle ItalienerInnen in der Resistenza gewesen, der Antifaschismus verkam zur Monstranz, der PartisanInnenkampf – bei dem Zehntausende ihr Leben verloren – wurde mythisch überhöht. Und konnte wie alle Mythen demontiert werden. Rechte PublizistInnen fanden heraus, was seriöse Historiker längst geschrieben hatten, die Linke aber nie wahrhaben wollte: Auch die Resistenza hatte Kriegsverbrechen begangen. Es waren zwar nur wenige Fälle im Vergleich zu Mussolinis Massakern in Libyen, in Äthiopien, auf dem Balkan und im Spanischen Bürgerkrieg. Aber Berlusconis Medienmaschinerie griff jede Kritik an der Resistenza begierig auf, zermalmte die Erinnerung an den wahren Charakter des Faschismus («der gute Onkel Mussolini») und beförderte mit der Gleichsetzung von Faschismus und Antifaschismus die von der italienischen Bourgeoisie seit langem vertretene Ansicht, dass Mussolinis Diktatur nur ein historisch notwendiges Modernisierungsregime gewesen sei.

Dass sie das nie war, dass die «Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert» vor allem als eine Geschichte von Klassenkämpfen und politischen Auseinandersetzungen gelesen werden muss, zeigt das neue Buch des enorm faktenkundigen Historikers Hans Woller, dessen Recherchen auch Mattioli zitiert. In der wohl besten deutschsprachigen Zusammenfassung der italienischen Geschehnisse während der letzten hundert Jahre beschreibt Woller die Ursachen für die vielfältige Zerrissenheit des Landes. Seit der Staatsgründung 1861 ist Italien geteilt – in Nord und Süd, in Arm und Reich, in links und rechts. Woller (fürwahr kein Linker) erläutert, wieso es zur bemerkenswerten Distanz zwischen Bevölkerung und Staat kam (die Haltung des Vatikans spielte eine erhebliche Rolle), weshalb die Industrialisierung in Italien so spät erfolgte, was deren Scheitern mit Berlusconis Aufstieg zu tun hatte – und dass die Politik der PCI nicht etwa von Moskau, sondern in Washington bestimmt wurde: Während der Blockkonfrontation des Kalten Kriegs drohten die USA wiederholt mit einer militärischen Intervention, sollten die BürgerInnen des Frontstaats Italien eine linke Regierung wählen.

Wer Zeit hat, sollte beide Bücher lesen. Und hat nach der Lektüre viel begriffen.

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