Nr. 48/2010 vom 02.12.2010

Keine Zeit für Alpaufzüge

Von Bettina Dyttrich

Die Schweizer Landwirtschaftspolitik wird wieder einmal reformiert. Letzte Woche stellte das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) der Presse die neusten Pläne vor: die Weiterentwicklung des Direktzahlungssystems (WDZ), die ab 2014 umgesetzt werden soll. Die WDZ hat gute, ökologisch sinnvolle Elemente: eine stärkere Gewichtung der Biodiversität, Anreize für schonenden Umgang mit dem Boden, und der Ackerbau soll stärker gefördert werden, die Tierhaltung etwas weniger.

Doch die Ökologisierung ist eine selektive. Die WDZ soll auch vorbereiten auf die laut BLW-Direktor Manfred Bötsch «unumgängliche» Liberalisierung der Agrarmärkte, die Unmengen von sinnlosen Transporten verursachen wird. Und sie soll die «Bodenmobilität erhöhen»: kleine Höfe zum Verschwinden bringen, damit grosse wachsen können. Dazu soll die Schwelle, ab der man Direktzahlungen erhält, hinaufgesetzt werden. Festgelegt ist diese Schwelle nicht nach Betriebsgrösse, sondern nach Arbeitsaufwand.

Das BLW betont immer wieder stolz die «Multifunktionalität» der Schweizer Landwirtschaft: Sie produziere nicht nur Lebensmittel, sondern auch ökologischen, kulturellen und touristischen Mehrwert. Allerdings sind es oft gerade die kleinen, vielfältigen Höfe, die das tun: Sie pflanzen Pro-Specie-Rara-Gemüse, schaffen Arbeit für Behinderte oder engagieren sich zusammen mit KonsumentInnen für eine regionale Landwirtschaft.

Auf den grossen, «effizienten» Betrieben, die BLW und Bauernverband fördern wollen, ist der Alltag heute durchrationalisiert wie in einer Fabrik. An den landwirtschaftlichen Schulen werden Arbeitsgänge bis auf die Minute ausgerechnet und durchgeplant. Wer hat da noch Zeit für Multifunktionalität? Ein Beispiel dazu lieferte diesen Sommer der «Bund» mit einem Artikel über den Berner Bauern Hansjörg Beutler: Er komme nicht mehr dazu, mitten in der arbeitsintensivsten Zeit seine Rinder für den Alpaufzug zu schmücken, sagte er. Nun gehen seine Rinder halt nicht mehr auf die Alp. Ade, kultureller Mehrwert. Ob es da etwas nützt, dass das BLW die Sömmerungsbeiträge verdoppeln will?

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