Nr. 01/2011 vom 06.01.2011

Der Himmel stösst an Grenzen

Wirtschaftskrise, Peak Oil und Klimakatastrophe als Ausdruck des gleichen Problems: Der deutsche Ökonom und Autor Elmar Altvater plädiert für «solaren Sozialismus».

Von Bettina Dyttrich

Elmar Altvater ist 72. Der Politikwissenschaftler, Ökonom, emeritierte Professor der Freien Universität Berlin, Buch- und WOZ-Autor könnte sich eigentlich zur Ruhe setzen. Doch dazu sind die Zeiten viel zu turbulent.

Politische Antworten auf die Debakel der vergangenen drei Jahre liessen sich nur finden, «wenn über die Ursachen, die Auslöser, die Abläufe und über die Folgen der Krise Klarheit herrscht», schreibt Altvater am Anfang seines neuen Buchs. Da und dort ist dem Text anzumerken, dass er in Eile geschrieben wurde: Die kaputte Ölplattform heisst nicht «Deepsea Horizon», und der griechische König, in dessen Händen sich alles in Gold verwandelte, war Midas, nicht Krösus. Doch das ändert nichts daran, dass Altvater Wichtiges zu sagen hat. Seine Stärke ist das Denken auf verschiedenen Ebenen: Er argumentiert gegen die Sparprogramme für die verschuldeten EU-Länder, weil sie deren Probleme verstärken. Gleichzeitig schaut er aber über das heutige System mit seinem Wachstumszwang hinaus.

Die Krise kommt ins Zentrum

Wie ist es zur Krise gekommen? Altvater blickt zurück und zeigt, dass die Entwicklungen der letzten Jahre kein Unfall waren: «Immer neue Schulden und daher auch Schuldner zu kreieren, ist eine Bedingung dafür, dass Geldvermögen gebildet, wertbeständig gehalten und gemehrt werden können.» Schulden zu machen sei «nicht Ausdruck von ökonomischer Inkompetenz», sondern «systemfunktionales Erfordernis des modernen Kapitalismus».

Auch Schuldenkrisen gibt es schon lange: Altvater zeigt, wie die billigen Dollarkredite in den siebziger Jahren zur grossen Verschuldung der «Dritten Welt» führten und dass Schulden ein wichtiger Grund für den Zusammenbruch der realsozialistischen Länder waren. In den neunziger Jahren waren dann die Schwellenländer dran, und heute sind die Krisen in den Zentren des Kapitalismus angekommen.

Die Mechanismen sind also nicht neu. Aber die deregulierten Finanzmärkte mit ihren neuen «Instrumenten» haben sie verschärft. Altvater vergleicht die Finanzmärkte mit dem Himmel, dem die «ganz irdischen sozialen Konflikte zwischen Lohnarbeit und Kapital» gegenüberstehen. Was dem «Himmel» Profite beschert – etwa das Ausschlachten von Firmen und das Verkaufen der lukrativsten Teile – tut der «Erde» oft gar nicht gut. Der Autor kennt die Welt der Finanzmärkte: Er erläutert, was Subprime-Kredite oder Credit Default Swaps sind, warum eine tiefe Eigenkapitaldeckung die Rendite einer Bank steigern kann, wie Ratingagenturen zur Krise beigetragen haben und warum der Finanzkapitalismus als Umverteilungsmaschine von unten nach oben funktioniert.

Doch Altvater ist keiner jener Linken, die den Kasinokapitalismus geisseln, aber die «Realwirtschaft» verklären. Denn er weiss, dass es neben «Himmel» und «Erde» noch eine dritte Ebene gibt: die Natur. Es klingt banal und geht doch oft vergessen: «Die Natur funktioniert anders als ein kapitalistisches Unternehmen. In der Natur geht es nicht um Effizienz und Profitabilität.» Wer die Kosten der Naturzerstörung in Geldwerten ausdrücken wolle, betrüge sich selbst: «Auch wenn wir eine ausgerottete Pflanzen- oder Tierart in Geld aufwiegen könnten, sind wir nicht in der Lage, sie wieder zum Leben zu erwecken.»

Die Wirtschaft stösst also an die Grenzen der Natur. Am deutlichsten wird das bei den fossilen Energieträgern: «Sie sind die Quelle, aus der sich die hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten speisen» – und sie gehen zur Neige. Auch andere Ressourcen und Ackerland werden knapp, die Abgase heizen das Klima an – die Wirtschaft und damit der Profit können auf der «begrenzten Kugelfläche des Planeten Erde» nicht unendlich wachsen.

Skizze statt Schlachtplan

Die Grenzen des Wachstums sind ein gewichtiger Grund, warum Altvater nicht an Wirtschaftsankurbelung nach den Rezepten von John Maynard Keynes aus den dreissiger Jahren glaubt. Er sieht weitere Gründe: Arbeits- und Finanzmärkte sind international stärker verflochten, das Kapital «hochmobil» und kein Land mehr autonom bei der Gestaltung seiner Geldpolitik. Weitere «Reparaturen am System» würden die ökologischen und sozialen Probleme nur verschärfen. Auch die Idee eines Green New Deal, der mit Ökotechnologien neues Wachstum bringen soll, überzeugt Altvater nicht: Deren VertreterInnen hätten ein «naives Grundvertrauen in die Funktions- und Reformfähigkeit des kapitalistischen Weltsystems».

Es brauche Sozialismus, sagt Altvater. Damit meint er nicht «zurück zur Sowjetunion»: «Anders als der Sozialismus des 20. Jahrhunderts muss der Sozialismus des 21. Jahrhunderts die sozialökologische Frage ins Zentrum stellen.» Auch zentrale Planung lehnt er ab: «zu kompliziert, zu bürokratisch und viel zu autoritär». Anzustreben sei ein Wirtschaftssystem ohne Wachstum, Profit und Rendite. Wie kommen wir dorthin? Altvater hat keinen Schlachtplan ausgearbeitet, weist jedoch in eine Richtung: Schutz und Wiederaneignung von Gemeineigentum wie Wasser, Boden und Bildung, genossenschaftliche Wirtschaft und Regulierung der Finanzmärkte.

Altvater bleibt realistisch, wenn er sagt, eine Revolution sei nicht absehbar. Was es aber brauche, seien «revolutionäre Transformationen» hin zu erneuerbaren Energien. Das allein werde einiges verändern: «Die erneuerbaren Energien sind langsamer, sie lassen die enorme Beschleunigung aller Prozesse in Arbeit und Leben, wie sie mit den fossilen Energien möglich war, nicht zu.» Soziale Bewegungen und Staat könnten sich ergänzen: «Wenn ökologisch und sozial sinnvolle grüne Investitionen nicht genügend Profit bringen und daher unterbleiben, muss die öffentliche Hand sie durchführen.»

Doch wie erreichen solche Positionen eine Mehrheit? Diese Antwort bleibt der Autor schuldig. Das Schlusskapitel ist eine Skizze, vielleicht mit Absicht. Altvater zitiert den kürzlich verstorbenen Historiker Tony Judt: «Je perfekter die Lösung, desto schrecklicher ihre Folgen.» Offener, demokratischer Prozess statt Zentralkomitee: Das ist eine wichtige Konsequenz des 20. Jahrhunderts.

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