Nr. 04/2011 vom 27.01.2011

Die inszenierte Wutwelle

Von Nick Lüthi

Gibt man ihm nur eine Plattform, dann kennt der Wutbürger kein Halten mehr; dann muss es raus. Damit es einmal gesagt ist. Und tritt der Wutbürger massenhaft in Erscheinung, dann rollt eine regelrechte «Wutwelle» heran. So auch am vergangenen Sonntag. Mehr als 19 000 Leserinnen und Leser des «SonntagsBlicks» machten ihrem Ärger über die Empfangsgebühren für Radio und Fernsehen Luft. Was die SRG an Programmen biete, sei die 462 Franken pro Jahr nicht wert. Als Anwältin der Empörten durfte sich SVP-Nationalrätin Natalie Rickli aufspielen, die im Ringier-Blatt unwidersprochen von «Gebührenterror» faseln durfte. Wetten, dass die Mehrheit der 19 000 Empörten und Schikanierten am Samstag vor der Glotze mitfieberte, als Didier Cuche die Streif runterbretterte? Und sich selbstverständlich keinerlei Gedanken über die Kosten einer TV-Sportproduktion machte?

Die inszenierte «Wutwelle» sagt mehr über den «SonntagsBlick» und sein Publikum aus als über Preis und Qualität von Schweizer Radio und Fernsehen. Denn wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Man kann zum Beispiel eine für die Gesamtbevölkerung repräsentative Auswahl nach der Zufriedenheit mit Radio und Fernsehen in der Schweiz befragen. So geschehen Ende 2009. Letzte Woche hat das Bundesamt für Kommunikation, in dessen Auftrag die Uni Zürich die Befragung durchgeführt hatte, die Ergebnisse veröffentlicht. Und siehe da. Wer schwingt obenaus? Die Radio- und TV-Programme der SRG. In allen Altersgruppen und Bildungsschichten stossen die gebührenfinanzierten Sender auf grosse Zufriedenheit. 70 Prozent aller Befragten sind mit der gebotenen Qualität des öffentlichen Radios sehr oder ziemlich zufrieden, beim Schweizer Fernsehen sind die Werte nur unwesentlich tiefer. Das ist kein überraschendes Resultat und deshalb den meisten Medien keine Schlagzeile wert, obwohl die Aussagekraft einer wissenschaftlichen Studie einiges grösser ist als die einer nicht repräsentativen Spontanumfrage, wie sie der «SonntagsBlick» veranstaltete.

Das Thema der Radio- und Fernsehgebühren eignet sich immer wieder, um «Wutwellen» loszutreten. Stets an vorderster Front dabei: die «Blick»-Gruppe von Ringier. Vor zwei Jahren lieferte die Kampagne «Bye, bye Billag» die Schlagzeilen. Eine Volksinitiative zur Festsetzung der Empfangsgebühren auf hundert Franken pro Jahr wurde vollmundig angekündigt. Von «riesiger Zustimmung» und einem «Grosserfolg» wusste das Ringier-Blättchen «Blick am Abend» zu berichten. Bis heute hat niemand ein solches Volksbegehren lanciert. Der «Grosserfolg» bestand lediglich aus ein paar Tausend Mitgliedern einer Facebook-Gruppe; vermutlich dieselben, die sich nun beim «SonntagsBlick» über die Höhe der Gebühren beschwerten und die neue «Gebührenmonster»-Petition signieren. Auch hier besorgen «Blick» & Co. die Hofberichterstattung. Die SRG ist nicht zuletzt deshalb ideal als Prügelknabe, weil sie praktisch unkommentiert auf sich einschlagen lässt. So wollten weder Generaldirektor Roger de Weck noch Radio- und Fernsehdirektor Rudolf Matter zur jüngsten «Wutwelle» Stellung nehmen. Sie schickten Finanzchef Daniel Jorio vor, der mit seiner Buchhalterattitüde perfekt ins Zerrbild der Wutbürger von der geldverschlingenden SRG passt. Die SRG kann sich diese noble Zurückhaltung offenbar leisten. Sie weiss, dass sie die Politik auf ihrer Seite hat.

Nick Lüthi ist Medienjournalist in Bern.

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