Nr. 05/2011 vom 03.02.2011

Aus herben Urwelten

Von Anna Wegelin

Island kennen alle. Skandinavienfans leisten sich teure Ferien auf der sagenumwobenen Insel. Feministinnen wünschen sich Björk anstelle von Lady Gaga zurück ins Rampenlicht. NeoliberalismusfeindInnen sehen ihre Sicht durch den Bankenskandal bestätigt. Und ökologisch Bewusste waren entzückt über den Ausbruch des Vulkans mit dem zungenbrecherischen Namen, der den internationalen Luftverkehr lahmlegte.

Die benachbarten Färöer, die «Schafsinseln», hingegen sind für uns – abgesehen von ihrer Fussballmannschaft – ein blinder Fleck. Oder beinahe: Die achtzehn schroffen, baumlosen Inseln im Nordatlantik mit ihren rund 47 000 EinwohnerInnen sind seit ein paar Jahren über ihre Literatur nähergerückt. Die Anthologie «von Inseln weiss ich ...» des Zürcher Unionsverlags versammelt, was die Herausgeberinnen Verena Stössinger und Anna Katharina Dömling als die besten Geschichten der färöischen Literatur bezeichnen, vom Klassiker William Heinesen bis zur jüngsten Generation.

Mit der deutschen Übertragung des unaufgeregten Romans «Das Auge des Wals» weitet der Verlag Martin Wallimann aus Alpnach Dorf im Kanton Obwalden den Blick für dieses kleine Land am Rande Europas mit seinen verschlossenen Menschen und den heftigen Wetterkapriolen noch mehr. Das Buch stammt aus der Feder des 1941 geborenen Dänen Arthur Krasilnikoff, der als kleiner Junge 1945 und 1949 auf den Färöern gelebt hat. Der Autor führt uns mit den Augen und der Vorstellungskraft des Jungen Astur in eine äussere, reale Welt nach dem Zweiten Weltkrieg, die langsam ins Vergessen gerät. Und – dies macht den Zauber des Romans aus – wir entdecken mit Astur eine unmittelbare innere Welt, die sich so umschreiben lässt: dort, wo das Leben beginnen könnte und die Urwelt erfahrbar würde.

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