Nr. 08/2011 vom 24.02.2011

Suppenhühner statt Biogas

Alte Legehennen könnten gegessen statt verheizt werden.

Von Bettina Dyttrich

Biogas gilt als ökologischer Energieträger. Solange das Gas aus Gülle und Kompost kommt, ist es das auch: Beim Vergären der Gülle wird Methan frei. Wird es genutzt, also verbrannt, entsteht «nur» CO2, das 25-mal weniger klimaschädlich ist. Biogas kann also zum Klimaschutz beitragen.
Doch nun werden die Anlagen grösser und grösser. Gülle reicht nicht mehr, um sie auszulasten. Damit wächst die Versuchung, Pflanzen extra für die Vergärung anzubauen. Das würde Biogas aber bald so problematisch machen wie andere Agrotreibstoffe. Die Biorender AG in Münchwilen TG ist noch einen Schritt weiter: Sie stellt das Gas seit kurzem aus Schlachtabfällen her. Früher hiess die Firma Hunziker Foodrecycling und produzierte Tierfutter aus Speiseresten. Dass Schweine und Hühner dieses Futter wegen EU-Hygienebestimmungen nicht mehr fressen dürfen und stattdessen Getreide und Soja verspeisen, ist nicht die Schuld der Firma. Sie brauchte eine neue Verwertungsmöglichkeit und fand sie im Biogas. An der Anlage sind sechs Stadtgemeinden beteiligt. Nur steht leider wenige Kilometer entfernt die Tiermehlfabrik (TMF) Bazenheid, die zur Hälfte fünfzehn Kantonen und Liechtenstein gehört. In den letzten Jahren wurde das Tiermehl in Zementwerken verbrannt; jetzt hat die TMF ebenfalls eine Biogasanlage gebaut. Nun streiten die beiden um Schlachtabfälle – und um BiogaskäuferInnen.
Ein grosser Teil dieser Schlachtabfälle wäre jedoch nicht nur als Tierfutter, sondern auch für die menschliche Ernährung geeignet. Zum Beispiel alte Legehennen, sogenannte Suppenhühner: Sie schmecken ausgezeichnet, trotzdem will sie niemand mehr.
Natürlich: Besser Biogas herstellen als Fleisch verbrennen. Trotzdem ist die Vernichtung von hochwertigem Eiweiss ein Skandal. Es braucht dringend eine Disku­s­sion darüber, wie wieder mehr «Fleischabfälle» zu Nahrung oder zumindest Tierfutter werden können. Überdimensionierte Biogasanlagen verhindern das: Jetzt geht es nur noch darum, wie sie ausgelastet und amortisiert werden können. Damit hat das Biogas endgültig seine Unschuld ver­loren.

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