Nr. 09/2011 vom 03.03.2011

Der ach so europäische Balkan

Woran scheiterte Jugoslawien? An der dem Balkan eigenen Barbarei, wie ein Stereotyp lautet? An Titos Sozialismus? An den nationalistischen Kräften? Am Einfluss von aussen? Und vor allem: War der Zerfall unausweichlich?

Von Thomas Bürgisser

Jugoslawien war keine Erfolgsgeschichte. Das wird in diesem Jahr, in dem sich der Anfang vom Ende des Vielvölkerstaates zum zwanzigsten Mal jährt, besonders deutlich. 1991 erklärten die Republiken Slowenien, Kroatien und Mazedonien ihre Unabhängigkeit, ein Jahr darauf folgten Bosnien und Herzegowina, später gingen Serbien und Montenegro eigene Wege, und auch die serbische Provinz Kosovo rief sich vor drei Jahren als Staat aus. Der Zerfall der jugoslawischen «Brüderlichkeit und Einheit» wurde begleitet von zehntausendfachem Tod, von Gewalt und Vertreibung. Kann eine Geschichte Jugoslawiens anders als von ihrem tragischen Ende her geschrieben werden? Genau dieser Determiniertheit versucht die Münchner Historikerin Marie-Janine Calic zu entgehen.

«Nichts war unumkehrbar, nichts unvermeidlich», hält Calic im Nachwort fest. Ihre «Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert» ist erst die zweite deutschsprachige Gesamtdarstellung. Das Werk bildet ein Gegengewicht zu den Hunderten von Publikationen der letzten zwei Jahrzehnte, die sich vor allem mit dem jugoslawischen Untergang beschäftigten. Calic setzt bei der «Orientalischen Frage» und beim Berliner Kongress 1878 ein, als die europäischen Grossmächte begannen, ihren Einfluss auf dem Balkan geltend zu machen. Nur Serbien und Montenegro waren damals als autonome Fürstentümer anerkannt; die anderen Gebiete des späteren Jugoslawiens waren Teil von Österreich-Ungarn und vom Osmanischen Reich.

Ein Gegengewicht

Der Einfluss von aussen ist eine der wirkungskräftigsten Konstanten in der Geschichte der strategisch bedeutsamen Region. Bis in die heutige Zeit nehmen sich die Kabinette der Weltmächte das Recht heraus, über das Schicksal des Westbalkans zu entscheiden. Calic, die zwischen 1995 und 2002 die EU und die Uno beriet, weiss dies sehr genau.

Sie beschreibt die ungleiche und asymmetrische historische Entwicklung der verschiedenen Regionen und Bevölkerungsgruppen, das Problem der «nationalen Frage», die Zeit der Königreiche, den ersten jugoslawischen Staat in der Zwischenkriegszeit sowie die Gräuel von Besatzung und Bürgerkrieg zwischen 1941 und 1945. Bei Kriegsende schwang sich die kommunistische Widerstandsbewegung unter dem charismatischen Josip Broz Tito zur Alleinherrscherin einer neuen, sozialistischen Föderation empor. Das von der autoritär regierenden Parteielite mit einer «Mischung aus Fortschrittsoptimismus, Planungseuphorie und Modernisierungsterror» begonnene jugoslawische Projekt mündete in politische Stagnation, Korruption und wirtschaftlichen Niedergang. Mit der Entzauberung des Sozialismus kam es in den Republiken zu einer nationalistischen Wende – divergierende regionale Interessen unterliefen zunehmend die Integrationskraft der jugoslawischen Idee.

Politisierung von Differenz

Calics sozialwissenschaftlich geprägte Gesamtschau stützt sich auf die Forschungsliteratur aus dem angelsächsischen, deutschen und jugoslawischen Raum. Konsequent befragt sie die bis heute gängigen Stereotype vom mystischen, fremden und barbarischen Balkan. Ihre Kernthese, dass «nicht balkannotorische Unverträglichkeit und ewiger Völkerhass das Projekt südslawischer Gemeinschaftlichkeit» unterliefen, sondern «die Politisierung von Differenz in der modernen Massengesellschaft», belegt Calic glaubhaft. Es gelingt der Historikerin in weiten Teilen, die Entwicklung der Region, die bis heute «konsequent aus dem europäischen Kontext herausgeschrieben» wird, in ebendiesem Rahmen gesamteuropäischer Prozesse zu deuten. Ohne die kann Jugoslawien – und sein Scheitern – nicht verstanden werden.

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