Nr. 09/2011 vom 03.03.2011

Zwei Leben in der Emigration

Der eine floh mit den Eltern aus Nazideutschland nach Argentinien, der andere verliess in den fünfziger Jahren Israel und lebt seither in Deutschland. Ruth Weiss, einst auch von den Nazis verfolgt, über zwei Autobiografien.

Von Ruth Weiss

Ein Schlangen verspeisender Vogel im Patio; Schaftstiefel, die man wegen Kriechtieren zuerst ausschütteln musste; Hühner auf Bäumen und ständig auf der Hut vor Nagetieren – dass dies einmal zu seinem Alltag gehören würde, hatte der 1923 in Fürth geborene Sohn aus gutbürgerlichem jüdischem Haus in seiner Jugend nicht erwartet. Doch 1937 musste Robert Schopflocher mit seinen Eltern auswandern. Die Familie verschlug es ins ehemalige deutsche Viertel von Buenos Aires, wo später auch Nazis lebten: Nach dem Krieg wohnten dort Jüdinnen und Juden und ihre früheren Peiniger Tür an Tür.

Mit diesen Erinnerungen beginnt Schopflocher seine anschaulich geschriebene Autobiografie «Weit von wo». Er schildert, wie ihn sein Vater zum Studium der Agronomie zwang – Auflehnung war seine Sache nicht – und was er als Verwalter von jüdischen Siedlungen in der fernen Provinz, in Nordpatagonien, erlebte. Schon damals hielt er seine Erfahrungen fest; zuerst in Sachbüchern zu landwirtschaftlichen Themen wie Hühnerzucht, später in Erzählungen, die er ab 1980 publizierte und die ihm etliche Preise eintrugen.

Nachdem 1998 sein Band «Wie Reb Froike die Welt rettete» auf Deutsch erschienen war, schrieb er nur noch deutsch, weil er «dem Deutschen verhaftet geblieben» sei (zuletzt erschienen von ihm «Fernes Beben», Suhrkamp 2003, und «Spiegel der Welt», Edition Memoria 2006). Nur wenige Auswanderer, glaubt er, können sich in einer später erworbenen Sprache so gut ausdrücken wie in ihrer ersten.

Deutsche Beamte im Gemüsegarten

Seine Autobiografie mit dem Untertitel «Mein Leben zwischen drei Welten» eröffnet einen Blick auf unbekannte Lebensverhältnisse wie jene des Rio-Negro-Tals, in dem sich nach dem Sieg über die Indigenen gegen Ende des 19. Jahrhunderts MigrantInnen niederliessen und wo auch jüdische Siedlungen entstanden – darunter die Dörfer der Jewish Colonization Association (JCA) des Freiherrn Moritz von Hirsch (1831–1896), die armen russischen JüdInnen eine Heimat in Südamerika boten. Die 1936 gegründete Siedlung Avigdor rettete deutsche Jüdinnen und Juden vor der Schoah: 1942 lebten dort 115 Familien, weitere 26 Familien fanden in der Nähe ein Auskommen.

Der Anfang war schwer für die Metzger, Viehhändler, Fabrikanten oder Beamten und ihre Familien aus Deutschland, die nun mit halbwilden Pferden und Rindern umgehen mussten, den Busch rodeten, neue Parzellen pflügten, Gemüsegärten anlegten, Brot in primitiven Ofen buken, Wasser mit Handpumpen holten und mit Heuschrecken und Papageienschwärmen fertig werden mussten. Reich wurde dabei keiner, aber es gab ein soziales Leben mit Synagoge, Schule, Leihbibliothek, Theatergruppe und sogar einem kleinen Orchester. Bis in den fünfziger Jahren die Landflucht einsetzte.

Die JCA-Jahre des Autors waren auch die Zeit von Juan Perón, der während seiner Präsidentschaft (1946–1955) Argentinien massgeblich prägte. Schopflocher, der 1953 in die väterliche Firma in Buenos Aires einstieg, schildert die Sogwirkung, die der Peronismus entfaltete, und wie man ihn drängte, Peróns Partei beizutreten. Er schreibt von den Militärdiktaturen und den gewaltsamen Auseinandersetzungen in den Jahren von 1974 bis 1983, als sich Guerillagruppen immer wieder dem Staatsterror der Militärs widersetzten. Aber eine politische Analyse liefert er nicht. Auch zum Staat Israel äussert er sich kaum. Da stehe ihm kein Urteil zu, meint er, aber immerhin sei Israel der einzige verlässliche Zufluchtsort, falls es den Juden und Jüdinnen wieder schlecht ergehe auf der Welt.

Der Provokateur

Schopflocher, der über seine Zeit unter den Nazis nur wenig Schlechtes berichten kann (er war ja noch ein Kind) und auch kaum antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt war, hält sich im Hintergrund: Er ist ein Beobachter. Bei Rafael Seligmanns Autobiografie ist das ganz anders – hier steht der Autor im Mittelpunkt.

Zwischen beiden liegt eine Generation. Seligmann, 1947 in Tel Aviv als Kind deutsch-jüdischer Eltern geboren, kam 1957 nach München. Sein Vater hatte sich in Israel nicht etablieren können und wanderte mit der Familie nach Deutschland aus. «Deutschland wird dir gefallen», versprach ihm der Vater, und so lautet auch der Titel seines Buchs. Aber so richtig gefiel es ihm da nicht: Deutsch war zwar seine Muttersprache, aber anfangen konnte er damit wenig – und so wollte er mit achtzehn Jahren unbedingt wieder zurück nach Israel. Die willensstarke Mutter, die zuerst nicht im Land der Mörder hatte leben wollen (dem Vater gelang auch in Deutschland nur wenig), hinderte ihn jedoch daran.

Und so fügte sich der junge Rafael: Er gehorchte – wie Schopflocher – den Eltern, lernte Fernsehtechniker, studierte dann Politikwissenschaft und Geschichte und beendete sein Studium mit einer Dissertation über Israels Sicherheitspolitik. Seine jüdische Identität hat er nie verleugnet. Seligmann schrieb für viele Zeitungen (für den «Spiegel», für «Bild», für «Die Welt» und anfangs auch für die «taz»), arbeitete als aussenpolitischer Berater für die CDU und als Talkshowmoderator und ist seit Jahren Chefredaktor der Zeitschrift «The Atlantic Times».

Seine Bücher über die deutsch-jüdischen Beziehungen und die aktuellen politischen Entwicklungen sind umstritten. Im Unterschied zu Schopflocher lässt er die LeserInnen teilnehmen an seinem turbulenten Privatleben und seinen Emotionen. Seligmann provoziert, er ist kein einfacher Zeitgenosse.

Und doch hat er mit Schopflocher eines gemein: Auch sein Buch erlaubt einen Blick in die Geschichte der Jüdinnen und Juden aus und in Deutschland.

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