Nr. 14/2011 vom 07.04.2011

«Mit mehr Hektaren schaut nicht mehr raus»

Sie haben genug vom «Geschwätz vom Wachstum»: AktivistInnen der bäuerlichen Gewerkschaft Uniterre protestierten am Montag in Bern und lassen das urbane Publikum etwas ratlos zurück.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Mehr Bäuerinnen und Bauern braucht das Land»: Protestaktion der bäuerlichen Gewerkschaft Uniterre auf dem Berner Münsterplatz.

Eigentlich könnte Philippe Reichenbach zufrieden sein. Seit er die Milch seiner zwanzig Kühe nicht mehr an die Migros-Molkerei Elsa liefert, sondern an eine Gruyère-Käserei, bekommt er einen besseren Preis dafür. 83 statt rund 60 Rappen für das Kilo – denn er hat in der Zwischenzeit auch noch auf bio umgestellt. Doch Reichenbach glaubt nicht an individuelle Lösungen gesellschaftlicher Probleme. Darum ist er mit etwa siebzig anderen am Montag auf den Berner Münsterplatz gekommen – die bäuerliche Gewerkschaft Uniterre hat dazu aufgerufen.

Reichenbachs Hof liegt am Rand von La Chaux-de-Fonds. Er stammt von einer Deutschschweizer Familie ab, die sich einst im Jura niederliess – und deren NachfahrInnen längst nur noch Französisch sprechen. Obwohl er selbst eine gute Lösung gefunden hat, beunruhigt ihn die Situation der Milchproduzent­Innen: «Wir sind so uneinig wie noch nie. Und die Politik hat das bewusst gefördert.» Seit der Aufhebung der Milchkontingentierung vor knapp zwei Jahren ist zu viel Milch auf dem Markt und der Preis im Keller. «Ausser der Industrie bringt das niemandem ­etwas.» Die 25000 ProduzentInnen seien nicht auf ­Augenhöhe mit den AbnehmerInnen. Und auch wenn schon zu viel Milch auf dem Markt sei, könnten die Bauern die Liefermenge wegen der Abnahmeverträge nicht reduzieren.

Uniterre möchte das ändern und fordert ein neues, allgemeinverbindliches Lenkungssystem für die Milchmenge, damit keine Überschüsse mehr produziert werden. Und für ein Kilo Milch oder ein Kilo Brotgetreide sollen die BäuerInnen einen Franken bekommen.

Wertschätzung statt Mehrwert

Traktoren, Anhänger und Holzbänke, Ziegen und Schafe stehen auf dem Münsterplatz. Auch Kühe haben die protestierenden BäuerInnen mitgebracht: vier hagere, gefleckte Holsteiner und zwei untersetzte Eringer, muskulös wie Stiere. Immer wieder schwingt die eine Erin­gerkuh ihre Hörner drohend in Richtung ­ihrer enthornten Kolleginnen. Kinder klettern auf Strohballen herum, Genfer Gemüsegärtnerinnen kochen Suppe. Slogans hängen an Schnüren: «Mehr Bäuerinnen und Bauern braucht das Land!»

Diese Forderung unterscheidet Uni­terre von ihrem grossen Bruder, dem Schweizerischen Bauernverband. «Zukunftsgerichtete» Betriebe sollen wachsen, findet der Bauernverband genau wie das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) (vgl. «Grösser ist immer noch besser»). Dazu brauchen sie das Land von KollegInnen, die aufhören. Diesen Trend, der NachbarInnen zu KonkurrentInnen macht, stellt Uniterre infrage. «Mehr Hektaren?», fragt Christine Gerber aus Fornet-Dessus im Jura. «Uns wäre es lieber, wenn eine junge Familie den Nachbarbetrieb weiterführen würde.» Stattdessen sei das Land an den grössten Bauern im Dorf verpachtet worden.

Gerber ist mit ihren drei Kindern nach Bern gekommen. «Wir haben 24 Kühe und mehr als genug Arbeit. Gerne würden wir einen Praktikanten anstellen - aber wir haben kein Geld. Warum sollen wir da noch wachsen?»

Das sieht auch Uniterre-Vizepräsidentin Ulrike Minkner so. «Mit mehr Hektaren hat man mehr Arbeit, aber am Schluss schaut nicht mehr Verdienst raus. Das wissen wir Bäuerinnen besonders gut, weil wir meistens die Buchhaltung machen.» Minkner erzählt von der Tagung «Landwirtschaftspolitik aus Frauensicht», die Ende März in Bern stattfand: «Vom Landfrauenverband bis zu Uniterre waren wir uns alle einig: Wir mögen das Geschwätz vom Wachstum nicht mehr hören. Am Schluss haben wir nämlich keine Nachbarn mehr, keine Schulen, keine Kindergärten, keinen Dorfladen. Wir Bäuerinnen wollen nicht mehr Mehrwert, sondern mehr Wertschätzung.»

Verschiedene Aktive von Uniterre melden sich an einer Pressekonferenz auf dem Münsterplatz zu Wort, eine Österreicherin und ein Franzose überbringen solidarische Grüsse. Uniterre möchte die ganze Bevölkerung einbeziehen. Doch für Menschen ohne Bezug zur Landwirtschaft ist das Gesagte wohl kaum verständlich. Es wimmelt von Abkürzungen: EBM, BOM, ZMP, A-, B- und C-Milch ... Die Reden bestärken vor allem die anwesenden Uniterre-Mitglieder. Der ganze Anlass hat etwas von ­einer geschlossenen Versammlung, die zufällig im öffentlichen Raum stattfindet.

«Man versteckt sich, um zu sterben»

«Das Schlimmste ist, dass die Bauern nicht mehr rausgehen», sagt Philippe Reichenbach. «Ich habe versucht, meine Nachbarn zu mobilisieren, aber es sind nur wenige gekommen. Alle suchen nur noch eine individuelle Lösung für sich. Die meisten arbeiten mehr, nehmen auch noch einen Nebenjob an, da bleibt keine Zeit mehr zum Demonstrieren. Man versteckt sich, um zu sterben.»

Dennoch ist es der Gewerkschaft Uniterre im letzten Jahr gelungen, zwei Sektionen in der Deutschschweiz zu gründen: eine in der Nordwestschweiz und eine im Raum Zürich. Florian Buchwalder, der junge Präsident der Sektion Nordwestschweiz, bauert in Liesberg im Basler Jura. Buchwalder ist Uniterre bei­getreten, «weil man die Landwirtschaft einfach nicht nach wirtschaftlichen Grundprinzipien betreiben kann. Sie hängt von ganz anderen Produktionsfaktoren ab.»

Auch er fordert eine Regulierung der Milchmenge – und einen Gesamtarbeitsvertrag für die Landwirtschaft. «Dann würden vielleicht auch die Gewerkschaften merken, dass es heute gar nicht möglich ist, als Bauer jemanden zu einem anständigen Lohn anzustellen.»

Zum Schluss ziehen die AktivistInnen mit Kühen und Mistgaretten auf den Bundesplatz. Die untergehende Sonne leuchtet, und TouristInnen fotografieren den malerischen Umzug. Vielleicht denken sie, das sei in der Schweiz jeden Abend so.

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