Nr. 14/2011 vom 07.04.2011

Teures Brot aus privatisierten Bäckereien

Ägypten ist der weltweit grösste Weizenimporteur. Wenn wie jetzt der Weizenpreis auf dem Weltmarkt dramatisch steigt, spürt das die Bevölkerung sofort. Der Geografieprofessor Jörg Gertel hat die Zusammenhänge untersucht.

Interview: Daniel Stern

WOZ: Jörg Gertel, haben die Menschen in Ägypten zu wenig zu essen?
Jörg Gertel: In Kairo gibt es keinen Mangel an Nahrungsmitteln. Auf den Märkten sind genug Lebensmittel verfügbar. Doch viele Haushalte kommen mit ihren Einkommen nur knapp über die Runden. Wenn dann zum Beispiel der Hauptverdiener seine Arbeit verliert oder krank wird, muss bei den Nahrungsmitteln gespart werden.

Was sind die Folgen?
Zum Beispiel Mangelernährung. Zuerst wird der Fleischkonsum weiter eingeschränkt, dann wird auf Milch und Obst verzichtet. Das geht so weit, dass man sich nur noch von Brot, etwas Öl und vielleicht noch Zwiebeln und Tomaten ernähren kann. Das ist eine sehr typische Essenskombination der ärmeren Bevölkerungsschichten. Erschwerend kommt noch dazu, dass arme Leute sich auch nicht mehr leisten können, warme Mahlzeiten zu kochen.

Der Preis des Weizens steigt zurzeit auf dem Weltmarkt wieder stark an. Ägypten ist der weltweit grösste Weizenimporteur. Kann die Regierung diese Teuerung abfedern?
Sie müssen sich zuerst das Ausmass der ägyptischen Armut vergegenwärtigen. Knapp die Hälfte der achtzig Millionen Ägypter leben unter oder knapp über der Armutsgrenze. Diese Leute haben kein finanzielles Polster, um schwierigere Zeiten zu überbrücken. Sie leben von der Hand in den Mund. Was sie erwirtschaften, fliesst direkt in den Nahrungsmittelkonsum. Medikamente sind für sie der zweitgrösste Ausgabenposten, weil viele auch krank zur Arbeit gehen. Sie versuchen sich dann mit Medikamenten arbeitsfähig zu erhalten. Eine Krankenversicherung haben sie nicht.

Die Nahrungsversorgung Ägyptens hat sich in den letzten fünfzehn Jahren drastisch verändert. Viele staatliche Aufgaben sind privatisiert worden. Der Staat hat Getreidehandelsunternehmen, Mühlen und Bäckereien verkauft. Er kann also bei Lebensmittelkrisen kaum noch steuern, was angekauft, verarbeitet und weitergegeben wird. Eine Ausnahme bildet die Produktion des sogenannten Baladi-Brotes. Dieses Brot aus Mehl von niedriger Qualität wird in staatlichen Mühlen gemahlen, von staatlichen Bäckereien gebacken und an staatlichen Ausgabestellen verkauft. Während früher die Regierung Preissteigerungen auf dem Getreide generell abgefedert hat, tut sie das nur noch beim Baladi-Brot. Ansonsten sind die Preissteigerungen auf dem Weltmarkt unmittelbar in den Haushalten zu spüren. Die Ernährung hängt immer auch mit dem sozialen Status zusammen. Man isst, was man ist.

Haben die steigenden Preise die jüngsten Proteste angetrieben, die schliesslich zum Sturz des Präsidenten Hosni Mubarak führten?
Die tieferen Ursachen für die Proteste sind in langfristigen strukturellen Veränderungen zu suchen. In Ägypten gab es seit 2004 rund 3000 kollektive Protestaktionen gegen die Regierung. Der Widerstand kam aus ganz verschiedenen Bereichen der Gesellschaft und von den unterschiedlichsten Gruppierungen. Die Schnittstelle dieser Widerständigkeit war jedoch, dass sich die Lebensbedingungen insgesamt verschlechtert haben. Das war besonders am Küchentisch spürbar. Die Gründe dafür liegen im neoliberalen Umbau des Staates. Immer mehr Leute wurden aus dem Staatsdienst entlassen. Der Mittelstand schrumpfte. Subventionen auf Nahrungsmitteln oder auf Düngemitteln wurden zusammengestrichen. Ein dritter, zentraler Punkt betrifft das Pachtsystem: Die Regierung hat in den neunziger Jahren auf Betreiben der Grossgrundbesitzer den gesetzlichen Schutz der Pächter – das betrifft 880 000 Kleinstbetriebe und die entsprechenden Familien –, stark eingeschränkt. Waren bislang Pachtverträge von Generation zu Generation übertragbar, konnten die Grossgrundbesitzer diese jetzt neu aushandeln.

Wieso importiert Ägypten weltweit am meisten Weizen?
Nur drei Prozent des Landes sind fruchtbar, und die Bevölkerung wächst stark. Wegen der Armut wird viel Brot gegessen, da es günstig ist und nahrhaft. Die ägyptische Weizenabhängigkeit rührt aus den siebziger Jahren. Die USA boten Ägypten damals kostenlose Weizenlieferungen an, um das Land stärker an sich zu binden. In den neunziger Jahren sind diese Hilfeleistungen jedoch reduziert worden, und ganz gewöhnliche Handelsfirmen begannen mit Ägypten ihre Geschäfte zu machen.

Sie meinen globale Handelsfirmen wie die in den USA beheimatete Cargill Incorporated?
Genau. Der Weizenhandel läuft nicht mehr nur zwischen Nationalstaaten, zu den Akteuren zählen auch transnationale Konzerne. Die fünf grossen Handelsfirmen im Weizengeschäft kontrollieren seit den achtziger Jahren neunzig Prozent der Exporte aus den USA. Sie sind jedoch auch in vielen anderen Produktionsländern aktiv.

Hätte Ägypten diese Abhängigkeit vermeiden können?
Die Regierung hat einiges getan: Die Lagerkapazitäten wurden vergrössert, um Preisschwankungen abzufedern. Auch versuchte sie, das Risiko zu streuen, indem sie auch aus anderen Ländern Weizen bezieht. Seit 2005 hat Russland die USA als grössten Weizenlieferanten abgelöst. Inzwischen importiert Ägypten seinen Weizen auch aus Australien, Argentinien, Frankreich und Kasachstan. Doch diese Diversifizierungsstrategie greift nur bedingt. Denn es sind de facto doch immer dieselben grossen Handelsfirmen, die die Transaktionen tätigen. Cargill liefert eben nicht nur aus den USA, sondern zum Beispiel auch aus Australien.

Kann Ägypten den Selbstversorgungsgrad nicht erhöhen?
Auch das hat man versucht. Mitte der achtziger Jahre gelang es, die Erträge zu verdoppeln und zu verdreifachen. Es wurde intensiver produziert und die Flächenbelegung ausgeweitet. Doch viele sagen, es sei Unsinn, in Ägypten mehr Weizen anzubauen. Das Land soll auf seinem kostbaren Boden besser hochwertige Produkte produzieren, denn diese erzielen einen viel höheren Preis auf dem Weltmarkt.

Sie meinen etwa Tomaten und Bohnen?
Genau. Doch das Problem bei dieser Strategie ist, dass davon nur diejenigen profitieren, die über ausreichend Land verfügen und die finanziellen Mittel haben, Produkte für den Export zu produzieren. Das sind ja gerade nicht die, die in der Stadt wohnen und vom Brotpreis abhängig sind. Einnahmen durch den Export von Gartenbauprodukten werden auch kaum der ägyptischen Gesellschaft – etwa zum Erwerb von Getreide – bereitgestellt, sondern privat erwirtschaftet und nur im besten Fall in den Agrarsektor reinvestiert.

Wird denn jetzt mehr Exportgemüse angebaut?
Der Export ist weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Der Weltmarkt ist auch gar nicht so offen. Die EU bietet nur beschränkte Zeitfenster, in denen etwa Tomaten geliefert werden können. Ägypten kann nur exportieren, wenn die entsprechenden Produkte in Italien oder Spanien noch nicht reif sind. Als Alternative bietet sich der arabische Markt an, doch bei Gartenbauprodukten ist dessen Grösse beschränkt.

Weshalb wurde die Lebensmittelversorgung privatisiert? Gab es Druck von aussen?
Einerseits wurde der ägyptischen Regierung klar, dass ihre Politik der Wohlfahrtsorientierung sehr teuer ist und die Staatsverschuldung immer weiter steigt. Also stieg die Bereitschaft, den Staatshaushalt zu reduzieren. Der Ruf nach weniger Staat ist international verbreitet. Dazu kommt, dass sich Ägypten Anfang der neunziger Jahre der westlichen Koalition gegen den Irak angeschlossen hat. Diese aussenpolitische Entscheidung wurde vom Westen mit der Teilstreichung der horrenden Auslandsschulden vergütet. Gleichzeitig sollten aber auch der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank das Land bei einem Privatisierungsschub begleiten.

Die Privatisierungen waren Vorgaben des IWF und der Weltbank?
Es waren Angebote, die jedoch relativ alternativlos waren.

Ägypten ist dabei, sich eine neue, demokratischere Führung zu geben. Welche Möglichkeiten hat eine neue Regierung, um die Nahrungssicherheit des Landes zu verbessern?
Vieles liegt ausserhalb des Einflusses der Regierung. Es handelt sich um strukturelle Probleme, und die Regierung ist nicht allmächtig. Die Position Ägyptens im Welternährungssystem hat sich mit der Revolution nicht verändert. Man könnte aber die Armut mildern, indem man den ärmeren Bevölkerungsschichten Einkommen oder soziale Unterstützung verschafft. Das halte ich für die wichtigste Massnahme. Auch könnten Grundnahrungsmittel wieder stärker subventioniert werden. Eine weitere Massnahme wäre es, Anteile an den grossen internationalen Getreidehandelsfirmen zu erwerben. So liessen sich Marktrisiken für Agrarprodukte, also etwa teure Weizenpreise, absichern.

Und dann existiert noch eine problematische Strategie, die das Land bereits verfolgt: Man pachtet im Ausland Landflächen und lässt dort Nahrungsmittel für den Eigenbedarf produzieren. Ägypten versucht momentan im Sudan und in Äthiopien an solche Ländereien heranzukommen. Den Bauern an diesen Orten fehlen oft die verbrieften Rechte für ihr Land. Ihnen droht durch dieses sogenannte Landgrabbing die Vertreibung.

Siehe auch das WOZ-Dossier zu Ägypten.

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