Nr. 15/2011 vom 14.04.2011

Ist der Boden einmal weg, geht es bachab

Ein Geologe und ein Journalist betrachten die Landwirtschaft aus ganz verschiedenen Perspektiven – und kommen dennoch zu ähnlichen Schlüssen.

Von Bettina Dyttrich

Als Charles Darwin in seinen letzten Lebensjahren begann, in seinem Wohnzimmer Würmer in Glasgefässen zu halten, dachten viele, er sei mit dem Alter etwas verrückt geworden. Warum gab sich der grosse Naturforscher mit diesen niederen Tieren ab? Kurz vor seinem Tod widmete er ihnen sogar ein Buch, das bald auch ins Deutsche übersetzt wurde: «Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer». Es wurde lange nicht so berühmt wie seine Werke über die Evolution. Dabei ging es um etwas genauso Wichtiges: die Fruchtbarkeit des Bodens.

Eigentlich liegt es auf der Hand: «Eine Kultur kann nur so lange bestehen, wie sie über ausreichend produktiven Boden zur Ernährung ihrer Bevölkerung verfügt.» Trotzdem war der Boden zu Zeiten Darwins kein Thema, und er ist es auch heute nur unter Fachleuten – Bodenschutz ist im Gegensatz zu Klimaschutz ein fast unbekanntes Wort. Der US-amerikanische Geologe David Montgomery, von dem das obige Zitat stammt, hat nun ein Buch für ein breites Publikum geschrieben, das dies hoffentlich ein bisschen ändert.

Auslaugen und weiterziehen

Montgomery geht nur kurz auf die naturwissenschaftliche Bodenkunde ein. Es geht ihm vor allem um die Geschichte der Bodenbearbeitung. Und die war von Anfang an eine prekäre Angelegenheit: Schon die ersten BäuerInnen, die vor etwa 10 000 Jahren im Nahen Osten sesshaft wurden, kämpften mit Erosion und sinkender Fruchtbarkeit. Und der Bewässerungsfeldbau, der ein paar Tausend Jahre später aufkam, brachte das bis heute ungelöste Problem der Versalzung mit sich. Im Zeitraffer zeigt Montgomery, dass seine These über das Überleben einer Kultur global zutrifft: im alten Rom, das sich bald nur noch mit nordafrikanischem Getreide ernähren konnte, genauso wie bei den Maya in Mexiko.

Ausführlich behandelt Montgomery die Kolonisierung Nordamerikas. «Da es Neuland zur Genüge gibt, verwenden sie wenig Mühe auf das Düngen der alten Felder», schrieb im 18. Jahrhundert ein Zeitgenosse über die Tabakfarmer in Virginia. Es war billiger, weiterzuziehen und ausgelaugte Böden zu hinterlassen. Bald bauten die SiedlerInnen Tabak und Baumwolle nicht mehr selbst an, sondern liessen SklavInnen für sich schuften. Verständlich, dass diese andere Sorgen hatten, als den Boden gut zu pflegen.

Gerade die Erfindungen, die in den letzten 200 Jahren zu enormen Produktionssteigerungen führten, bedrohen den Boden: der Stahlpflug – mit dem es möglich wurde, die Prärie umzugraben – und der Kunstdünger. «Die Grösse eines landwirtschaftlichen Betriebes war nun nicht mehr abhängig von seiner Fähigkeit, die Bodenfruchtbarkeit aus dem eigenen Betriebskreislauf heraus zu erhalten.» Das führte zur verhängnisvollen Trennung von Ackerbau und Viehhaltung – Mist wurde durch Kunstdünger ersetzt. Doch ohne Zufuhr von organischem Material baut sich der Boden ab, und wenn er längere Zeit unbedeckt bleibt, schwemmt der Regen den Humus weg. Die Zahlen, die Montgomery erwähnt, lassen Böses ahnen: «In den 1970ern verloren die USA jedes Jahr vier Milliarden Tonnen Boden. Füllte man diese Menge an Boden in aneinandergereihte Güterwaggons, würden diese 24-mal um die Erde reichen.» Leider gehören gerade die fruchtbarsten Böden der Welt zu den erosionsanfälligsten.

Viel Arbeit und viel zu essen

Alternativen gibt es, und zwar schon lange: «Die ersten römischen Bauern bauten Oliven, Weintrauben, Getreide und Futterpflanzen auf ein und derselben Parzelle an» – heute nennt man so etwas Permakultur. Auch in Peru gibt es Böden, die seit 1500 Jahren bestellt werden und deren Humusgehalt sogar zunimmt. Die Methoden sind eigentlich einfach: ganzjährige Bodenbedeckung, Vielfalt auf kleinem Raum, Terrassenkultur an Steilhängen, Stroh, Kompost und Mist für den Humusaufbau. Allerdings sind sie aufwendig. Das alte Rom gab sie deshalb auf: «Bei Verwendung von Pflug und Ochse liess sich zwar Arbeit einsparen, doch zur Ernährung einer Familie war nun doppelt so viel Land vonnöten.»

Der grösste Versuch einer ökologischen Landwirtschaft findet heute in Kuba statt. Bis vor zwanzig Jahren war der Inselstaat ganz auf Zuckerrohr für den Export ausgerichtet. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion krempelte Kuba seine Landwirtschaft notgedrungen völlig um: Nahrungsmittel für die eigene Bevölkerung, Zugtiere statt Traktoren, biologischer Anbau statt Pestizide. Montgomery erkennt diese Leistungen an: «Der Karibikstaat könnte der Meister sein, der uns lehrt, die Landwirtschaft an die jeweiligen ökologischen Notwendigkeiten anzupassen.»

Das Buch endet mit einem eindringlichen Plädoyer für eine ökologische Landwirtschaft, die die Bodenpflege ins Zentrum stellt: «In arbeitsintensiven Systemen neigen die Menschen dazu, sich an ihr Land anzupassen, während die Menschen in technikintensiven Systemen für gewöhnlich versuchen, das Land ihren Verfahren anzupassen. Arbeitsintensive Kulturen waren langlebig, denn sie investierten in ihren Boden.» Bio ist kein Luxus, betont Montgomery: «Würden die tatsächlichen Kosten konventioneller Methoden in der Landwirtschaft in die Preisbildung einfliessen, wären sie für die Produzenten nicht mehr rentabel.»

Nur den pfluglosen Anbau lobt der Autor etwas unkritisch. Im Biolandbau ist er noch kaum üblich, weil das Unkrautproblem nicht gelöst ist. Pflugloser Anbau findet im grossen Stil vor allem in den grossen Ackerbaugebieten Nord- und Südamerikas statt – mit Unmengen von Pestiziden.

Montgomerys Buch zeigt: Es ist möglich, langfristig Nahrung zu produzieren, ohne die Böden zu zerstören. Doch Grund zu Optimismus besteht trotzdem nicht: Noch viel zu wenige tun es.

Auch der Journalist Michael Pollan durchleuchtet die Landwirtschaft. Jedoch nicht als Wissenschaftler, sondern als kritischer Konsument. «Was sollen wir essen?», fragt er. «Und warum ist diese Frage so kompliziert geworden?» Sein Buch «Das Omnivoren-Dilemma» ist in den USA schon 2006 erschienen und trug zum Boom von Ernährungsbüchern bei, der Werke wie Jonathan Safran Foers «Tiere essen» in die Bestsellerlisten brachte. Im Gegensatz zu Foer konzentriert sich Pollan nicht auf die Tierhaltung, sondern auf die Kreisläufe. Das ist für die Landwirtschaft auch viel sinnvoller. Obwohl sich das Buch auf die USA bezieht und sich vieles nicht mit Europa vergleichen lässt – andere Tierhaltungssysteme, verwässerte Biostandards –, lohnt sich die Lektüre.

Denn Pollan ist kein Schreibtischjournalist. Er will sehen, anfassen und erleben, worüber er schreibt. Um die industrielle Nahrungsproduktion verstehen zu lernen, reist er nach Iowa und hilft dem Farmer George Naylor bei der Maissaat. Danach kauft er in Süddakota einen Jungochsen und folgt ihm nach Kansas, wo das Tier in einer riesigen, stinkenden Freiluftmästerei, einem sogenannten Feedlot, gemeinsam mit 37 000 anderen mit Mais und Antibiotika vollgestopft wird. Auf der Suche nach Alternativen landet er auf ähnlich gigantischen und fast so fragwürdigen Biogemüsefeldern in Kalifornien.

Schliesslich – endlich – findet er einen Bauern, der etwas anderes macht: Joel Salatin züchtet in Virginia Weiderinder und Freilandgeflügel, setzt auf Gras und Heu und vermarktet Fleisch direkt vom Hof. Hier bleibt Pollan eine Woche, hilft heuen, kompostieren und Hühner schlachten. Er ist offensichtlich Fan von Salatin und räumt ihm etwas gar viel Platz ein – nachhaltiger Ackerbau kommt im Buch zu kurz. Doch die Botschaft ist klar: Wichtiger als Biolabels (Salatin hat keins) sind Kreisläufe und regionale Produktion (auch wenn «regional» in US-Massstäben etwas anderes heisst als in der Schweiz ...).

Reiche Althippies

«Das Omnivoren-Dilemma» besteht nicht nur aus Reportagen: In einem historischen Rückblick erklärt Pollan, welche Politik in den USA zur Überproduktion geführt hat, unter der die BäuerInnen am meisten leiden. Er zeigt, ohne je zu moralisieren, wie direkt diese Überproduktion mit den Übergewichtsproblemen der US-AmerikanerInnen zusammenhängt. Er erzählt die Geschichte des Kunstdüngers, befragt Althippies, die im Biobusiness reich wurden, und zeichnet die philosophischen Debatten über das Fleischessen nach. Hinter dem Buch steckt offensichtlich eine enorme Recherchearbeit. Trotzdem ist es nie anstrengend, sondern gleichzeitig informativ und höchst unterhaltsam.

Dennoch stolpert man beim Lesen immer wieder. Die Übersetzung wirkt wie auf halbem Weg stehen geblieben. Peter Kobbe überträgt viele Sätze wörtlich, was zu schwerfälligen Konstruktionen führt: «etwas, zu dem rechtzeitig wach zu werden, ich für den nächsten Tag gelobt hatte», «sich frei zum Pazifik bei Monterey hin erstreckend, bietet das fruchtbare, vom Seewind klimatisierte Tal ...»

In der Wortwahl dasselbe Problem: Immer wieder tauchen Ausdrücke auf wie «resident», «bepreist», «umweltlich», «Mobilheim», «sie sind Legion» und so weiter. Auch der Buchtitel ist ein solches Beispiel: Wer sagt schon «Omnivoren»? Warum nicht einfach «Allesfresser»?

Jagen und Sammeln in Kalifornien

Jedes Mal, wenn Pollan über ein Gebiet ausführlich recherchiert hat, gönnt er sich eine Mahlzeit: zuerst Fastfood, dann einen Biofertigznacht (der nicht viel besser abschneidet), später ein Gourmet-Dinner mit selbst geschlachtetem Freilandhuhn und Zuckermais vom Feld. Und schliesslich noch eine typische Pollan-Idee: «ein Abendessen, das ganz und gar aus Zutaten bestand, die ich selbst erjagt, gesammelt und angebaut hatte». Um ein Wildschwein jagen zu können, lernt er schiessen, er lässt sich in die Kunst des Pilzesammelns einweihen und kratzt an der Küste Kaliforniens Salz aus einem Tümpel. Der Versuch eines Jäger- und Sammlerlebens im verstädterten Kalifornien scheint völlig absurd: Um zu den Morcheln zu kommen, sind stundenlange Autofahrten nötig, und das Salz ist so verschmutzt, dass Pollan es schliesslich wegwerfen muss.

Dass dieser Versuch nicht alltagstauglich ist, weiss er auch: «Die Mahlzeit war eher rituell als realistisch.» Es geht ihm dabei um etwas anderes: Der ungeheure Aufwand für diese eine Mahlzeit soll das Bewusstsein schärfen für alle anderen. «Stellen Sie sich einen Moment lang vor, wir wüssten erneut, ganz selbstverständlich, diese paar unbeachtlichen Dinge: was genau wir da gerade essen. Woher es kommt. Wie es zu unserem Tisch hinfand. Und was es, in korrekter Abrechnung, tatsächlich kostete.»

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