Nr. 15/2011 vom 14.04.2011

Günter und Dylan – die grosse Liebe

Der kürzlich tödlich verunfallte Sozialwissenschaftler und WOZ-Autor Günter Amendt blieb Bob Dylan immer verbunden. Auch der Musikredaktor Martin Schäfer ist Dylan-Fan – der US-amerikanische Künstler war die Schnittstelle der Freundschaft zwischen den beiden. Eine Erinnerung.

Von Martin Schäfer

Günter Amendt und Bob Dylan: Das ist eine echte Liebesgeschichte – spätestens seit der Soziologe den Singer-Songwriter 1978 auf der ersten BRD-Tournee begleiten konnte. Darum war Amendt für mich der Einzige, der das Recht hatte, von Dylan ganz familiär als «Bobby» zu reden. Er selber hat es vor ein paar Jahren am schönsten gesagt: «Also, das ist ein Mensch, der – unerheblich, ob man ihm nun persönlich begegnet ist oder nicht – über sein Werk, seine Musik und die Texte, die er geschrieben hat, so wichtig ist, in meinem Leben und im Leben von anderen Menschen, dass da schon auch so ein Begriff wie ‹Liebe› passt, die ja nicht nur eine Empfindung ist, die unmittelbar gebunden ist auf einen direkten Kontakt mit einem anderen Menschen, einem Mann oder einer Frau, sondern es gibt auch ganz andere Formen von Liebe. Und da würde ich den Begriff ‹Liebe› durchaus gelten lassen, Liebe und Leidenschaft.»

Ein Amateur im wahrsten Sinn

Günter hat immer betont, dass «sein» erster Dylan gar nicht der sogenannte Protestsänger der frühen sechziger Jahre war, sondern der coole Rock ’n’ Roller von «Highway 61» (1965) und «Blonde on Blonde» (1966). Egal, wie und wann Günters Liebe zu Dylan erwacht ist, sie war nie vordergründig politisch – wenn schon, dann unter- und hintergründig: «Ich will sagen: Dylan ist über die realpolitischen Lieder hinaus politisch, besonders auch in seinen Liebesliedern, in vielen seiner Liebeslieder. (...) Vom Autor des ‹Sexbuchs› wirst Du diesen Einwand wohl auch erwarten», schrieb er mir Anfang der achtziger Jahre in einem Brief. Wobei immer galt: «Bobby ist mein Hobby» – nie ist Günter in Versuchung gekommen, den «Musikkritiker» zu spielen, und genau das war sein grosser Vorteil, um nicht zu sagen: seine grosse Qualität.

Als Amateur, als Liebhaber im wahrsten Sinne des Wortes hat er sich mit Dylan beschäftigt, und es sagt sehr viel über diese Liebe aus, dass er sie auch dann nicht aufgab, als Dylan vermeintlich seinen zweiten, noch viel schockierenderen «Verrat» beging – in Form der bis heute umstrittenen christlichen Bekehrung. Man muss sich das vorstellen (oder in Erinnerung rufen): Der Mann, den manche immer noch primär für einen Protestsänger hielten – und der, ganz gegen seinen Willen, als Ikone der sogenannten «Gegenkultur» galt –, dieser Mann bekehrt sich (scheinbar urplötzlich) zum allzu oft rechtslastigen evangelikalen Christentum der «Wiedergeburt»-Variante ... das war ein harter Schlag für manche, die Dylan bis dahin für sich in Anspruch genommen hatten!

Nun hatte wohl auch Günter seine liebe Mühe mit gewissen Texten auf «Slow Train Coming» (1979) und erst recht auf «Saved» (1980). Aber das war für ihn kein Grund, sein Hobby aufzugeben oder gar Dylan als Verräter zu brandmarken: «Für mich ist das [Verrat] eine Kategorie, die ich auf einen Künstler nicht anwenden würde», betonte er noch vor fünf Jahren in der Abschlussdiskussion des Frankfurter Dylan-Kongresses. Zum einen verteidigte er das Recht des Künstlers auf seine Ab- und Irrwege – und zum andern sein eigenes Recht, damit nicht einverstanden zu sein. Denn es ging ja immer schon um etwas ganz anderes als die Korrektheit oder Unkorrektheit dieser oder jener politischen Inhalte: Es ging um Dylan als «die menschlichste aller Stimmen», oder wie Günter es im Vorwort seines Buchs zu Dylans 60. Geburtstags «Back to the Sixties» (2001) formuliert hat: «Seine Stimme dringt in emotionale Bereiche vor wie keine andere männliche Stimme, seine Songs spiegeln den Prozess des eigenen Alterns, dessen Schmerz und Melancholie, seine Wahrnehmung der Realität deckt sich in vielen Bereichen mit der meinen.»

Liebe braucht bekanntlich keine Rechtfertigung, was nicht heisst, dass sie unkritisch sein muss. Um einen Vergleich zu wagen, den Günter selbst am besten verstanden hätte: Der Fan einer Fussballmannschaft kann deren schärfster Kritiker sein, aber es ist und bleibt seine Mannschaft. Genau so hat Günter «seinem» Dylan die Treue gehalten, in kritischer Verbundenheit, und das eben auch durch die ganzen schwierigen achtziger Jahre hindurch.

Das war auch die Grundlage meiner Freundschaft zu Günter, so sind wir uns nahegekommen. Unsere erste Zusammenarbeit ergab sich durch das Dylan-Hörspiel «Zwischenrufe», das Günter für den Hessischen Rundfunk produziert hatte; ab 1981 begegneten wir uns regelmässig auf den Tourneen, in Basel, Verona, Locarno (am denkwürdigen Konzert, wo Dylan – laut den autobiografischen «Chronicles» – seine wahre Aufgabe als «performing artist» neu entdeckte), bis dann die «Never Ending Tour» die Dylan-Konzerte schon fast zum alljährlichen Ritual machte. Immer verband uns dieselbe Mischung von Sorge und Begeisterung: Was hat er wohl diesmal im Sinn, in welchem Zustand werden wir ihn erleben, worüber müssen wir uns wieder mal ärgern?

In unbedingter Freundschaft

Ja, Dylan war unser Sorgenkind – in kritischer Loyalität verfolgte Günter, verfolgten wir, was er wieder angestellt hatte ... das andere Wort dafür ist eben «Liebe». Genau wie er im Alltag seine Freunde kritisch, aber loyal begleitete, konnte man sich auch in Sachen Dylan darauf verlassen, dass er sagte, was er dachte – mitunter scharf, aber immer in unbedingter Freundschaft. Zutiefst zuwider war ihm hingegen die Häme, mit der manche Medien Dylan bei jeder Gelegenheit attackierten. Und er scheute sich auch nicht, immer wieder die versteckten Beweggründe dahinter beim Namen zu nennen: «Dass die Auseinandersetzung mit Dylan nicht selten antisemitisch aufgeladen ist», war Günter schon bei einer Begegnung mit dem Schriftsteller Martin Walser aufgefallen – nachzulesen in seinem Dylan-Buch «Back to the Sixties». Da wird auch das sogenannte Comeback der späten neunziger Jahre kommentiert, das in Wirklichkeit ja gar keines zu sein brauchte – wie niemand besser wusste als Günter: Er fand höchstens die «einhellige Zustimmung, auf die ‹Time out of Mind› (1997) in den Medien stösst, (...) überraschend und irritierend».

Nur das Weihnachtsalbum vor zwei Jahren, das hat Günter verweigert, weil es ihn zu sehr an den Ami-Kitsch erinnerte, den er einst im Frankfurt der GIs erlebt und verabscheut hat. Darüber konnten wir endlich wieder mal streiten – ich fand die Platte herrlich und wusste gleichzeitig, dass Günter (wie schon in den Gospeljahren) später auch die Ehrlichkeit und Innigkeit dieser weiteren dylanesken Eskapade anerkennen würde. Denn dass er auch weiterhin auf dem Dylan-Zug mitfahren würde, das stand für ihn keinen Moment infrage – das grosse Projekt, das ihn gerade in den letzten Wochen motiviert und beschäftigt hat, war eine weitere «Lange Nacht» für den Deutschlandfunk, diesmal zu Dylans Siebzigstem. Und als ich Günter am Telefon vorschlug, doch endlich mal die vielen Parallelen zwischen Dylan und Brecht auf den Punkt zu bringen, da sagte er nur: «Dieses Thema behalte ich mir für mein Alter vor!» Himmeltraurig, dass es dazu nicht mehr kommen wird ...

But my heart is not weary, it’s light and it’s free
I’ve got nothin’ but affection for all those who’ve sailed with me

«Mississippi», 1997

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