Nr. 17/2011 vom 28.04.2011

Einfach ignorieren geht nicht

Im Mai erscheint «Born this way», das zweite Lady-Gaga-Album. Die gleichnamige Single toppte bereits die Charts. Und seit kurzem liegt nun auch die erste Gaga-Biografie auf Deutsch vor. Was ist dran am grössten Popstar des Planeten?

Von Klaus Walter

Ein Buch über Lady Gaga ist so sinnlos wie ein Stummfilm über Maria Callas oder ein Foto von Lionel Messi. Das Entscheidende fehlt: bei der Callas die Stimme, bei Messi die Bewegung.

Bei Gaga fehlt das Heute, das morgen schon gestern ist. Vorgestern: «Born this way» springt als erster reiner Download an die Spitze der Charts. Gestern: Ein Gaga-Solidaritätsarmband für 5 Dollar spielt an einem Tag 250 000 Dollar für die Japan-Hilfe ein. Heute: Gaga stürmt die Bühne eines Schwulenlokals, als gerade eine Gaga-Transe auftritt, gemeinsam singen sie «Born this way».

Gaga ist zu schnell für das lahme Buch. Täglich, stündlich, minütlich produziert sie: sich selbst. Die Formel lautet: Ruhm plus Aufmerksamkeit = «fame». Die unausgesetzte Produktion von Fame ist Gagas Raison d’être. «The Fame» ist der Titel ihres ersten Albums, die Extended Version heisst «The Fame Monster». «Fame? What’s your name?», fragt David Bowie auf dem Höhepunkt seines eigenen «Fame»-Ruhms. Antwort: «Feeling so gay.»

Wie einst bei Andy Warhol

Gay heisst fröhlich. Und schwul. Bowie kokettierte zu «Fame»-Zeiten mit seiner Bisexualität – wie Gaga heute, die nichts wäre ohne ihre queeren Fans. «Fame – Der Weg zum Ruhm» ist der Titel eines Kinohits (und Musicals) von 1980, in dem New Yorker Jugendliche singen, tanzen und schauspielern lernen, um berühmt zu werden. Die Tanzszenen prägten die Videoästhetik der achtziger Jahre. Die New Yorkerin Gaga ist ein Kind dieser Achtziger, ein Kind von Grace Jones und Madonna. Beide lästern über den schamlosen Ideenklau ihrer illegitimen Tochter, aber Pop ist vergesslich. Wer weiss noch den Titel des zweiten Grace Jones-Albums? «Fame». Fame reimt sich auf «shame», das heisst Scham. Und Schande. Die Gottheit des Ruhms, aber auch des Gerüchts in der römischen Mythologie: Fama.

Mehr Popmythologisches zur Gaga-Fame-Connection lernt man an der Universität von South Carolina. Dort bietet Matthieu Deflem ein Seminar an: «Lady Gaga and the sociology of fame». Bei Madonna hat es etliche Jahre länger gedauert, bis sie als Forschungsgegenstand entdeckt wurde. Bald wird Gaga die unterschiedlichsten Fakultäten beschäftigen: Film-, Theater- und Kulturwissenschaften, Genderstudies ...

«Wer ist Lady Gaga?», fragt «Gala» 2009 auf dem Titel. In der Linken kommt Gaga erst ein Jahr später an. Die «Jungle World» «wollte den Hype ignorieren, aber das Video zu ‹Telephone› änderte alles». Der zehnminütige Clip von Jonas Akerlund markiert die Wende. In pornoaffiner Ästhetik erzählt der Film die Geschichte von zwei Flintenweibern (Gaga und Beyoncé). «Telephone» ist die Fortsetzung von «Paparazzi». Darin vergiftet Gaga ihren Freund und wird verhaftet. «Telephone» beginnt im Frauenknast. Nach ihrer Entlassung wird Gaga von Beyoncé abgeholt. Doch schon beim Imbiss im Diner müssen die aufgesexten Töchter von Thelma und Louise sich der Männer erwehren – und vergiften die ganze Kneipe. Sie flüchten im Pussy Wagon aus «Kill Bill», angeblich hat Quentin Tarantino höchstselbst Gaga den knallgelben Pick-up-Truck angeboten.

Produziert wurde der Film vom House Of Gaga. Wie einst bei Andy Warhol, bloss mit mehr Geld, arbeitet eine Fabrik von SpezialistInnen am Produkt Gaga mit all seinen Extensionen und Applikationen. Mit Warhol und Tarantino verbindet das House Of Gaga die Faszination für Oberflächen und Abgründe der Popkultur. «Telephone» ist eine bunte Orgie aus Zitaten und Anspielungen aus Pop- und Filmgeschichte, allein das Productplacement bietet Stoff für Doktorarbeiten.

Nicht nur wegen der angedeuteten Liebesbeziehung zu Beyoncé heizt «Telephone» Spekulationen an. Von zwei muskelbepackten Wärterinnen wird Gaga in die Zelle geschafft und ausgezogen. Ihre Brustwarzen sind mit Klebestreifen bedeckt, die Schamgegend bleibt unscharf. Im Weggehen bemerkt eine Wärterin: «I told you she doesn’t have a dick.» Darauf die andere: «Too bad.» (Ich sagte dir, dass sie keinen Schwanz hat. – So schade.)

Die Sache mit dem Penis geht zurück auf ein Amateurvideo vom Glastonbury Festival 2009. Darin sieht man kurz etwas, «das mit etwas Fantasie für einen Penis gehalten werden kann», so Christina Borkenhagen im Sammelband «Porno Pop II». Ein Blogger verstärkt den Verdacht mit einem unbelegten Gaga-Zitat: «Ich habe männliche und weibliche Geschlechtsteile, aber ich fühle mich als Frau. Ich bin sexy, ich habe eine ‹pussy› und einen Pimmel.»

Subkulturzufuhr im Massenpop

Laut Borkenhagen zieht Gaga «zwar den pornografischen Blick auf ihren Körper, entlarvt ihn aber auch als solchen, was als die eigentliche Leistung des Mainstream-Popstars angesehen werden darf». Immer wieder speist Gaga Motive aus sexuellen Subkulturen dem Massenpopkreislauf ein.

Mehr noch als bei Madonna wird gefragt, ob Gaga ihre queeren Fans instrumentalisiert oder ihnen zu Anerkennung verhilft. Margarita Tsomou vom feministischen Magazin «Missy» sieht in «Telephone» eine «für den Mainstream tabubrechende lesbische Narration mit popfeministischer Kraft». Camille Paglia hingegen, die «dissidente Pro-Sex-Feministin», die einst Madonna als «future of feminism» bezeichnete und damit orthodoxe Feministinnen gegen sich aufbrachte, sieht in Gaga «das erschöpfte Ende der sexuellen Revolution».

Worte für das Anderssein

Was sie nicht wahrhaben will: dass Gaga sexualpolitisch massenwirksam interveniert, wenn sie sich etwa in die Debatte einschaltet, ob homosexuelle US-AmerikanerInnen zur Army gehen dürfen. Mit «Born this way» macht sie sich explizit zur Stimme diverser Minderheiten. Im «Guardian» feiert Jon Savage den Song als «contemporary LGBT call-to-arms» (zeitgenössischer lesbisch-schwuler-bi-trans-Ruf-zu-den-Waffen), der laut Elton John das ewige «I will survive» als Gay-Hymne ablösen wird. «Born this way» war in den Siebzigern ein Coming-out-Discohit für Carl Bean. Später fand Bean zu Gott, auf YouTube kann man ihn als schwulen, schwarzen Erzbischof bewundern. Mit dem Zitat würdigt Gaga einen vergessenen Pionier und legt sich mit den Frommen an.

Manche Linke bekritteln, «Born this way» bediene ein biologistisches Menschenbild. Sie verkennen, dass der Hit Teenager ermutigt, Worte zu finden für ihr Anderssein, während Gaga ihnen mit wechselnden Genderperformances das gesellschaftlich Konstruierte und Kostümierte von Gender vorturnt. Edutainment für die Massen von einer Extremistin der Mitte.

Und die Musik? Die Electroclash-Sängerin Peaches, von der «wir in Sachen Genderbending und Modekult einiges gesehen haben» (Tsomou) mag Gagas Inszenierungen. «Aber warum macht sie so eine Scheissmusik?»

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