Nr. 17/2011 vom 28.04.2011

Vom Anspruch, den richtigen Ton zu treffen

Der Drogenkrieg in Mexiko liefert Stoff: Während der Bestsellerautor Arturo Pérez-Reverte und seine Epigonen die Tragödie verwursten, finden Juan Pablo Villalobos und andere Erzählweisen, die es ermöglichen, die Dinge neu zu sehen.

Von Valentin Schönherr

«Als das Telefon klingelte, war ihr klar, dass sie in tödlicher Gefahr schwebte. Es war so eindeutig, dass sie mit der Rasierklinge in der Hand erstarrte ...»

So beginnt «Königin des Südens», der Roman des spanischen Bestsellerautors Arturo Pérez-Reverte, der nun auch auf Deutsch zu lesen ist. Und so begann 2002 der Siegeszug des mexikanischen Drogenkriegs als literarischer Stoff auf dem Büchermarkt. Pérez-Reverte erzählt in seinem Roman vom Schicksal einer jungen Mexikanerin, die es bis zur Chefin eines Drogenkartells bringt, und verknüpft dies mit der Geschichte eines Journalisten, der an Recherchen über diese Frau arbeitet.

Ein fatales Buch. Denn nach bekannter Thriller-Manier übernimmt es keine Verantwortung für die Welt, von der es erzählt, sondern verwertet diese Welt zugunsten der Verkäuflichkeit. Schon der erste Satz missbraucht die existenzielle Bedrohung eines Menschen, um Leselust zu wecken – ein zynisches Verfahren angesichts der unzähligen Opfer, die der Drogenkrieg fordert: ermordete Narcos (in den Drogenhandel Involvierte), entführte MigrantInnen, vergewaltigte Frauen. Zugleich suggeriert die mit vielen Fakten ausgestattete Investigationsstory, es ginge ganz ernsthaft darum, die Öffentlichkeit über Zusammenhänge der entfesselten Gewalt aufzuklären. Dieses scheinbar ehrenwerte Anliegen unterläuft Pérez-Reverte permanent, wenn sein allwissender Erzähler die intimsten Gedanken und Gefühle der Protagonistin den Gesetzen der Spannungsliteratur unterwirft.

Auf der kommerziellen Autobahn

Fatal ist weniger das Buch an sich als der enorme Einfluss, den die «Königin des Südens» in den letzten Jahren auf die mexikanische Literatur ausgeübt hat. Pérez-Reverte war diesbezüglich nicht untätig: Einen der bekanntesten Autoren des Nordens, Élmer Mendoza, lässt er durch seinen Ich-Erzähler einen guten Freund nennen, «dessen glänzende Romane ‹Un asesino solitario› und ‹El amante de Janis Joplin› ich zur Einstimmung gelesen habe». Solcherart Werbung hat ihrerseits schon fast mafiösen Charakter.

Seither ist mexikanischen Autoren ein gewisser Verkaufserfolg praktisch garantiert, wenn sie auf Pérez-Revertes Autobahn unterwegs sind. Neben Martín Solares, Gabriel Trujillo Múñoz oder Élmer Mendoza, von denen deutsche Übersetzungen vorliegen, sind das mittlerweile so viele, dass kürzlich der Literaturkritiker Orlando Ortiz in einem Aufsatz über die Literatur des Drogenhandels schon von «Sättigung» sprach und von «Überdruss».

Aber sie beherrschen das Feld nicht allein. Denn andere Autoren versuchen die Möglichkeiten der Literatur zu nutzen, um zu verstehen, was im Norden Mexikos vor sich geht. Hier wird man bei Roberto Bolaños «2666» fündig, dessen berühmter vierter Teil die Mordserie an Frauen in Ciudad Juárez aufgreift, oder bei Juan Villoro und seinem noch unübersetzten Roman «El testigo» (siehe WOZ Nr. 46/10), der von den Metastasen des Drogenhandels in abgelegenen Regionen des nordwestmexikanischen Hochlands erzählt.

Dann wäre da noch Juan Pablo Villalobos. «Fiesta in der Räuberhöhle», das Debüt des 1973 in Guadalajara geborenen, in Barcelona lebenden Autors, sorgte im Jahr 2010 für grosses Aufsehen. Zu Recht: Auf knappstem Raum hat Villalobos eine ganz eigene Erzählweise entwickelt, die ungewohnte Perspektiven auf die Welt der Drogenbanden öffnet und zugleich weit darüber hinausweist. Es ist die Erzählung eines Kindes.

Tochtli lebt so abgeschirmt auf dem Anwesen seines Narco-Vaters, dass er gerade einmal dreizehn oder vierzehn Leute kennt. Er hat einen Privatlehrer, weil er ja nicht zur Schule gehen darf. Er liest viel und sammelt Hüte. Ein netter, einsamer Junge, der offenbar das Bedürfnis hat, dass ihm jemand zuhört. Er hat unter anderem zu erzählen, dass er von einigen dieser dreizehn, vierzehn Leute für frühreif gehalten wird, weil er schon schwierige Wörter kennt. Und dass er sich vor allem ein liberianisches Zwergnilpferd wünscht.

Die Geschäfte, die Denk- und Lebensweise seines Vaters Yolcaut, all das wird – hervorragend übersetzt von Carsten Regling – in kindlich-naiver Tonlage unterschiedslos und wie selbstverständlich miterzählt. So vergnügen sich Vater und Sohn gern bei einem Frage-Antwort-Spiel, das so geht: «Der eine sagt eine bestimmte Anzahl von Schüssen in einen bestimmten Körperteil, und der andere antwortet: am Leben, Leiche oder schwer verletzt.»

Ein andermal kommt «ein Herr» in den Palast, der «eine Schwuchtel» ist, denn er hat um sein Leben gebettelt. Er wurde dann «in eine Leiche verwandelt». Tochtli rechnet den Mann aber nicht zu den Leuten, die er kennt, denn «Tote zählen nicht, weil Tote keine Leute sind, Tote sind Leichen». Für die Beseitigung der Leichen sind im Palast im Übrigen ein Tiger und ein Löwe da – «starke, wohlproportionierte Tiere, die man sich gerne anschaut. Das muss an der guten Ernährung liegen.»

Grossartige, federnd leichte Sätze, die einen anspringen. Schneidend präzis entfalten sie sich im Kopf, stossen Assoziationsketten an, lassen Gefühlswelten in Streit geraten. Dabei drängt Villalobos seinem Publikum weder konkrete Deutungen auf, noch wird der moralische Zeigefinger erhoben. Er ist ganz schlicht dem Anspruch verpflichtet, den richtigen Ton zu treffen. Denn erst dann entsteht der Raum, Dinge neu zu sehen. Und das ist in der verfahrenen Lage in Mexiko derzeit dringend nötig.

Mexiko–Liberia und zurück

So kollidiert das Entsetzen darüber, wie diesem Jungen jegliches Mitgefühl zu fehlen scheint und wie er seine innere Wüstenei nur an chronischen Bauchschmerzen wahrnimmt, mit seinen mal absurden, mal komischen, mal hellsichtigen Ansichten über die Welt und ihre BewohnerInnen. Vielleicht ist dieser Roman auch die Geschichte einer gestörten Vater-Sohn-Beziehung oder die Erzählung einer Reise von Mexiko nach Liberia und zurück.

Die aztekisch klingenden Namen öffnen wiederum den Blick auf die Fundamente der mexikanischen Kultur mit ihrem eigenartigen Totenkult. Auffällig, dass sich der kleine Tochtli vor allem für solche Dinge interessiert, bei denen grausam Gewalt angewendet wird – etwa für die Enthauptung von Louis XVI. und Marie Antoinette, für die Atombombenabwürfe auf Japan oder für die Safari in Liberia, die ihn endlich in den Besitz des Zwergnilpferds bringen soll.

Als das Tier dann übrigens ankommt, ist es leider nicht im gewünschten Zustand. Die «Fiesta in der Räuberhöhle» findet trotzdem statt.

Weitere Bücher

Ein Roman, ein Krimi und ein Thriller

Der Roman: Wie Juan Pablo Villalobos zeigt Yuri Herrera die Welt der Narcos von der Innenseite. In «Abgesang des Königs» gerät ein Strassenmusikant auf das Anwesen eines Drogenbosses, darf vorsingen und bleiben. Seine Stimme und die Texte sind so begehrt, dass nun alle einen eigenen «corrido» von ihm haben möchten und paradiesische Zeiten anzubrechen scheinen. Bis er in einem Lied ausplaudert, dass der Boss nur einen Sohn hat. Der macht ihm klar, dass er dies nicht hätte tun sollen: «Um zu sein, wo ich bin, muss man nicht nur ein toller Hengst sein, man muss auch als einer erscheinen.» Es braucht Glück, dass der Musikant entwischen kann.

Der Krimi: Élmer Mendoza schreibt schon lange Reportagen und Romane aus der Welt des Drogenhandels. «Silber» ist sein erstes Buch, das auf Deutsch erschienen ist. Der Tote: ein in alle Sphären vernetzter Anwalt. Die Ermittlungen führen ins Milieu, zu US-amerikanischen Waffenhändlern, in die regionale Oberschicht, die Bisexuellenszene und die Medienwelt.

Mendoza erzeugt Stimmungen, statt Sachverhalte sauber aufzulösen. Es wird nicht mal klar, warum der Detektiv zwischendurch auf höchste Weisung die Ermittlungen einstellen soll. Es bleibt bei Mutmassungen, an denen der Autor sein Publikum beteiligt. Wesentlichen Anteil daran hat der Stil. Ohne abzusetzen, reiht er Dialogbestandteile, innere Gedanken und äussere Handlung aneinander.

Der Thriller: Don Winslows Saga «Tage der Toten» erzählt vom Drogenhandel auf beiden Seiten der Grenze. Art Keller, einst CIA-Agent im Vietnamkrieg, heuert bei US-Drogenfahndern an und geht nach Mexiko. Bei der Vernichtung eines Opiumfeldes glaubt er sich noch auf der richtigen Seite. Bald erkennt er die Verstrickung zwischen den Drogenkartellen, der mexikanischen Bundessicherheitsdirektion und den US-Einheiten und wird selbst zum mitschuldigen Kritiker des schmutzigen Krieges.

Winslow verarbeitet eine riesige Menge Informationen. Spannende Szenarien, gewürzt mit drastischer Gewalt und Machojargon lassen einen atemlos weiterlesen. Am Ende bleibt aber das Gefühl, dass den wirklich betroffenen Menschen Unrecht getan worden ist, wenn wir uns mit ihrem Schicksal unterhalten haben.

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