Nr. 18/2011 vom 05.05.2011

Mit Volldampf ins Ungewisse

Eine Anthologie junger russischer ErzählerInnen bringt dem deutschsprachigen Publikum eine bunte Rundschau zeitgenössischer Literatur näher, die zugleich erfrischend und beklemmend ist.

Von Thomas Bürgisser

«Dass überall deine Schönheit ich sehe, Heimat, geliebte, wo ich auch bin ... Also hingleitend auf endlosen Gleisen, geb ich mich meinen Gedanken hin», dichtete Nikolaj Nekrassow 1864 in der Ballade «Die Eisenbahn».

Die Zugfahrt ist ein Schlüsselmotiv russischer Literatur: von Fjodor Dostojewskis «Idiot», Leo Tolstojs «Anna Karenina» über Boris Pasternak oder Andrej Platonow bis zu Wenedikt Jerofejews «Die Reise nach Petuschki»: Die Eisenbahn ist Symbol des für die einen verheissungsvollen, für die anderen zerstörerischen Charakters von Moderne und Fortschritt. Das Schienennetz war ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Medium, mit dem das Zarenreich mit seinen unüberwindbar scheinenden Distanzen erreist werden konnte. Mit der 1891 eingeweihten Transsibirischen Eisenbahn als Hauptstrang war und ist es das Nervensystem, das die entlegensten Grenzposten mit der Schaltzentrale des Imperiums verbindet.

Frei vom sowjetischen Erbe

Auch drei der sechs Beiträge in der Anthologie junger russischer ErzählerInnen drehen sich um Zugfahrten. Ebenso wie eine Bahnreise durch die Weiten des Landes ermöglicht es der von Christiane Körner herausgegebene und übersetzte Band «Das schönste Proletariat der Welt» die russische Peripherie zu erkunden. Dies zeigt sich anhand der Handlungsorte der Erzählungen, aber auch an der Herkunft der AutorInnen: Alissa Ganijewa (*1985) stammt aus Dagestan, Polina Kljukina (*1986) aus Perm, Alexej Lukjanow (*1976) aus Solikamsk, Denis Osokin (*1977) aus Kasan, Waleri Petschejkin (*1984) aus Taschkent und Igor Saweljew (*1983) aus Ufa. Die Textauswahl erlaubt also Einblicke in die Vielfalt literarischen Schaffens abseits von Moskau und St. Petersburg.

Alle AutorInnen sind GewinnerInnen des russischen Debütpreises, der seit 2000 verliehen wird. Er soll AutorInnen dazu motivieren, vor Vollendung ihres 25. Lebensjahrs ihr erstes Buch zu Papier zu bringen. Herausgekommen sei «die unmittelbarste, aufrichtigste Literatur», die das Land «seit dem Oktoberumsturz 1917 hervorgebracht hat», wie sich Olga Slawnikowa, Organisatorin des Preises, begeistert. Diese Generation sei «in jeder Hinsicht frei vom sowjetischen Erbe» und könne sich «voll und ganz auf die Gegenwart konzentrieren».

Tatsächlich prägte seit der Perestroika die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit das literarische Schaffen in Russland. So wie die Postmoderne die Moderne in sich trägt, kommt auch das Postsowjetische nicht ohne das Sowjetische aus. Viele AutorInnen gehen aber schon seit Jahren ungeheuer kreativ weit über eine Dekonstruktion des sozialistischen Sprach-, Bild- und Denkuniversums hinau. Es wäre deshalb verfehlt zu behaupten, die russische Literatur hätte in den letzten Jahren nichts Neues hervorgebracht. Aber es ist schon ein Reiz von Körners Blütenlese, dass die AutorInnen beim Zusammenbruch der Sowjetunion noch kaum das schulpflichtige Alter erreicht hatten. Kann «Generation Debüt» der Literatur mit frischem Wind neuen Geist einzuhauchen?

Natürlich ist der Bruch mit der Vergangenheit auch bei den «DebütantInnen» nicht absolut, deutet doch auch der Titel der Anthologie auf das revolutionäre Erbe hin. Denis Osokin jongliert in seinen Gedichten mit Elementen aus dem Symbolsystem des Sozialistischen Realismus, das er durch unerwartete Kontraste bricht und entlarvt. Die Ode an das «schönste», weil mehlbestäubte Brotproletariat der Bäcker, das im «Revolutionsheer» die «Kolonne mit dem besten Duft» sei, ist nur ein Beispiel. Mit Alissa Ganijewas Protagonisten aus «Salam, Dalgat!» erkunden wir unter der Sonne Dagestans die Stadt Machatschkala. Zwischen dem Sinnestaumel des Basars, staubigen Hinterhöfen, lärmenden Boulevards und einem Hochzeitsgelage mäandrierend, wird der junge Dalgat mit Drogen und Gewalt, Sex, Tradition, Konsumgier, Rassismus, Fernweh, Korruption, Armut und Fundamentalismus konfrontiert, ohne zu wissen, wohin sein Weg führen wird.

Isoliert in der neuen Freiheit

In Waleri Petschejkins «ICQ» sucht die alte, todkranke Maria Andrejewna in einem Taschkenter Internetcafé die Nähe ihrer verschollenen Schwester. Ihr Nichtverstehen des jungen Programmierers Timur ist nicht nur Ausdruck der Kluft zwischen den Generationen, sondern symbolisiert auch die Isoliertheit des Individuums in einer atomisierten Gesellschaft. Die Verheissung des weltweiten Netzes wird nicht eingelöst; die vermeintlich unbegrenzte Kommunikation scheitert im absurden Dialog zwischen Mensch und Maschine.

Auch in Polina Kljukinas «Geschichten vom neuen Leben» geht es um die vergebliche Suche nach menschlicher Nähe. Die Exsträflinge Sweta und Aljona versuchen verzweifelt mit der Freiheit zurechtzukommen. Die ehemalige Chemielehrerin Sonetschka aus Tscheljabinsk, die sich in einer Moskauer Fabrik verdingt, wird in ihrer Einsamkeit von den Unterlassungen der Vergangenheit gequält. Der geistig behinderte Witja irrt mit seinem imaginären Motorrad durch die Vororte von Perm.

Munterer geht es in Alexej Lukjanows «Hochdruck» zu, in dem sich die Arbeitsbrigade einer Lokomotivwerkstatt im Ural durch die Auswirkungen der Weltfinanzkrise improvisiert. Die dreisten Kerle verlieren dabei in einer «kollektiven Dyslexie» das Hauptmerkmal ihrer Identität: ihren unerschöpflichen Fundus an russischen Mutterflüchen – ausgerechnet in Zeiten, wo alles im Arsch ist. Schliesslich entschliesst sich die Schildbürgertruppe mit Kind und Kegel aufzubrechen, um in Paris ein neues Leben zu beginnen. Erst als der Premierminister verkündet, «das Volk wäre einer Regierung wie der unseren unwürdig» und sich mit seiner Entourage nach Trinidad und Tobago absetzt, kehren die Fluchwörter zurück.

Es ist ein gänzlich neues, aufregendes und unglaublich vielfältiges Russland, das sich in diesem Band erlesen lässt. Alles ist in Bewegung, strebt mit Volldampf nach Vorne – ins Ungewisse. Auch in Igor Saweljews Erzählung, in der sich junge Menschen auf eine Ferienreise begeben, geht es um die Suche nach Identität und Orientierung. Wo Freiheit und Bewegung ist, gibt es auch Zurückgelassene. Saweljews «Eisenbahn-Pastorale» endet mit dem Bild einer beklemmenden Einsamkeit: «Der Zug raste durch die Felder, an Wäldern und Sträuchern vorbei, eine Lichtquelle – er versengte die Welt mit dem Schein seiner Wagenfenster und liess sie dann einsam in der Dunkelheit zurück.»

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