Nr. 19/2011 vom 12.05.2011

«Warum ist das Gute so langweilig geworden?»

Das Böse sei äusserst selten, schreibt der englische Literaturwissenschaftler, Marxist und Katholik Terry Eagleton – und untersucht es in einem anregenden Essay. Die WOZ traf ihn in Berlin.

Von Raphael Zehnder

Seit George Bush am 29. Januar 2002 die Parole von der «Achse des Bösen» in die Welt setzte, ist das Böse als politisch-moralische Kategorie präsent. Als ethisch-metaphysischer Begriff hingegen hat es in der postreligiösen Gesellschaft kaum noch Gewicht. «Ich schreibe gerne über Dinge, die aus der Mode gekommen sind», sagt Terry Eagleton beim Gespräch in Berlin lachend. Dann wird er ernst: «Es ist schrecklich, dass die gegenwärtige postmoderne Theorie weder der Idee des Bösen noch der des Tragischen Platz einräumt.»

Die Postmoderne sei auch posttragisch, sagt der 68-jährige Literaturwissenschaftler und Autor von über vierzig Büchern – und das in einer Zivilisation, die auf immer grössere Tragödien zusteuere. Die postmoderne Kultur könne keine Vorstellung dieser besonderen Form sadistischer Zerstörungskraft entwickeln. Und sie glaube an gar nichts mehr: «Wer sich heute leidenschaftlich und aus Überzeugung äussert, gilt mindestens potenziell als Dogmatiker. Das ist ein Teil des Schadens, den die postmoderne Kultur angerichtet hat.»

Mit seinem nun auch in deutscher Sprache erschienenen Buch «Das Böse» zettelt Eagleton eine Wertediskussion an. Er attackiert nicht nur den konservativen «Klassenfeind», sondern auch den «blauäugigen Progressismus, der glaubt, alles werde immer besser», und das Böse für inexistent hält.

Eagleton selbst ist überzeugt: Das Böse existiert – wenn auch, «zum Glück», sehr selten. Es will das Nichts, es will vernichten: den Menschen, die Menschheit, das Leben überhaupt. Für seine Untaten braucht es keine Gründe, sie bereiten ihm Vergnügen. Das Böse ist total. Die Hölle, die absolute Vernichtung und die in der christlichen Lehre verankerte «Erbsünde» – nichts als andere Begriffe, um eben dieses scheinbar Unfassbare zu beschreiben. Der Mensch ist, das weiss man seit den Ungeheuerlichkeiten des 20. Jahrhunderts, zu allem fähig.

Das Böse als Hybris

Die verschiedenen politischen Lager unterscheiden sich auch in ihrer Haltung gegenüber dem Bösen, sagt Eagleton: «Die Konservativen glauben sehr oft daran, tendieren aber zur Aussage, das Böse seien die anderen. Sie sind nicht bereit, konkret darüber zu sprechen, welche Kräfte es formen. Sie denken, etwas zu erklären, bedeute, etwas entschuldigen zu wollen.» HumanistInnen und Liberale, welche die Existenz des Bösen leugnen, rationalisierten es als grausige Rhetorik, um Leute zu verurteilen. «Aber es ist schwierig, in einer Welt von Hitler, Stalin, Pol Pot und anderen zu behaupten, das Böse existiere nicht», insistiert Eagleton. «Man muss sich damit auseinandersetzen. Eine Gesellschaft muss ihre eigene Verderbtheit untersuchen, ihre eigene Verwicklung in Zerstörung und Ausbeutung, um diese tilgen zu können.»

Sein Anschauungsmaterial findet der Anglistikprofessor, der an den Universitäten von Lancaster und Galway lehrt, in der englischen und irischen Literatur. Besonders viel Stoff liefert ihm aber Thomas Manns «Doktor Faustus». Im Roman zerstört sich der Komponist Adrian Leverkühn selbst, indem er sich absichtlich mit Syphilis anstecken lässt, um – so Eagleton in seinem Buch – «aus der allmählichen Degeneration seines Gehirns wunderbare musikalische Visionen zu gewinnen». Leverkühn suche «die reinste Form – frei von allen Inhalten: die Leere». Das Böse ist hier die Hybris, ewig leben zu wollen, allmächtig zu sein, auserwählt, ein gottähnliches Genie.

Zur theoretischen Fundierung greift Eagleton auf Sigmund Freud zurück, auf dessen, nicht unumstrittenes, Konzept des Todestriebs, den der Begründer der Psychoanalyse 1920 in «Jenseits des Lustprinzips» beschrieben hat. Eagleton fasst ihn in seinem Buch so zusammen: «Im Innersten der Persönlichkeit lauert ein Trieb, der das absolute Nichts will. Da gibt es etwas, das widernatürlich unseren Untergang fordert. Um uns vor der Verletzung zu schützen, die unsere Existenz bedeutet, sind wir sogar bereit, unser Verschwinden zu bejahen.» Wenn dieser Trieb sich nach aussen wendet, wird das Böse Wirklichkeit.

Dabei unterscheidet Eagleton zwischen dem absoluten Bösen und dem Schlechten. Letzteres hat einen erkennbaren Grund. Auch der islamistische Terror hat für ihn einen Grund und ein Motiv, etwa die US-Aussenpolitik der letzten Jahrzehnte. Deshalb war selbst Bin Laden nicht böse, sondern «nur» schlecht. Eagleton will an diesem Unterschied festhalten, weil er eine differenziertere Analyse erlaubt und weil so anders auf die verschiedenen Formen reagiert werden kann und muss. Wenn das Schlechte, wie von George Bush, politisch motiviert zum Bösen überhöht wird, dann wird damit von den Motiven und Ursachen für das Schlechte abgelenkt.

Selbst böse Menschen können allerdings laut Eagleton gut werden: durch radikale Konfrontation mit ihren Taten. Indem sie sich durch das Schrecklichste hindurcharbeiten. Das gilt politisch wie individualpsychologisch. Die kathartische Reinigung von Individuen oder Gesellschaften geschieht in der Tragödie – deshalb hält Eagleton deren heutige Negierung für verderblich. Wie steht es um die Faszination der Kunst für das Böse? «In Literatur und Kunst gibt es einen schwer festzumachenden Punkt, an dem Tugend langweilig wird», sagt Eagleton. «Sie verkörpert sich in Mittelstandswerten wie Überlegtheit, Solidität, Keuschheit, Mässigung ... Kein Wunder, dass die Leute das Böse zu mögen begannen: weil das Böse im Gegensatz zum Guten all den Glamour, den Kitzel, die Exotik hat.»

«Warum», fragt Eagleton, «ist das Gute so langweilig geworden?» Und sucht nach einer Antwort: «Meiner Ansicht nach hat das mit dem Aufstieg des Mittelstands zu tun, aber das muss ich noch genauer entziffern.» Aufgrund dieser «Begeisterung» für die Glamourösität des Bösen sei es sehr schwer, eine Kunst des Guten zu schaffen, und die Leute würden sich zunehmend dem Bösen zuwenden, das in der postmodernen Kultur oft grausliche, abstossende Dinge bedeutet. Dabei, so Eagleton im Gespräch, sei das Böse in Wirklichkeit eigentlich sehr langweilig. «Böse zu sein, heisst ja auch: unfähig sein, zu leben.»

Erlösung!

In der postmodernen Kultur, bei Vampiren, Horrorfilm und Krimiboom, werde das Böse oft zu trivialer Theatralik, schreibt der Literaturwissenschaftler in seinem neuen Buch. Postmoderne Kulturen hätten wenig darüber zu sagen: «Vielleicht liegt es daran, dass postmoderne Männer oder Frauen – cool, für alles offen, gelassen und dezentriert – nicht die Tiefe besitzen, die für echte Destruktivität erforderlich ist. Für die Postmoderne ist nichts wirklich der Erlösung bedürftig.»

Erlösung! In diesem Begriff treffen sich für Eagleton Christentum und Marxismus: Um sie zu finden, bedürfe es eines tragischen Bruchs und eines Wiederaufbaus, sagt er. Der Marxismus sei die einzige ihm bekannte Denkweise, die zugleich von den Katastrophen der Menschheit – «Imperialismus, Ausbeutung, Faschismus, Völkermord» – und von ihrer Befreiung – «Demokratie, Zivilgesellschaft, Feminismus, Antikolonialismus» – berichte. «Der Marxismus behauptet nicht wie die Konservativen, dass die Geschichte den Bach runtergeht, und nicht wie die naiven Progressiven, dass es uns immer besser geht.»

Und das erhellt – auch wenn es im Buch «Das Böse» so deutlich nicht steht –, welches Gegenrezept Terry Eagleton dem Bösen verordnen würde. Die Welt ist, wenn wir ihm glauben, zwar in bedrohlicher Schräglage, aber nicht verloren. Denn es existiert nicht nur der Todestrieb, es existiert auch die Vernunft.

Eugen Sorgs «Lust am Bösen»: Dämonisieren auf Biegen und Brechen

Während die Lektüre von Eagletons Buch über das Böse den Geist öffnet, passiert beim Lesen von Eugen Sorgs «Die Lust am Bösen» das Gegenteil. Die Eagleton-Lektüre regt an, die von Sorg auf. Mordende KrankenpflegerInnen, prügelnde Jugendliche, Adolf Eichmann, jugoslawische Lagerleiter und vor allem die Taliban, islamistische Terroristen und der Islam an sich – sie sind beim einstigen «Weltwoche»-Journalisten und heutigen «Basler Zeitung»-Textchef die Belege für die Existenz des Bösen.

Dass auch die Lust am Bösen existiert, zeigt Sorg ebenfalls auf – mit Aussagen, die er auf Reportage oder als IKRK-Delegierter gesammelt hat. Zwar erwähnt auch er kurz Freud und den Todestrieb, aber weitere Erklärungen fürs Böse und die Lust daran finden sich bei ihm – trotz des Buchtitels – nicht. Ebenso wenig Hinweise, welche Werte seiner Ansicht nach die westlichen Gesellschaften beispielsweise dem Islam entgegenzusetzen hätten. Nur die Nato und die wirtschaftliche Stärke erwähnt er.

Ärgerlich ist dieses Buch nicht nur wegen seiner trichterartigen Verengung auf den bösen Islam, ärgerlich ist es auch, weil Sorg ausschlägt wie ein wildes Pferd: gegen Leute, die meinen, mit «pastoralem Therapeutismus» die ExtremistInnen heilen zu können; gegen den «kulturalistischen Relativismus und sich als Toleranz und Dialogbereitschaft missverstehende Harmoniesucht» des Westens und Nordens.

Viel Gehässigkeit ernten auch die «aufgeklärten Eliten», die «frömmelnden Menschenrechtler» und sogar das zeitgenössische Theater. Hätte sich Sorg aufs Thema konzentriert – die Lust am Bösen – und nicht einfach auf Biegen und Brechen die These seines Untertitels «Warum Gewalt nicht heilbar ist» durchexerziert, hätte ein aufschlussreiches Buch entstehen können. Voreingenommenheit ist eine schlechte Prämisse. Sie steigert den Erkenntniswert nicht.

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