Nr. 21/2011 vom 26.05.2011

Treibholz, ans Ufer gespült

Stefanie Sourlier erzählt vom Lebensgefühl einer Orientierungslosigkeit.

Von Anna Wegelin

Alle neun Geschichten im Buchdebüt der 31-jährigen Stefanie Sourlier sind aus der Innenperspektive geschrieben. Nennen wir die Ich-Erzählerin Sonja, wie sie in einem Text heisst. Sonja ist um die dreissig, kommt aus der Provinz, ist kinderlos, hat keinen festen Partner und keine feste Anstellung. Sie landet mal in dieser, mal in jener Grossstadt. Dazwischen fährt sie mit dem Zug und blickt aus dem Fenster. Sie fühlt sich wie Treibholz: ans Ufer gespült, porös, auf der Durchreise, allein.

In der titelgebenden Erzählung «Das weisse Meer» lebt Sonja mit Ella aus Russland in einer Zweier-WG in Manchester. Gegenüber wohnt ein alter, kranker Mann, dem eine junge Frau jeweils vorliest: «H. Samuel» kommt aus Odessa, redet wirres Zeug und nimmt sich das Leben. Die junge Frau erinnert Sonja an Eleonora aus der Schulzeit, die wegen ihres männlichen Auftretens Leo wurde. Sonja und Leo sind mal zusammen nach Archangelsk gefahren, ein gottverlassenes Nest am nordrussischen Weissen Meer. Sie fahren zusammen – und doch bleibt jede für sich.

In «Morgen ist schon wieder heute» wird Sonjas Kater überfahren, und ihr «Bruder» Jonas, der nicht ihr echter Bruder ist, zieht aus. Warum, bleibt unklar. Oder Ida in «Armageddon», die im Labor an der Technischen Universität arbeitet: Warum ist Sonja immer so nervös, bevor Ida zu Besuch kommt?

Was ist wichtig im Leben? Worauf kommt es an? Wo bin ich? «Man sucht nach der Wahrheit und stösst auf Nichtiges», lesen wir in «Der Bruder». «Und man weiss nicht, ob dies die Müllberge am Rand des beschwerlichen Weges zur Wahrheit sind oder die Wahrheit selbst, wenn es denn eine gibt.»

Die Erzählungen in diesem Band geben einen präzisen, schonungslosen Einblick ins Lebensgefühl verschiedener orientierungsloser Menschen: «Man denkt immer, man könne das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden, und plötzlich kriegt das Nichtige immense Wichtigkeit.» Sourlier erzählt so klug wie eigenwillig von Leben und Tod, Erfahrung, Wahrnehmung und Erinnerung, von Familie und Eigenleben, Freund- und Liebschaft und vom Sichtreibenlassen.

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