Nr. 21/2011 vom 26.05.2011

Erstickend bis zur Explosion

In Alice Schmids Roman erzählt ein Mädchen von ihrer düsteren Kindheit im Napfgebiet der fünfziger Jahre.

Von Johanna Lier

Nachts ist es Zeit, die Leiter hinunterzuklettern. Lilly folgt ihrem Bruder Res durch das Haus bis ins Bad, wo sie ihn sexuell befriedigen muss. Auf dem Rückweg ins Bett packt die grosse Schwester ihre Hand und zieht sie unter das hochgeschobene Nachthemd.

Inzest und Tabu

Eine wie sie mit einer schwarzen Seele, die solche Dinge tut, wird sicher nie heiraten dürfen. Noch eher wird es ihr wie der Änzilochjungfrau ergehen, die tief in der Schlucht haust, an deren Rand Lilly Tag für Tag mit ihren FreundInnen Viertelabnüüni, Ueli und Vreneli vorbeigehen muss.

Lilly wohnt mit ihrer Familie im luzernischen Napfgebiet – zu einer Zeit, als es noch ein Tabu ist, wenn der katholische Vater eine protestantische Mutter geheiratet hat. Die schöne, launische Mutter, die sich gezwungen sieht, nächtelang Seidenkrawatten zusammenzunähen, weil der Vater sich weigert, um sein Erbe zu kämpfen, und über diese Geschichte und den ungeklärten Tod des Grossvaters nicht gesprochen wird. Auch beim Essen redet man nicht, da der Vater vor Zeiten in ein tiefes Schweigen verfallen ist und es nur hinter der Türe des Elternschlafzimmers dreizehnmal giert, wenn er von seiner Nachtschicht nach Hause kommt. Denn Lilly hat gelernt, dass jedes erschreckende oder beängstigende Ereignis vorübergeht, wenn sie bis dreizehn zählt.

Zurück im Epizentrum

Alice Schmid (*1951 in Luzern), Zürcher Filmemacherin und Autorin, beschäftigt sich in jedem ihrer bisherigen Werke mit den Kindern dieser Welt. «Sag Nein» (1993) ist ein Filmklassiker über Kindsmissbrauch, in Liberia und Sierra Leone drehte sie Filme mit Kindersoldaten, in «Jeder Tropfen für die Zukunft» (1996) begleitet sie ein bolivianisches Mädchen auf seinem zweistündigen Schulweg, und in «Briefe an Erwachsene» (1994) porträtierte sie eine Kindheit im verminten Kambodscha. In «Dreizehn ist meine Zahl» kehrt sie nun in die Schweiz zurück, ins Epizentrum ihrer ersten, unmittelbaren Erfahrungen, jenes Gebiet, über das sie auch einen Film gedreht hat, der Ende Jahr ins Kino kommt.

Ein Kind ist es auch, das uns diese Geschichte erzählt – ein widerspenstiges, das von der heissgeliebten Mutter immer wieder abgewiesen, geschlagen und wochenlangen Verhören unterzogen wird, das trotz Eigenwille wirklich in die Hose macht, bevor es sich getraut, das elterliche Haus zu betreten. Eine düstere Welt, in der die Väter saufen und am Morgen im Stall mit ihren Kindern machen, was sonst der Muni mit der Kuh macht – eine Welt, in der die vom Pfarrer erzählten Geschichten von der männervernichtenden Änzilochjungfrau die Kinderköpfe beherrschen.

Und doch gibt es auch die gütigen Grosseltern, die wunderbaren Zopf backen, die Lehrerin, die jedes Kind geduldig aussprechen lässt, und den eigenen Vater, der seine Tochter zur Verbündeten macht, als er schliesslich den Entschluss fasst, sich seiner Vergangenheit zu stellen.

Jungfrau im tiefen Loch

Schmid entwirft ein dumpfes und erstickendes Milieu, in der die Angst und die sich gewaltsam befreienden Triebe das Leben beherrschen. Ein Elend, das durch die ungekünstelte Eigenwilligkeit der Sprache und eine raffinierte, fast schon klassische Dramaturgie eine überraschende Leichtigkeit und somit Erträglichkeit bekommt.

Alles richtet sich wie die Magnetnadel am unausgesprochenen Geheimnis des Vaters aus, und als der Druck der Sehnsüchte, der die Kinder immer wieder zur magischen Linde treibt, unerträglich zu werden droht, explodiert die Welt der kleinen Ortschaft in einer katharsischen Apokalypse von Feuersbrunst und Mord. Die Begegnung mit der Jungfrau im tiefen Loch wird für die kleine Lilly entgegen aller Drohungen das Tor zu einer anderen, besseren Welt.

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