Nr. 21/2011 vom 26.05.2011

Haben Sie im Bundeshaus im Abfall herumgeschnüffelt?

Der Basler Journalist Urs Buess (58) hat lange Zeit im Bundeshaus gearbeitet. Er berichtet von einem sympathischen Adolf Ogi, einem lauten Jean-Pascal Delamuraz und einem ewiggestrigen Christoph Blocher.

Von Jan Jirát (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Urs Buess: «Guter Journalismus ist noch immer möglich. Aber es braucht Zeit dafür, vielleicht ein wenig Bescheidenheit und vor allem Neugier.»

WOZ: Herr Buess, Sie sind seit rund dreissig Jahren als Journalist tätig. War der Journalismus schon immer Ihr Traumberuf?
Urs Buess: Es hat mich tatsächlich stark hingezogen zum Journalismus. Als ich 1983 bei der «Basler Zeitung» als Volontär anfing, besuchte ich zugleich die Ringier-Journalistenschule in Zofingen. Die Medienhäuser hatten damals viel Geld zur Verfügung, das sie unter anderem in grosszügige Ausbildungen inves­tierten. Die Ringier-Schule leistete sich erstklassige Dozenten, organisierte Studienreisen, etwa zum Bayrischen Rundfunk in München, in die Verwaltung der EU in Brüssel. Es war grossartig.

Tempi passati …
Die Unterschiede von damals zu heute sind nicht nur im Bereich der Ausbildung riesig. Man denke nur an all die technologischen Entwicklungen. Geändert hat sich meiner Ansicht nach auch die Berufsauffassung. Früher standen die Recherche und die Reportage im Zentrum, für die man entsprechend viel Zeit zur Verfügung hatte. Heute – in all den sogenannt gesund gesparten Redaktionen – kommt das viel zu kurz. Ausserdem beobachte ich eine abnehmende Sorgfalt für die Sprache. Und ich erinnere mich, dass wir früher auf der Redak­tion das Mittagessen ausgiebig zelebriert haben, während ich heute oft rasch ein Sandwich in mich reinstopfe. Eine Beschleunigung auf allen Ebenen – und das nicht zum Vorteil des Journalismus oder eben des Journalisten. (lacht)

Welche Momente und Ereignisse sind haften geblieben aus Ihrem langen Berufsleben?
Das Stichwort «Waldsterben» hat mich und mein Bewusstsein, dass die Umwelt nicht alles mit sich machen lässt, zu Beginn der achtziger Jahre stark geprägt. Aus der Distanz betrachtet, war das verrückteste Ereignis aber sicher der Fall der Mauer in Berlin 1989. Ich war damals 36-jährig und wusste: Es gibt diese zwei Blöcke und dazwischen eine Grenze, die immer geschlossen sein wird. Diese Blöcke waren so stark im Kopf verankert – im Militär zum Beispiel wurde einem immer der Kommunist als Feind erklärt, sodass ich mir den Fall der Mauer schlicht nicht vorstellen konnte. Seither weiss ich, dass sich Verhältnisse, auch wenn sie noch so zementiert erscheinen, ändern können. Einen EU-Beitritt der Schweiz halte ich deshalb durchaus für möglich. 2001 war auch ein sehr prägendes Jahr. Die Anschläge in New York, der Amoklauf im Zuger Parlament, der Brand im Gotthardtunnel …

Sie waren lange Zeit Bundeshausredaktor für den «Tages-Anzeiger». Was waren dort die prägendsten Erlebnisse?
Das Bundeshaus ist eigentlich ein grosses Dorf, in dem sich kleine und grössere Politprominenz bewegt und Weichen zu stellen versucht. Da ergeben sich fast jeden Tag inter­essante Begegnungen, die Geschichten liegen herum, manchmal sogar im Papierkorb.

Haben Sie im Bundeshaus in den Abfalleimern herumgeschnüffelt?
Nein, nein. Ich habe zufällig gesehen, wie eine Kommissionssekretärin Kopien gemacht und eine davon weggeschmissen hat. Diese Kopie habe ich aus dem Papierkorb gefischt. Es ging um einen neuen Budgetvorschlag. Danach fragten sich einige Politiker, wer hier wieder geredet habe. Und für einmal war es niemand.

Welche Politikerinnen und Politiker haben Sie beeindruckt?
Ich kann sagen, wer mich damals nicht beeindruckt hat: Christoph Blocher. Er ist mir erstmals aufgefallen, als er das neue Eherecht bekämpfte. Ich fand das völlig absurd, dieses ewiggestrige, konservative Getue. Und auf diesem Pfad ist er ja ständig weitergewandert. Dem kann ich nichts abgewinnen, besonders wenn es auch noch damit verbunden ist, Gegner zu verunglimpfen.
Sympathisch fand ich hingegen den SVP-Bundesrat Adolf Ogi, auch wenn wir eigentlich immer gestritten haben. Einmal habe ich ihn in Kandersteg besucht. Es war schon Abend, und der Mond schien, als er zu mir sagte: «Herr Buess, von hier aus sieht man die Blüemlisalp richtig, nämlich von vorne. In Bern sieht man sie nur von hinten.» Für ihn, den bekennenden Europäer, stand eben Kandersteg im Mittelpunkt.
Eine nachhaltige Begegnung hatte ich auch mit FDP-Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz. Gemeinsam mit einem Kollegen begleitete ich ihn auf einer Dienstfahrt nach Lausanne. Gleich zu Beginn gab es Streit. Bis nach Freiburg hat er uns auf Deutsch gnadenlos zusammengestaucht, bis er plötzlich sagte: «Vos ques­tions, messieurs!» Wir haben ihn als Erstes gefragt, weshalb sein Chauffeur auf der Autobahn 145 statt der erlaubten 120 Stundenkilometer fahre. Und schon war wieder der Teufel los, von Freiburg bis nach Lausanne.

Eine letzte Frage: Allenthalben hört und liest man, wie schlecht es um den Journalismus ­stehe. Teilen Sie diese Einschätzung?
Guter Journalismus ist noch immer möglich. Aber es braucht Zeit dafür, vielleicht ein wenig Bescheidenheit und vor allem Neugier. Wenn ein Journalist etwas genau wissen will und entsprechend nachfragt und recherchiert, um daraus eine sorgfältig geschriebene Geschichte zu erzählen, dann funktioniert das. Leider schwirrt aber heute zu viel Schrott als Information herum. Und statt selbst eine Geschichte zu schreiben und nachzuforschen, fragt man einen Politologen. Es ist alarmierend, dass die momentan eine solche Hochkonjunktur haben.

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