Nr. 21/2011 vom 26.05.2011

Wörter wie Flugzeug, Frühlingsregen, Glück oder Kapital

In Monica Cantienis Erstling blickt ein Adoptivkind mit grossen Augen auf die fremdenfeindliche Schweiz der siebziger Jahre – und erfindet sich eine eigene Poetik.

Von Eva Pfister

«Ausländerpack», schimpfen die NachbarInnen, wenn wieder mal Gegenstände aus einem Fenster fliegen. Dabei ist die Frau, die gerade ihre Fassung verloren hat, keine Gastarbeiterin wie viele der anderen MieterInnen im Haus, sondern halb Französin, halb Schweizerin – und selbst im Zweifel, ob James Schwarzenbach nicht doch recht haben könnte mit seiner allgegenwärtigen Warnung vor «Überfremdung». Die temperamentvolle Frau ist die künftige Adoptivmutter des titelgebenden «Grünschnabels», denn ihr Mann hat das Mädchen «für 365 Franken von der Stadt gekauft».

Die kindliche Ich-Erzählerin in Monica Cantienis Roman blickt mit fremden Augen auf die Welt, ähnlich wie ein MigrantInnenkind. Über seine Herkunft weiss das Mädchen wenig, im Waisenhaus fühlt es sich ganz wohl, denn die «Chefin» hat Verständnis für die schwierigen Zöglinge.

Viel geredet wird dort aber nicht. Darum hinkt «Grünschnabel» in der Sprachentwicklung hinterher – oder, wie es heisst: «Ich war an Wörtern knapp.» In der Pflegefamilie beginnt das Mädchen Wörter zu sammeln: «Flugzeug» und «Frühlingsregen», «Kapital» oder «Glück». Es legt sie in Streichholzschachteln, die immer mehr werden und kategorisiert werden müssen: «Wörter für SPÄTER, von FRÜHER, für JETZT».

Unter AussenseiterInnen

Die Sprache, mit der Cantieni festhält, wie das Adoptivkind langsam im Kosmos des multikulturellen Mietshauses ankommt, ist so lakonisch wie originell. Natürlich ist die Naivität künstlich und der «Grünschnabel» oft etwas altklug, vor allem, wenn es um Politik geht: «Nicht nur zu viele Radiatoren hatten illegal in den Wohnungen herumgestanden, sondern auch Ausländer.»

Auch in den pointengesättigten Dialogen zeigt sich die satirische Ader der 45-jährigen Autorin und Fernsehmacherin. So lässt sie Tante Joujou zur Pflegemutter sagen: «Hör mal: Kinderlos zu bleiben, ist keine Seltenheit. Unglücksfälle wie dich gibt es viele.» Bald darauf fliegen ihre Sachen aus dem Fenster.

Aus dem Heim ist das Mädchen andere Brutalitäten gewohnt. Zum Beispiel vom verstörten Jungen, den es für sich «Naturkatastrophe» nennt und an den es sich erinnert, als es selbst wieder einmal zugeschlagen hat: einer Mitschülerin mit einer Schaufel auf den Kopf. Die liegt nun im Spital, und dass sie das Mädchen als «Waisenhausgöre» beschimpft hat, zählt für die Erwachsenen nicht. Das ist einer der Momente, in denen das Kind befürchtet, ins Heim zurückgeschickt zu werden.

Am besten versteht sich Cantienis Romanheldin mit anderen AussenseiterInnen: mit dem Spanier Eli, der ohne Papiere in der Schweiz arbeitet, mit Tat, dem greisen Grossvater aus Graubünden, der sie «Grünschnabel» taufte, und mit Milena, dem Mädchen, das bei Toni im Schlafzimmerschrank wohnt. Der Italiener holte seine Tochter nämlich heimlich in die Schweiz, als seine Mutter starb. Das sei ja wie im Krieg, kommentiert Tat, als er davon erfährt, und erzählt von früher: wie er am Rhein die Grenze bewachen musste und jüdischen Flüchtlingen in die Schweiz verhalf, die sein Bruder – gegen gutes Geld – beherbergte.

Prekär in den siebziger Jahren

Damit schliesst Cantieni den Kreis von der Schweizer Flüchtlingspolitik der vierziger Jahre zum Mietshaus in den siebziger Jahren, in dem die MigrantInnen für teures Geld wohnen dürfen, auch wenn ihre Ausweise nicht in Ordnung sind. Alle Personen in diesem beeindruckenden Erstlingsroman leben auf unsicherem Boden – entweder ohne richtige Papiere, ohne einen richtigen Beruf oder ohne «richtige» Eltern. Sie haben schlechte Nerven wie die Mutter, die als Kind noch die deutsche Besatzung in Frankreich erlebte, oder sie verlieren den Bezug zur Realität wie Tat, der langsam in die Demenz wegdämmert.

Gegen diese Unsicherheit helfen dem Kind nur die Wörterschachteln. So ist «Grünschnabel» nicht nur ein aussergewöhnlicher Entwicklungsroman, sondern auch ein Buch über die Entstehung von Sprache, also von Literatur.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch