Nr. 21/2011 vom 26.05.2011

Gestern servieren in Genf, morgen bügeln in St. Moritz

In seinem Roman über das rastlose Leben einer alleinerziehenden Mutter und ihrer Kinder verbindet Jens Steiner Realismus mit Sprachpoesie.

Von Bettina Spoerri

Haken schlagen, vor sich selbst davonrennen, sich immer wieder neu erfinden: Das ist die Lebensstrategie, die Emma und Werner mit ihrer Mutter Lili von früh auf kennenlernen. «An den Rändern kleine Verzweiflungen und Fluchten. Alles normal», heisst es lakonisch am Anfang von Jens Steiners «Hasenleben».

Doch so normal ist Lilis Leben nicht. Wie von einer unsichtbaren Hand getrieben, zieht die junge, alleinerziehende Frau durchs Land. Ihre Kinder sind in diesem rastlosen, gehetzten Reiseleben über Genf, das Mittelland, St. Moritz oder auch einmal das Tessin weitgehend sich selbst überlassen. Das hinterlässt Spuren: Während sich der Junge Werner in den Hotels auf Entdeckungsjagd begibt und dabei auf manches trifft, das ihn verstört, sitzt Emma meist fast apathisch am Fenster, beobachtet das Treiben draussen – und verwundet sich selbst, immer ein wenig mehr.

Wenn auf nichts Verlass ist

In wechselnden Perspektiven erzählt Jens Steiner, Jahrgang 1975, von den abrupten Wechseln, der Einsamkeit und Ziellosigkeit im Leben einer verzweifelt vergnügungshungrigen Mutter und ihren beiden vernachlässigten Kindern. «Mir wird doch noch was einfallen»: Der Satz funktioniert wie eine Art Mantra, auf das Lili zurückkommt, wenn sie einmal mehr ihren Job verliert, wenn das Geld ausgeht und die Schwierigkeiten überhandnehmen. Dann ist sie bald schon wieder weg, sucht neue Arbeit im Hotel, als Kellnerin, als Putzfrau.

Die Kinder, die sich an diese unsicheren Lebensumstände anzupassen versuchen, an die immer wieder neuen MitschülerInnen und Lehrer, die Nachbarschaft, die Strassen, werden früh tüchtig, vernünftig und selbstständig. Der Preis dafür aber ist hoch.

Eines Tages quartiert sich der mutmassliche Vater der Kinder in einem der Hotels ein, wo Lili gerade arbeitet. Doch dieser Molnar bleibt ein Fremder, ein Durchreisender, ein Phantom im Leben der vaterlosen Familie. Zu einem anderen Mann bauen Emma und Werner zaghaft eine Beziehung auf, doch auch er ist eines Tages weg, ausgewandert. Am einfachsten scheint es da, sich an nichts zu halten, sich auf nichts verlassen zu wollen, sondern zu fliehen – und zu vergessen.

Taumelnde Innenleben

Steiners Roman zieht einen durch die intensive Bildlichkeit in das taumelnde Innenleben von Figuren hinein, die ständig mit Überforderungen kämpfen. Er findet dabei einen eigenen Ton und schafft dichte atmosphärische Momente. Der erste Teil, der von der Kindheit von Emma und Werner erzählt – und deren hartem, endgültigem Ende –, verbindet in stimmiger Weise einen schonungslosen Blick auf die Realitäten mit feiner Sprachpoesie.

Allerdings verliert sich die Eindringlichkeit des Textes in der Fortsetzung des Romans, wenn Emma als mittlerweile erwachsene, immer noch sehr junge Frau auftritt. Die Andeutungen ihrer Traumatisierungen, die Vorführung der Wiederholungen, in die sich Lilis Tochter unbewusst hineingedreht hat, und damit die Parallelen in der Lebensführung von Mutter und Tochter (den mutwilligen Leitspruch «Mir wird doch noch was einfallen» hat sie von der Mutter geerbt) sind in der anfänglichen Zurückhaltung überzeugender. Auch ist das Buch gegen Ende hin mit zu vielen neuen Erzählfäden und Motiven überfrachtet; die anfängliche Fulminanz weicht einer erzählerischen Unschlüssigkeit. Doch diese Unsicherheit fällt vor allem deshalb auf, weil der erste Teil so überzeugend und sprachlich souverän ist.

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