Nr. 21/2011 vom 26.05.2011

Auf der Suche nach dem verborgenen Garten

Kindheit erlebt gegenwärtig in der neueren deutschsprachigen Literatur eine Hochkonjunktur. Als Motiv im 18. Jahrhundert entstanden, reagiert die Darstellung der Kindheit auf veränderte soziale Kontexte.

Von Bettina Spoerri

«Kurz bevor sie aufhörte, ein Kind zu sein, hat Anna sich geschworen, das, was sie jetzt fühlte und dachte, wie ein Kind fühlt und denkt, nie zu vergessen, so wie Erwachsene eben normalerweise vergessen, nein, sie wollte diesem Kind, sich, treu bleiben.»

Anna reist in Erica Pedrettis Roman «Engste Heimat» (1995) auf den Spuren ihrer Kindheit in die mährische Kleinstadt, in der sie Jahrzehnte zuvor aufgewachsen ist – und muss feststellen, dass ihre Erinnerungen nicht zuletzt durch das Wissen um die späteren politischen Entwicklungen in der Region verstellt sind. Sie findet den Garten des Grossvaters abgesperrt, das Schloss auf dem Hügel ist ein Museum geworden, die BewohnerInnen sind ihr alle fremd. Voll von Zauber dagegen tauchen die Erinnerungen dann doch stückweise, in einzelnen Bildern aus der Kindheit auf – geprüft an der Gegenwart, skeptisch begutachtet, kritisch befragt.

Der verlorene Schlüssel

Was kann es heissen, fragt sich Anna, dem Kind, das man war, treu zu bleiben? Und was bedeutet es, wenn eine Autorin sich ihrer Kindheit schreibend anzunähern versucht? Pedretti verfasste ihren Roman 1995, in einer Zeit, da mehrere Autorinnen und Autoren nach dem Fall der Berliner Mauer – real oder in Gedanken – Richtung Osten reisten, um die Orte ihrer Herkunft, Bilder und Gerüche ihrer Kindheiten heraufzubeschwören.

Meistens münden solche Spurensuchen in Enttäuschungen, weil die Magie, die für Kinderaugen gerade auch dem Gewöhnlichsten innewohnen konnte, von den Erwachsenen nicht wiedergefunden wird. Sie haben den Schlüssel zum verborgenen Garten verloren: Nimmerland oder Wonderland sind ihnen vorenthalten, denn sie glauben nicht mehr an das Unwahrscheinliche.

Nur in der Literatur, im Schreiben, vermögen sie die Grenze aufzuheben. Die Figur des Peter Pan, der immer Kind bleibt, ist ja die Kreation eines Erwachsenen. Sich als das Kind, das man war, treu zu bleiben, heisst so gesehen, sich nicht von Gesetzen der Vernunft vereinnahmen zu lassen – und die Perspektive, die man als Kind auf die Welt hatte, nicht zu vergessen. Ein Vorsatz, der sich aber nie bei vollem Bewusstsein umsetzen lässt – Kind-Sein meint gerade auch Absichtslosigkeit.

Trotzdem versuchen sich immer wieder SchriftstellerInnen an ihren Kindheiten, an Kinderbeobachtungen und -erlebnissen, die oftmals in Ich-Perspektive erzählt werden. In jüngster Zeit erfährt die Kindheit gerade auch in der Schweizer Literatur einen Boom: mit Melinda Nadj Abonjis «Tauben fliegen auf», «Sieben Jahre Schlaf» von Karin Richner, Alice Schmids «Dreizehn ist meine Zahl», «Hasenleben» von Jens Steiner, Monica Cantienis «Grünschnabel» (vgl. Rezensionen in der Printbeilage) oder «Cowboysommer» von Hansjörg Schertenleib – um nur einige zu nennen.

Illusion des Überschaubaren

Erzählt werden alles andere als einfache, helle Kindheiten: das Aufwachsen in einer dumpfen Vorstadt oder einem bigotten Provinzdorf, das Leben als Migrantin, Adoptivkind, Kind einer alleinerziehenden Mutter; Kinder, die sich in ein fremdes Land oder eine fremde Familie einfinden sollen, vernachlässigte, gequälte, missbrauchte Kinder ... Da drängt sich die Frage auf, in welchem historischen und sozialen Kontext und mit welchen sprachlichen Mitteln Kindheit jeweils dargestellt wird. Denn die Erzählung einer Kindheit widerspiegelt immer auch die soziale und ästhetische Funktion, die dieser zum Zeitpunkt der Entstehung des Textes zugewiesen wird.

Entdeckt und «erfunden» wurde die Kindheit Ende des 18. Jahrhunderts: ein Paradigmenwechsel, dessen Bedeutung der französische Historiker Philippe Ariès 1960 in einer grossen Studie dargelegt hat. Damals, vor rund zweihundert Jahren, entstand eine Flut an pädagogisch-moralischen Schriften über die richtige Einweisung der Nachkömmlinge in die Welt, deren Führung sie einmal übernehmen sollten. Rousseau schrieb seinen kontroversen «Emile» (1762), und später löste Charles Dickens’ «Oliver Twist» (1837) eine Diskussion über Kinderrechte aus.

Als Reaktion auf die «Entdeckung» (oder vielmehr soziale Konstruktion) einer Kindheit als erstem Abschnitt eines Menschenlebens – mit entsprechenden Ansprüchen der Kinder sowie ihrer BetreuerInnen – sind zum Beispiel Schöpfungen wie Lewis Carrolls «Alice im Wunderland» (1865), Mark Twains «Die Abenteuer des Huckleberry Finn» (1884) oder James Matthew Barries «Peter Pan» (1904) zu sehen. Während die Industrialisierung Kinder zunehmend als Arbeitskräfte ausbeutete, entstanden um die Jahrhundertwende umso radikalere Gegenentwürfe. Sigmund Freuds Psychoanalyse bestätigte sodann, wenn auch mit dem Versprechen auf die Befreiung von Neurosen, die kaum mehr revidierbare Prägung durch die ersten Lebensjahre. Die Kindheit hat seither ihren Platz und ihre Funktion im Selbstverständnis eines aufgeklärten, selbstkritischen und autonomen Individuums: Angesiedelt ist sie lange vor den ersten selbstverantwortlichen Entscheidungen, sie symbolisiert die Zeit der Abhängigkeit, der Ohnmacht, der Unschuld.

Dadurch bildet sie aber auch ein Vakuum, das erst durch den nachforschenden, erinnerungssüchtigen, interpretierenden Erwachsenen mit Bedeutung gefüllt wird – auf der Suche nach seinem möglichst persönlichen Ursprungsmythos, der ihn von allen anderen unterscheiden soll. Das Kind lebt zuerst in der Unmittelbarkeit, die sodann nach und nach benannt und erklärt wird – die Illusion des Überschaubaren stellt sich nur im Rückblick ein.

Winkelzüge unserer Psyche

Unsere Erinnerungen an die Kindheit und deren Bewertung, so haben jüngere Langzeitstudien gezeigt, sind von der momentanen Befindlichkeit geprägt – so sehr, dass sich eine glückliche Kindheit innerhalb kurzer Zeit in eine als schwierig erachtete verwandeln kann. Manche Ereignisse werden je nach aktueller Lebenssituation ausgeblendet, andere rücken in den Vordergrund.

Die Winkelzüge unserer Psyche werden unser Gedächtnis immer prägen, aber um unsere Identität zu begründen und uns unsere Lebensgeschichte erzählen zu können, hören wir dennoch nicht auf, aus dem Knäuel ineinander verworrener Fäden ein Ende zu zupfen, um mit diesen ein neues Gewebe zu bilden, das wir herzeigen können: «Seht, das ist der Stoff, aus dem ich geschaffen bin.»

Je mehr wir aber über die Funktionsweise unseres Gedächtnisses wissen, desto weniger kann die literarische (Re-)Konstruktion, die Erzählung einer Kindheit als «authentisch» aufgefasst werden. Pedretti reflektiert in ihrem Text diese Bedingungen der Produktion, indem sie nicht kittet, was in Fragmente zerfällt. Auch Autorinnen wie Anna Mitgutsch oder Barbara Honigmann nähern sich auf diese vorsichtig-misstrauische Weise dem Erzählen von Kindheiten an. Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind?, fragt Christa Wolf 1976 in «Kindheitsmuster» stellvertretend für alle Deutschen, die im Dritten Reich aufwuchsen – in einem Buch, das Widersprüche ausstellt, statt sie zu verbergen.

Ein letzter Grund

Die verstärkte Rückbesinnung auf die Kindheit in der neuesten Literatur steht in einem erneut veränderten Kontext: Kindheit ist heute neuerdings im Begriff, abgeschafft zu werden; sie wird immer mehr verplant und verinstitutionalisiert. Mit den pädagogischen Erkenntnissen steigt auch der Druck, diese effizient anzuwenden. Gleichzeitig wollen immer mehr Erwachsene ihr Kindsein wiederentdecken, um ihre Kreativität noch besser entfalten und ihre Selbstverwirklichung weitertreiben zu können. Wo alles vom eigenen Willen abhängig gemacht wird, ist schliesslich noch die Erinnerung an die Kindheit ein Freiraum. Ein letzter Grund, aus dem man schöpft – trotz oder gerade wegen der Zumutungen, die das Leben damals bereithielt.

Das Ausgeliefertsein, die Verletzungen, die Traumatisierungen, sie haben sich eingeschrieben – und sind eine Zuflucht, wenn alles austauschbar zu werden droht. Zweifel, Entbehrung, Mangel, als Erinnerungstext rekonstruiert, fungieren da als eine Art Kraftreservoir. Anders gesagt: In den Gegenständen im Museum des Gedächtnisses ist abrufbare Stärke gespeichert.

Unheimliche Heimatmythen

Die Skepsis der Erinnerung gegenüber ist in den letzten Jahren allerdings einem tendenziell unbeirrten (Nach-)Erzählen gewichen, das sprachliche Vergegenwärtigen von Erinnertem setzt sich über die Grenzen und Hemmschwellen von Selbstenthüllung wieder vermehrt hinweg. Der Einwand, dass eine Kinderperspektive, die von einer Erwachsenen gestaltet wird, nie einfach die eines Kindes sein kann, interessiert nur noch wenig, wenn sich das Erzählen verstärkt in die suggestive Dimension von Sinneswahrnehmungen und sprachlichen Sedimenten verlagert.

Die Qualen der täglichen Misshandlungen waren kaum zu ertragen – doch Alice Schmids Ich-Erzählerin weiss immerhin, woher sie kommt: aus dem Napfgebiet. Damit verfügt sie über eine Gewissheit, die heute immer mehr Menschen abhandenkommt. So kann Kindheitsliteratur paradoxerweise auch viel über unheimliche Heimatmythen erzählen.

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