Nr. 21/2011 vom 26.05.2011

Das Coop-Biogemüse und die Arbeitsrechte

Warum reagiert Coop erst dann, wenn das Nachhaltigkeitsimage des Grossverteilers in Gefahr ist?

Von Markus Spuhler

Das wachsende öffentliche Bewusstsein für die prekäre Situation der LandarbeiterInnen in Almería, der «Gemüsefabrik» Europas in Südspanien, scheint langsam Früchte zu tragen. Nach mehrmonatiger Auseinandersetzung mit der Landarbeitergewerkschaft SOC Almería hat sich die Firma Bio Sol bereit erklärt, sechs entlassene Arbeiterinnen zum legalen Tarif zu entschädigen und die Arbeitsbedingungen im Betrieb gemäss einem Abkommen mit dem SOC zu verbessern.
Bio Sol ist mit 120 Hektaren Gewächs­häusern einer der grössten Biobetriebe der Region. Die sechs Arbeiterinnen waren nach lang­jähriger Tätigkeit im firmeneigenen Abpackbetrieb entlassen worden. Sie hatten immer am selben Arbeitsplatz gearbeitet, aber der Arbeitgeber liess sie jeweils neue Arbeitsverträge mit anderen Firmen unterzeichnen, die zum selben Betrieb gehörten. Damit umging er die Entschädigungszahlungen, die er bei dieser unbegründeten Entlassung hätte leisten müssen.
Fälle wie diesen vertritt der SOC zuhauf, meist mit mässigem Erfolg. Die sechs Arbeiterinnen hatten das Glück, dass der «Tages-Anzeiger» ihnen im Februar einen Artikel widmete. Dieser zeigte, dass die Verhältnisse in Südspanien auch in der Bioproduktion wenig mit intakter Natur und der kleinbäuerlichen Idylle eines Familienbetriebs zu tun haben, wie sie uns die Grossverteiler in ihren Biowerbungen präsentieren. Coop als Abnehmer von Bio Sol sah sich gezwungen, einzuschreiten. Zum ersten Mal in der Geschichte des SOC hat eine grössere ­Supermarktkette die Abnahme der Produkte einer Firma verweigert, solange diese ihre Konflikte mit den ArbeiterInnen nicht gelöst hat.
Vermittelt hat der Verband Bio Suisse, der für Coop die Bioprodukte aus Südspanien zertifiziert. Einerseits ist dies für den SOC natürlich ein grosser Erfolg, und es ist zu hoffen, dass er auch in Zukunft auf die Hilfe von Coop und Bio ­Suisse zählen kann. Es zeigt auch, dass der Handel schliesslich doch auf öffentlichen Druck reagiert. Andererseits ist es bedenklich, dass Coop erst dann interveniert, wenn das Nachhaltigkeits­image in Gefahr ist, das der Konzern mit intensiver Werbung und PR aufzubauen versucht. Sowohl Coop als auch Bio Suisse wissen nicht erst seit dem Zeitungsartikel, dass Praktiken wie bei Bio Sol in Südspanien zum Alltag gehören.

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