Nr. 27/2011 vom 07.07.2011

Feldtöchter und Landspekulanten

Jugendliche mit grünem Daumen haben in Genf ein Stück Industrieland besetzt. Sie wollen dort ihre Blütenträume verwirklichen.

Von Helen Brügger

Wild wuchert das Gemüse. Die Beete sind mit Stroh-, die Wege mit Rindenmulch abgedeckt. Daneben ist auch Platz für Unkraut, pardon Wildkraut. Nur ein kleiner Teil des riesigen Geländes von 30 000 Quadratmetern ist bepflanzt. Ringsum Stahl, Glas und Beton. Hier stehen die Luxusbunker der Uhren- und Schmuckindustrie: Rolex, Patek Philippe, Piaget, Vacheron Constantin und der Diamantenspezialist Harry Winston. Wir befinden uns mitten in der Industriezone des Genfer Vororts Plan-les-Ouates.

Eigentlich sollte am Chemin du Champ-des-Filles ein Technopark stehen. Stattdessen streckt eine eben gepflanzte, magere Eiche geniesserisch ihre Äste in den warmen Regen. Vor dreissig Jahren wechselte das Feld von der Landwirtschafts- in die Industriezone, seit zehn Jahren ist es Brachland. Dafür hat es mehrere Male ausserordentlich profitabel die Hand gewechselt. Sein Wert wird heute auf über 12 Millionen Franken geschätzt, das bedeutet einen Quadratmeterpreis von 424 Franken, obwohl der Durchschnittspreis für Industrieland bei 150 Franken pro Quadratmeter liegt. Glückliche Besitzerin des Feldes ist die führende Schweizer Immobilieninvestmentgesellschaft Swiss Prime Site, die sich rühmt, nur «erstklassige Anlagen» zu ihrem Portefeuille zu zählen.
Am 17. April 2011, besetzte eine Handvoll jugendlicher AktivistInnen, «les filles du champ», wie sie sich nach dem Strassennamen nennen, das Gelände. Die «Feldtöchter» – Söhne sind mitgemeint – sind Autonome mit grünem Daumen, Jugendliche mit dem Wunsch nach landwirtschaftlicher Aktivität oder einfach mit Sehnsucht nach Amselgesang und dem Geruch von nasser Erde. Der 17. April ist von der internationalen Bauernorganisation Via Campesina zum «Tag der Bauernkämpfe» ausgerufen worden, in der ganzen Welt fanden Aktionen gegen die Nahrungsmittelindustrie, gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel oder die Spekulation mit Agrarland statt. In Genf war es die Besetzung des Geländes in Plan-les-Ouates – eine zunächst symbolisch gemeinte Aktion. «Je mehr wir sahen, wie die Erde unter unseren Händen lebendig wurden, desto mehr wurde uns bewusst, dass wir hier bleiben wollen», sagt Besetzer Nicolas. Und so entstand ein reichlich überdimensionierter, dafür garantiert autonomer Schrebergarten, dem man allerdings ansieht, dass der Boden seit zehn Jahren nicht mehr bestellt worden ist – es gibt noch viel zu tun für die Töchter des Feldes. Bis jetzt wurden Salat-, Gemüsesetzlinge und Bäume gepflanzt, eine improvisierte Hütte mit Strohturm gebaut, zum Schluss eine Vogelscheuche darauf gesteckt, um ungebetene himmlische Gäste zu verscheuchen.

Einen Monat lang rodeten, jäteten, hackten, pflanzten, wässerten und diskutierten die frischgebackenen Landwirte tapfer drauflos, bis sie Schmerzen im Kreuz und Blasen an den Händen hatten. Einige wussten bereits, wie Biogemüse angebaut wird, Unterstützung kam auch aus den Kreisen der Biokooperative Jardin des Charrotons in der nahegelegenen Landwirtschaftszone beim trüben, graugelben Bach. Dort, wo seit eh und je gebauert und vor allem die berühmten Cardons, die AOC-Gemüseartischocken gezogen werden, soll ein ganz neues Quartier inklusive Industriezone aus dem Boden gestampft werden, die BäuerInnen und die Kooperative müssen ausziehen. «Und gleichzeitig bleiben in der eigentlichen Industriezone Hektaren von Land ungenutzt», ärgert sich Nicolas.

Gewaltfreier Widerstand

Die Vogelscheuche nützte nicht gegen jede Art von Vögeln. Einen Monat später erschienen ungebetene irdische Gäste, mobilisiert von der Immobilienverwalterin Wincasa, die das Dossier für Swiss Prime Site verwaltet. Sie rückten um sieben Uhr morgens an, unter Polizeischutz und begleitet von privaten Sicherheitsagenten. Drei AktivistInnen wurden von der Polizei «zur Abklärung der Identität» auf den Polizeiposten geführt; das Vorgehen ist üblich, seit der Genfer Generalstaatsanwalt Daniel Zappelli seine Doktrin der «Nulltoleranz» in Sachen Hausbesetzungen verkündet hat. Meistens wird während der sogenannten Identitätsüberprüfung das entsprechende Haus geräumt und zugemauert. Doch hier, auf dem offenen Feld, lief die Sache anders. MitbesetzerInnen wurden alarmiert, sie traten dem Traktor, der die jungen Sprossen dem Erdboden gleichmachen sollte, mit gewaltfreiem Widerstand entgegen. Hinter dem Rücken der Zerstörer flickten sie die Hütte notdürftig wieder zusammen, während die Bauerngewerkschaft Uniterre Alarm schlug und zur Verteidigung des besetzten Felds aufrief.

Schliesslich zogen die Handlanger der BesitzerInnen unverrichteter Dinge wieder ab. Nun möchte Uniterre erreichen, dass die BesetzerInnen einen Vertrag zur vorübergehenden Nutzung erhalten – bis zu einem allfälligen Baubeginn. Besetzer Nicolas ist skeptisch, er glaubt eher daran, dass das Kräfteverhältnis durch «Aktionen» zu Ungunsten des Besitzers und zugunsten des Projekts verändert werden sollte: «Wir sind auf enorme Sympathien gestossen, als wir einen Teil unserer Salatköpfe auf dem Markt in Genf gratis an die Bevölkerung verteilt haben.» Uniterre hingegen setzt auf Verhandlungen mit den Besitzern, sie seien bereits im Gang.

«Damit sich das Projekt entwickeln kann, muss eine längerfristige Perspektive bestehen», sagt Uniterre-Sekretär Rudi Berli. Die Gewerkschaft sei auch bereit, Garantien zu übernehmen, falls es zu einer befristeten Nutzung des Geländes komme.

Berli ist der Ansicht, die Forderungen der Besitzer seien «noch ziemlich unrealistisch». Er sieht nicht ein, weshalb etwa, wenn es nach Swiss Prime Site geht, keine Hütten gebaut werden dürfen, niemand auf dem Feld übernachten, keine mehrjährigen Pflanzen oder Bäume gepflanzt und keine Feste auf dem Gelände gefeiert werden sollen. Besetzer Nicolas hat eine sarkastische Erklärung: «Ich stelle mir vor, dass irgendein millionenschwerer Diamantenkäufer aus Kasachstan es nicht schätzt, von einem Harry-Winston-Fenster aus auf eine Strohhütte zu blicken.» Berli jedoch sieht gute Chancen für einen Vertrag: «Die Swiss Prime Site scheut vor allem eine öffentliche Diskussion über die finanziellen Aspekte dieser Geschichte.»

Gegen Landhamsterei

Für die Bauerngewerkschaft zeigt die Besetzung exemplarisch die Probleme der Landwirtschaft auf. Der Zugang zu Landwirtschaftsland sei für angehende Bäuerinnen und Bauern wegen der Bodenpreise immer mehr ein unlösbares Problem, und die schweizerische Landwirtschaftspolitik tue nichts, um kleinräumige Strukturen zu fördern, sagt Berli. Dabei sei die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten «vom Hof um die Ecke» gerade in der Nähe von Städten enorm, solche Betriebe seien auch wirtschaftlich nachhaltig.

Uniterre ist auch an vorderster Front dabei, wenn in Genf gegen Bodenspekulation und das Horten von Land demonstriert wird. So etwa Anfang Juni, anlässlich der «JetFin Agro 2011», einer internationalen Agrarinvestorenkonferenz, an der FinanzspezialistInnen aus aller Welt über Gelegenheiten zum Kauf von Agrarflächen diskutierten. «Wir stellen fest, dass die weltweite Spekulation mit Agrarflächen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen seit mehreren Jahren massiv zugenommen hat, weil die verunsicherten Investoren nach sicheren Investitionen Ausschau halten», sagt Berli. Seit den Jahren 2002/03 sei Genf zu einer der wichtigsten internationen Drehscheiben für den Handel mit landwirtschaftlichen Rohstoffen und Agrarland geworden. «Wir schätzen, dass sich in Genf mehrere Tausend Trader ausschliesslich mit solchen Geschäften befassen.» Hunderte von Organisationen haben einen internationalen Appell gegen die Landhamsterei unterzeichnet, der am Treffen der G20 zur Landwirtschaft in Paris, am 22. und 23. Juni, übergeben wurde.

«Das Leben auf diesem besetzten Feld ist reicher als alle Immobilienportefeuilles. Es ist reich an Begegnungen und Aktivitäten, reich an Erfahrungen mit den Techniken der biologischen Landwirtschaft, reich durch gemeinsame Momente beim Kochen und Essen, reich durch den Austausch von originellen Rezepten für vergessene Gemüse», schreiben die «filles du champ». «Wir haben uns entschieden, auf diesem Feld zu bleiben, um das Gemüse und das Glück, das wir gesät haben, wachsen zu sehen.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch