Nr. 28/2011 vom 14.07.2011

Warten auf den Souflaki

Sommer, Sonne, Strand. Davon hat Griechenland genügend. Wer dorthin reist, sollte Petros Markaris’ neuen Roman mitnehmen –  er bietet spannende Einblicke in ein Land in der Krise.

Von Fredi Bosshard

Kostas Charitos, Kommissar bei der Athener Polizei, hat ein neues Auto. Seit 1995 war der Protagonist von Petros Markaris’ Romanen mit seinem alten Mirafiori, einer «Rostlaube», in den permanent verstopften Strassen von Athen unterwegs. Seine Überlegungen, wo der schnellste Weg durchführen könnte und ob es Abkürzungen gibt, durchzogen seine bisherigen fünf Geschichten wie seine Vorliebe für das Dimitrakos-Lexikon, das er bei schwierigen Fragen immer wieder gern konsultiert.

Mit «Faule Kredite» ist der sechste Charitos-Roman von Markaris, der gelegentlich auch für die WOZ schreibt, erschienen. Der Krimi spielt im Sommer des vergangenen Jahres und beginnt mit der Hochzeit von Charitos’ Tochter Katarina. Damit die Familie standesgemäss beim zukünftigen Ehemann Fanis Ousounidis und vor der Kirche vorfahren kann, muss ein neues Auto her, findet seine Frau Adriani. Charitos murrt ein wenig, fügt sich aber und entscheidet sich für einen Seat Ibiza. «Aus Solidarität. Die Spanier stecken doch momentan genauso in der Klemme wie wir. Zusammen mit Portugal, Italien und Irland zählen wir doch zu den PIIGS-Staaten», so der Kommissar. Derweil das halbe Polizeikorps Hyundai fährt, weil es beim Händler Rabatt bekommt.

Alltag präzis beschrieben

Am Tag nach der Hochzeit erfährt Charitos von seinem Vorgesetzten, dass der ehemalige Chef der Central Bank im Garten seiner Villa im Nobelviertel Koropi von seinem Gärtner aufgefunden wurde – enthauptet. Der Banker hatte einst legendäre Gewinne eingefahren. Und er wird nicht der Einzige aus der griechischen und internationalen Finanzwelt bleiben, der durch das Schwert umkommt. Plakate und Kleber mit der Aufschrift «Sofortige Zahlungsverweigerung! Boykottiert die Banken! Verhindert die Abbuchung eurer Kreditkarten!» zieren ganz Athen und heizen die Stimmung zusätzlich an. Die Bankenwelt und die PolitikerInnen sind verunsichert, und das schlägt bis zum Polizeipräsidium durch. Die Ermittlungen der Mordfälle werden Kostas Charitos und seinem Team übertragen.

Markaris beschreibt in «Faule Kredite» den griechischen Alltag präzis, nimmt sich der Sorgen der Leute an, die unter der Finanzkrise und den von der Troika EU, Europäische Zentralbank und Internationaler Währungsfonds diktierten Sparprogrammen am meisten leiden. Über seinen Kommissar berichtet er von den massiven Rentenkürzungen, von gekappten Budgets auf allen Ebenen und von der Wut, die inzwischen auch den Mittelstand erfasst hat.

Als auch noch für die PolizeibeamtInnen das Rentenalter von 55 auf 60 Jahre angehoben wird, bleibt im Kommissariat einzig Charitos einigermassen gelassen. Nur die Vorstellung, dass er zusätzliche fünf Jahre als «Bullen- und Faschistenschwein» beschimpft werden wird, betrübt ihn.

Nur der Fernseher bleibt

Kommissar Charitos löst auch seinen sechsten Fall mit Bravour, Intuition, Beharrlichkeit und der gelegentlichen Hilfe von Journalisten, auf die er sonst nicht besonders gut zu sprechen ist. Wie die Geschichte von «Faule Kredite» über das Buch hinaus weitergeht, kann man beinahe täglich dem Wirtschaftsteil der Presse entnehmen. Griechenland ist inzwischen bei einer Staatsverschuldung von 142,8 (gemessen am Bruttoinlandsprodukt in Prozent) angelangt, dicht gefolgt von Italien mit 119. Nur dank massiver Hilfe von der EU ist das Land bis jetzt dem Staatsbankrott entronnen.

Das verändert auch Charitos’ Leben. Er steckt zwar auch mit seinem neuen Seat Ibiza trotz GPS weiterhin im Stau fest. Inzwischen muss er aber immer öfters den Demonstrationszügen und Kundgebungen ausweichen. Und aus den Sommerferien auf einer Insel wird dieses Jahr wohl nichts werden. Seine Frau Adriani sagt gegen Ende: «Alle, die wie Katarina und Fanis in den Urlaub gefahren sind, liegen jetzt am Strand in der Sonne. Und ich sitze hier in Athen, und das Einzige, was wärmt, sind die Strahlen des Fernsehers, der den ganzen Tag läuft.»

Auf den griechischen Inseln sonnen sich momentan vor allem Touristinnen und Rentner aus den nördlicheren EU-Ländern. Auch die Buchungen aus der Schweiz erreichen schon beinahe das Niveau von vor der Krise. Auf die Feier eines nationalen Erfolgs, der traditionell mit einem Souflakiessen zelebriert wird, werden die GriechInnen aber noch länger warten müssen.

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