Nr. 33/2011 vom 18.08.2011

«Da hets ja no feiechli veieli»

Was gut altert, wird manchmal wieder neu: Ernst Eggimanns Gedichte sind zwar vierzigjährig, aber erst heute kann man sie als Spoken-Word-Literatur lesen.

Von Fredi Lerch

«Sichtlich gerührt» sei Ernst Eggimann gewesen, als ihn an den diesjährigen Solothurner Literaturtagen jüngere KollegInnen «als Vorreiter der Spoken-Word-Bewegung der Gegenwart gefeiert» hätten, schrieben «Tages-Anzeiger» und «Bund» am 7. Juli dieses Jahres.

Anlass zur Feier bot neben Eggimanns 75. Geburtstag sein eben erschienenes Buch «u ner hört», eigentlich eine Gesamtausgabe seiner Gedichte: Ausser wenigen Nachträgen aus den Jahren 1998 und 1981 besteht es aus den Zyklen «Heikermänt» (1971) und «Henusode» (1968). Im Vergleich zum Erstdruck sind darin die Texte umgekehrt angeordnet. So werden letzte Gedichte zu ersten.

Gegen die «Heile-Welt-Ideologie»

Ende der sechziger Jahre gehörte Eggimann zu einer ganzen Reihe von Autoren – Autorinnen gab es kaum –, die in Bern unter den Labels «Politlyrik» oder «modern mundart» gegen das «bluemete Trögli» andichteten – die Dialektliteratur im Dienst der antikommunistischen geistigen Landesverteidigung. Als literarisch bedeutendster unter ihnen galt damals Kurt Marti mit «Rosa Loui» (1967) und «Undereinisch» (1973), nicht zuletzt, weil er sich in den beiden Bändchen – vom Dadaismus bis zur Konkreten Poesie – bewusst mit den literarischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts auseinandersetzte.

Eggimann ging damals mit Kurt Marti einig, mit «Umgangssprache» gegen die «Heile-Welt-Ideologie» Stellung beziehen zu wollen. Ästhetische Theorien interessierten Eggimann allerdings wenig. Er habe, sagte er 1976, «die Sprache als Material benutzt», «von der Sprache her geschrieben», und was entstanden sei, sei «nie zuerst ein Inhalt gewesen».

Eggimann nahm die gesprochene Sprache, sammelte entlang von Klängen und Rhythmen Wörter und schaute, was sich mit den Fundstücken sagen liess. Damit stellte er sich nicht zuletzt in die Tradition des Sprachethnografen Emmanuel Friedli («Bärndütsch», 7 Bände, 1905–1927), der seine Fundstücke ebenfalls gern im umgangssprachlichen Kontext präsentiert hat. Eggimanns Sprachspielereien sind denn auch nie ganz frei vom didaktischen Nebensinn des Vorzeigens (quasi eine Déformation professionelle: Eggimann arbeitete damals als Schulmeister in Langnau im Emmental).

«Als wären die Verse von heute»

Gerade dieser Sprachzugang macht heute Eggimann – und nicht Marti – zum «Vorreiter» des Spoken-Word-Netzwerks um die Gruppe «Bern ist überall». Beat Sterchi, heute der integrierender Doyen dieser Gruppe, hat in seinem Nachwort zu «u ner hört» den «literarischen Sinn für Struktur und Ton» von Eggimanns Gedichten betont: «Warum klingen einzelne seiner Verse, als wären sie heute geschrieben worden? Eggimann hat schon damals die Sprache nicht nur als Transportmittel für Ideen, also für inhaltliche Anliegen missbraucht, sondern wie ein Künstler seine Farben und Formen als Material gebraucht.» Bei Eggimann spreche sich nicht «ein Dichter» mit den «Regungen seines edlen Geistes» aus, sondern ein Autor, der sage, «was er hört und sprachlich miterlebt».

Aber ist es mehr als Theoriefeindlichkeit, wenn man heute Eggimann – und nicht Marti – auf den Schild hebt? Dieser Verdacht ist nicht nur deshalb falsch, weil dem Netzwerk um die Gruppe «Bern ist überall» Leute wie Guy Krneta oder Daniel de Roulet veritable Masterminds der schweizerischen Literaturszene angehören.

Es ist wohl so: Vor einigen Jahren hat die Gruppe «Bern ist überall» ein «Kleines Manifest» veröffentlicht, in dem der Satz steht: «Überall ist unsere Sprache, die uns nicht gehört.» Als Bekenntnis steht er nicht für Theoriefeindlichkeit, sondern für eine andere Theorie. Er signalisiert die Abgrenzung von allen Versuchen der Moderne, Sprache dank avantgardistischer Zurichtung als «eigene» erscheinen zu lassen. Niemand kann Sprache durch Innovation zur eigenen machen, möglich ist bloss, an ihr als Fremder Veränderungen festzuhalten.

Kurzum: Die Moderne ist auch im Bernbiet tot. Oder, in den Worten des Ästhetikers Eggimann: «gränn nid / wäge däm / wäger nid / däwäg giengs / einewäg nid / gränn nid / wägg isch wägg / wäger».

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