Nr. 33/2011 vom 18.08.2011

Konjak und Hexachlorbenzol

Nächstes Jahr steht die Ukraine im Rampenlicht, weil dort die Hälfte der Fussball-EM über die Bühne geht. Eine Reise durch einen jungen Staat, der ein schwieriges Erbe zu verwalten hat.

Von Susan Boos

Lwiw, Mitte Juli, Sonntag

Hoch oben auf dem Turm des Rathauses hat man einen prächtigen Blick über Lwiw. Unten in den Gassen flanieren TouristInnen. Die Stadt hat sich gemacht. Die alten Bauten sind frisch gestrichen. Man sieht aber auch in die Innenhöfe, die zerfallen.

In Lwiw wird für 85 Millionen Euro das Ukrajina-Stadion umgebaut, weil darin im nächsten Jahr Spiele der Fussball-Europameisterschaft ausgetragen werden sollen. Oleg Listopad sagt, Fussball sei das Letzte, was ihn interessiere. Er hält die EM für überflüssig, es würden Stadien und Hotels gebaut, die nachher niemand brauche.

Oleg hat Anfang der neunziger Jahre im Greenpeace-Büro in Kiew gearbeitet. Nach einigen Monaten vertrug er sich nicht mehr mit den neuen Chefs, die aus dem Nichts kamen und plötzlich die Umweltorganisation beherrschten. Oleg ging. Wenig später wurde das Büro geschlossen, «wegen des schlechten Managements», wie Oleg es dezent formuliert. Details erzählt er nicht, aber jemand hatte sich damals mit der Kasse davongemacht – seither hat Greenpeace in der Ukraine kein Büro mehr. Oleg wurde zum Umweltjournalisten und hilft in diesen Tagen mit, für die Organisation Envsec eine Pressetour auf dem Dnjestr-Strom zu organisieren. Envsec steht für «Environment and Security», Umwelt und Sicherheit, und wird getragen von Uno-Organisationen, aber auch von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Ziel von Envsec ist es, Umweltprobleme anzugehen, bevor sie zu politischen Konflikten führen. Da ist der Dnjestr der richtige Ort, Millionen Menschen in der Ukraine und Moldawien sind von seinem Wasser abhängig. Und in seinem Einzugsgebiet gibt es einige hässliche Probleme. Deswegen hat Envsec zwanzig JournalistInnen eingeladen, ein paar Tage auf dem Strom zu verbringen.

Im nächsten Jahr werden sich die Medien wegen der Fussball-EM genötigt fühlen, das Land zu beschreiben. Man wird für drei Wochen wissen, wo Charkow liegt und wie die ukrainische Währung heisst. Als ich Anfang der neunziger Jahre das erste Mal dort war, lag das Geld auf der Strasse. Und das im wahrsten Sinn des Wortes: Der Wind trieb kleine bedruckte Scheine durch die Gassen. Darauf stand eine Drei, eine Fünf oder eine Fünfzig, daneben prangte das St. Michaelskloster von Kiew mit seinen auffälligen Kuppeln. Meine Bekannten sagten, das seien Kupons und die seien nichts mehr wert. Ich sammelte sie trotzdem auf, diese grau-, grün- oder pinkfarbig bedruckten Papierfetzen. Korrekt hiess die Währung Karbowanez, aber niemand nannte sie so, alle sprachen nur von Kupons. Das war auch besser so, denn die offizielle Bezeichnung hatte etwas Unangenehmes: Den Karbowanez hatte es nämlich schon einmal gegeben, kurz nach der Oktoberrevolution war er während kurzer Zeit die erste Währung der Ukrainischen Volksrepublik. Als die Nazis 1942 die Ukraine besetzten, führten sie ihn wieder ein. Doch davon redet niemand, überhaupt spricht hier nie jemand vom Zweiten Weltkrieg und davon, wie so manche UkrainerInnen mit den Nazis kollaborierten. Es ist, als ob es keine Geschichte gäbe. Und so konnte man – nachdem die Ukraine 1991 unabhängig wurde – unbeschwert den Karbowanez wiederbeleben. Es ging ihm allerdings bald schlecht, er litt an einer argen Hyperinflation, Mitte der neunziger Jahre bekam man Hunderttausende von Kupons, wenn man einige Dollar wechselte.

Damals waren die Schaufenster noch staubig, und in ganz Kiew gab es nur einen einzigen kleinen Supermarkt, der westliche Lebensmittel vertrieb. Es war eine graue Zeit, man vergisst das gerne. Heute sind die Strassen bunt und fröhlich.

Oleg Listopad mag sich trotzdem nicht freuen. Er wünscht sich die alten Zeiten nicht zurück, sieht aber auch, was die Ukraine verloren hat. Früher, sagt er, während wir in einem der vielen Lwiwer Restaurants sitzen, seien alle Produkte, die auf den Markt kamen, von staatlichen Labors kontrolliert worden. Die Büchsen sahen trostlos aus, doch es war drin, was draufstand: Fisch mit Tomatensauce in den Fischkonserven, Kondensmilch in Kondensmilchbüchsen.

Mit Wiktor Juschtschenko wurde alles anders, sagt Oleg. Juschtschenko war der Held der Orangen Revolution. Im Winter 2004 gingen die Leute zu Tausenden für ihn auf die Strasse, weil der Kommunist Wiktor Janukowitsch ihm den Wahlsieg streitig machte. Die Orange Revolution siegte. Aber das ist lange her, und es lässt sich kaum mehr jemand finden, der gut über Juschtschenko redet. Juschtschenko war Chef der ukrainischen Notenbank und hatte eng mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zusammengearbeitet. Er gilt als derjenige, der die Inflation in den Griff bekam. Er führte anstelle des Karbowanez die Griwna ein und setzte eine harte IWF-Schocktherapie durch. Die Löhne der staatlichen Angestellten und die Pensionen schrumpften in grossem Tempo, oft wurden monatelang überhaupt keine Löhne bezahlt. Viele staatliche Unternehmen gingen ein. Dafür blieb die Griwna einigermassen stabil.

Während der Orangen Revolution wollte niemand etwas davon hören, wofür Juschtschenko stand. Der IWF war auch niemandem geläufig. Es herrschte Aufbruchstimmung. Die Leute glaubten, etwas bewegen zu können. Heute ist Ernüchterung eingekehrt. Zwar demonstrieren auch jetzt noch Hunderte für Julia Timoschenko, die zurzeit in Kiew vor Gericht steht. Es ist ein politischer Prozess, vermutlich auch ein unfairer. Trotzdem bewegt er die Leute fernab von Kiew wenig. Sie haben die Kampfgefährtin von Juschtschenko einst verehrt, doch der Glanz ist weg, man hat gesehen, dass es Timoschenko vor allem versteht, für sich selbst zu arbeiten.

Vom neuen Präsidenten Wiktor Janukowitsch, dem Kommunisten und Freund des Kremls, hält man noch weniger. Er gilt als potenzieller Diktator, der schon heute die Medien drangsaliert. Das alles wäre vielleicht noch auszuhalten, wenn wenigstens der Alltag funktionierte. Oleg sagt, Juschtschenko habe alles gemacht, was der IWF gesagt habe. Und der habe verlangt, dass möglichst viele Firmen und Institutionen privatisiert würden. So privatisierte Juschtschenko auch die Lebensmittelkontrolle. Das heisst, er schaffte die staatlichen Labors ab, versäumte es aber, dafür zu sorgen, dass diese Aufgabe von privaten Labors übernommen wird. «Grauenhafte Sachen sind heute auf dem Markt. Die Lebensmittel enthalten Stoffe, die man nie essen sollte.» Zwar steht auf den Verpackungen, was drin ist, doch in millimeterkleinen Lettern. Oleg geht immer mit einer Lupe in den Laden, um zu lesen, was die Konserven wirklich enthalten. In der angeblichen Kondensmilch sei Palmöl, sagt er, «und sogar ein Stoff, den man eigentlich als Farbe braucht, um Wände anzumalen – das braucht es, damit das Zeugs, das nichts mehr mit Milch zu tun hat, wenigstens weiss aussieht.»

Oleg wirkt müde. Er sagt, vor zwanzig Jahren habe er geglaubt, es würde alles besser, es würde nur etwas dauern. Aber es kam anders, selbst das, was früher klappte, laufe heute schief. «Wenn Lebensmittelkontrolleure zum Beispiel ein Restaurant überprüfen wollen, müssen sie ihren Besuch zehn Tage vorher ankündigen. Das kann doch nicht sein, aber so steht es im Gesetz.»

Montag, Kalusch

Die Gruppe ist komplett. Wir sind knapp zwanzig JournalistInnen, die meisten aus der Gegend zwischen Lwiw und Odessa. In der Ukraine hat jede Stadt ihre eigenen Zeitungen, das Internet konnte sie noch nicht verdrängen, weil sich noch lange nicht alle einen Internetanschluss leisten können.

Der Bus holpert nach Kalusch, die Strasse ist durchsetzt mit tiefen Löchern, daran hat sich in den letzten zwanzig Jahren nichts geändert.

Kalusch liegt neunzig Kilometer südlich von Lwiw, im Einzugsgebiet des Dnjestr. Seit einem Jahr gilt die Stadt offiziell als «Ökologisches Notstandsgebiet», weil fünfzig Prozent der gefährlichsten Abfälle, die es in der Ukraine gibt, hier lagern. Kalusch ist als Wohnort so empfehlenswert wie die verseuchten Gebiete von Tschernobyl im Norden der Ukraine. Auch sie gelten als ökologisches Notstandsgebiet.

Einst prosperierte in Kalusch die Industrie. Doch dann brach die Sowjetunion auseinander, die chemischen Werke wurden stillgelegt, die Kalimine stellte ihren Betrieb ein. Das ist es, was wir grob wissen, als wir in die Stadt mit ihren 70 000 EinwohnerInnen einfahren.

Der Bus hält vor einem grossen Bürogebäude, über der Pforte steht in grossen Lettern «Karpatnaftochim» und «Lukoil». Drinnen erhalten alle eine blau-rote Jacke, einen orangen Helm und einen olivgrünen groben Stoffbeutel, in dem sich eine Sauerstoffmaske befindet. Der Beutel wirkt wie eine Requisite aus einem Sowjetfilm. Die Lukoil-Leute drücken uns einen Zettel mit Sicherheitsanweisungen in die Hand. Auf Ukrainisch, aber die Piktogramme sind eindeutig: Rauchverbot! Kein Feuer entfachen! Keine Fotos! Keine Handys! Nicht essen!

Die russische Ölfirma Lukoil hat das Unternehmen Karpatnaftochim vor einigen Jahren zusammen mit dem ukrainischen Staat gegründet.

In der einen Fabrik wird Chlor hergestellt, es riecht überall wie in einem Schwimmbad. Chlor reagiert gerne mit Sauerstoff, wird gasförmig, verätzt die Lungen und kann einen in höherer Konzentration schnell umbringen, deshalb die Gasmasken und die Sicherheitsvorschriften.

Wir werden durch die Anlage geführt, alles wirkt neu, grosse weisse Tanks, kleine Stahlbehälter, viel glänzendes Metall, nirgends Rost. An den Wänden hängen Losungen: «Unser wichtigstes Gut – unsere Leute!», «Neue Projekte – neue Perspektiven» oder «Wir unterstützen die Reformen des Präsidenten!». Welche Reformen da gemeint sind, ist nicht zu erfahren.

Nebenan wurde vor wenigen Monaten eine weitere Fabrik eröffnet, die das Chlor verwertet und Polyvinylchlorid (PVC) produziert. Die deutsche Firma Uhde hat diese Anlage schlüsselfertig hingestellt. Frisches PVC rieselt wie Mehl in grosse Säcke, Plastik für alles Mögliche.

Auf der anderen Strassenseite stehen rostige Industrieanlagen. Dazu wollen die Lukoil-Leute nichts sagen, damit hätten sie nichts zu tun.

Vier Chefs versammeln sich später im Konferenzraum zu einer Pressekonferenz und schaffen es, vierzig Minuten lang zu reden und nichts zu sagen. Die JournalistInnen sitzen still da und kämpfen gegen den Schlaf. Am Ende fragt eine der jungen JournalistInnen, ob es richtig sei, dass das Abwasser der Anlage nicht wieder für die Produktion eingesetzt werden könne, weil es zu schmutzig sei und deshalb in den Fluss gelassen werde. Die Lukoil-Männer sagen, das sei so, aber sie würden die gesetzlichen Vorgaben einhalten.

Wie gross denn der Umsatz sei? Schweigen. Schliesslich antwortet ein Lukoil-Mann leicht ungehalten, sie würden pro Jahr 300 000 Tonnen PVC produzieren, da könnten wir selber ausrechnen, wie gross der Umsatz sei. Die Frage, wie gross der Gewinn sei, wagt schon niemand mehr zu stellen. Trotzdem, für ukrainische Verhältnisse sind diese Anlagen Schmuckstücke.

Das düstere Erbe von Kalusch liegt nur wenige Hundert Meter entfernt. Wenn man davor steht, sieht es aus wie ein lauschiges Wäldchen. Während fast drei Jahrzehnten haben die alten Chemiefabriken, die heute neben der neuen Lukoil-Anlage vergammeln, hier Hexachlorbenzol (HCB) entsorgt. Früher wurde das Pestizid eingesetzt, um Getreide vor Pilzerkrankungen zu schützen. Es ist jedoch hochgiftig, krebserzeugend und deshalb in vielen Ländern seit langem verboten. Etwa 11 000 Tonnen HCB wurden in Fässern vergraben. Die Fässer sind zum Teil durchgerostet, das Gift droht das Grundwasser zu verseuchen. Im vergangenen Jahr untersuchte eine Expertengruppe der Uno und der Europäischen Kommission die Deponie. Sie fand an manchen Orten ausserhalb der Deponie HCB-Konzentrationen, die über dem Hundertfachen des erlaubten Grenzwertes liegen.

Damit nicht genug: Nicht weit von dieser Deponie liegt die stillgelegte Salz- und Kalimine von Kalusch. Das Kalium hat man bis zur Jahrtausendwende zu Düngemittel verarbeitet. Dann gab man die Mine über Nacht auf und liess alles, wie es war. Wind, Regen und Sonne zerfressen langsam die Gebäude. Dahinter erhebt sich ein Hügel, eigentlich ein Damm. Oben liegen die «Tailings», die flüssigen Abfälle von damals: hochkonzentriertes Salzwasser. Wir stehen herum, machen Fotos vom friedlichen See, dem man seine Gefährlichkeit nicht ansieht. Bricht der Damm, wird sich das Salzwasser wie eine Springflut über das Land ergiessen, den Boden verseuchen und das Grundwasser versalzen. Das Brackwasser dürfte auch in den Dnjestr gelangen und alle Fische töten. Millionen Menschen hätten kein Trinkwasser mehr. Es gibt zwei solche Salzseen, deren Dämme bersten können. An den Böschungen liegen an vielen Stellen weiss wie Schnee dicke Schichten von Salz, das bereits an undichten Stellen durch die Dämme gedrungen ist.

Die Regierung hat vor einem Jahr fast fünfzig Millionen Dollar für die Sanierung von Kalusch bereitgestellt. Einige Tonnen des HCB wurden inzwischen zur Entsorgung nach Grossbritannien verfrachtet, wo sie in einem Spezialofen verbrannt wurden. Ansonst ist nichts passiert, sagt Michailo Dowbintschuk, der früher im Stadtparlament von Kalusch sass: «Aber das Geld ist weg.» Er sagt, er könne alles belegen, er habe alles schriftlich.

Wenn dem wirklich so ist, wird sich nichts an der drohenden Katastrophe ändern. Dowbintschuk nickt, genau so sei es.

Dienstag und Mittwoch, auf dem Dnjestr

Zwei Tage auf dem Fluss. Der Dnjestr ist südlich von Kalusch noch nicht sehr breit und tief, aber unendlich still und friedlich. Wir sind mit drei Schlauchbooten unterwegs. Eine Reise in eine andere Zeit. Verschlafene Dörfer stehen an den Ufern. Zwei Tage und keine Brücke, die den Dnjestr quert. Wenn die Leute ans andere Ufer wollen, setzen sie mit ihren kleinen Holzbooten über. Kühe kühlen sich im Wasser ab. Iwan Rusew, der Biologe aus Odessa, der uns begleitet, kennt jeden Vogel, der am Ufer steht oder über unsere Köpfe hinwegzieht. Störche, graue Reiher, weisse Reiher, und noch mehr Störche.

Kinder schwimmen zwischen den Kühen. Frauen hocken am Fluss und waschen Kleider. Das Wasser ist grünlich, trüb, doch vor allem wegen den Unwettern, die in der Ferne vorüberzogen.

Der Niedergang der Industrie hat dem Fluss gutgetan. Heute ist er viel sauberer als noch vor zwanzig Jahren, und man kann getrost darin schwimmen.

Wir schlagen am Ufer die Zelte auf. Auf der anderen Flussseite stakst ein schwarzer Storch dem Ufer entlang. Er ist selten und scheu, meidet die Menschen, ganz im Gegensatz zum weissen Storch, der gerne mit ihnen lebt.

Langsam wird es dunkel. Wir reden über Gott und die Welt und darüber, dass in der Ukraine mehr Kirchen als Schulen gebaut werden.

Jemand macht sich über Staatspräsident Janukowitsch lustig, der sich erst kürzlich einen Helikopter kaufte, weil sich die KiewerInnen immer so darüber aufregten, dass er jeden Morgen für vierzig Minuten die Strasse zum Regierungssitz sperren liess. Jetzt hat er seinen Hubschrauber und kann zur Arbeit fliegen.

«Habt ihr die goldenen Schwäne gesehen, die Wasserhähne in Janukowitschs Residenz?», wirft jemand ein: «So leben heute die Kommunisten!» Alle lachen, Konjak wird nachgegossen, Anekdoten werden erzählt, die Grillen zirpen.

Jemand kommt auf das französische Paar zu sprechen, das vor kurzem in Uschgorod an der ukrainischen Westgrenze gestrandet ist. Sie konnten keine Kinder bekommen, mieteten deshalb eine ukrainische Leihmutter, die ein Kind für sie austrug. Das ist in diesem Land ein gewöhnliches, legales Geschäft. Die Preislisten sind im Internet einsehbar. Ein Kind kostet mit allem Drum und Dran etwa 10 000 Euro. Das Problem ist nur, dass Leihmutterschaft in Frankreich verboten ist. Die französische Botschaft weigerte sich, dem Kind Papiere auszustellen. Als das Paar das Baby über die Grenze schmuggeln wollte, flog die Sache auf. Jetzt sitzen sie fest, können das Kind nicht adoptieren, können nicht nach Frankreich, das Geld geht ihnen aus, sie sprechen kein Englisch und auch kein Russisch.

Jemand sagt, Frankreich verhalte sich unmenschlich. Aber nein, es sei unmenschlich, dass man Frauen gekaufte Schwangerschaften zumutet. Sie brauchten doch das Geld, um ihre eigenen Kinder durchzubringen. Eine heftige Diskussion entbrennt. Eigentlich eine paradoxe Diskussion, denn die Ukraine entvölkert sich sukzessive. Als das Land unabhängig wurde, hatte es eine Bevölkerung von 51 Millionen Menschen, heute sind es noch 46 Millionen. Weil viele ausreisen, aber auch, weil die Geburtenrate und die Lebenserwartung stark gesunken sind. In Gegenden wie dem Donezk liegt die Lebenserwartung der Männer bei 53 Jahren. Offiziell werden Männer 62, Frauen 74 Jahren alt – in der Schweiz leben wir zwanzig Jahre länger.

Donnerstag, Nowodnistrowsk

Eine Stadt wie aus Bauklötzchen, mehrstöckige Wohnsilos, in den siebziger Jahren hingestellt, für die Männer und Frauen, die damals den grossen Staudamm am Dnjestr bauten – ein gigantisches Bauwerk, der See ist heute fast 200 Kilometer lang, 250 000 Menschen mussten umgesiedelt werden.

Am Morgen fahren wir zum Dnistrowska GES, dem Dnjestr-Flusskraftwerk mit seinen 800 Megawatt Leistung, das gleich im Damm untergebracht ist. Man bergüsst uns dort mit einem prächtigen Frühstück – Reis, Geschnetzeltes, Salat. Hierzulande würde man das ein üppiges Mittagessen nennen. Aber in der Ukraine sagt man: Iss am Morgen wie ein König, am Mittag wie mit einem Freund und am Abend wie mit einem Feind.

Die Leute vom Kraftwerk zeigen uns den Kommandoraum, alles neu, alles frisch renoviert. Die Anlage ist seit 1983 in Betrieb und darf sich sehen lassen. Sie sagen, der Damm sei vor allem gebaut worden, um den Fluss zu regulieren und die Bevölkerung vor den schrecklichen Überflutungen zu schützen. Vor drei Jahren habe es die letzte grosse Flut gegeben, damals kamen 6000 Kubikmeter pro Sekunde. Durch die Turbinen können sie höchsten 2000 Kubikmeter lassen, der Rest donnerte über Nebenrohre durch den Damm. Die Leute unterhalb hatten Panik und fürchteten, ihre Dörfer würden überflutet. Die Hochwasser werden immer schlimmer und kommen immer häufiger. Was vielleicht mit dem Klimawandel, aber ganz sicher mit den grossflächigen Abholzungen in den Karpaten zu tun hat.

Das Kraftwerk gehört dem Staat und versorgt Moldawien und die Ukraine mit Energie. Die Ukraine leidet an einem chronischen Energieproblem, der Strom ist ständig knapp. Im Winter wird in manchen Städten die Stromversorgung nach Plan geregelt: An einem Abend hat jeweils die rechte Strassenseite Licht, am anderen die gegenüberliegende. Fünfzig Prozent des Stroms stammt aus alten thermischen Kraftwerken, ein Viertel von Atomkraftwerken. Der ganze Kraftwerkspark ist veraltet, und es wird endlos Energie verpufft. Würde das Land seine Energieeffizienz auf das Niveau von Polen anheben, könnte es ein Drittel der Energie sparen.

Wieder eine Pressekonferenz. Diesmal sind die Männer jünger, weltgewandter und modisch gekleidet. Es sind Männer der Kraftwerksleitung und der Umweltbehörden. Die erste Frage: Was passiert, wenn der Stausee voll ist, voll mit Geschiebe, das der Dnjestr ja ständig mit sich bringt?

Der zuständige Ingenieur holt eine Karte heraus, erklärt, wo sich der Dreck ablagert, und sagt, erst nach 180 Jahren sei das Becken gefüllt. Der Fluss ist seit 30 Jahren gestaut, das wird also erst in 150 Jahren der Fall sein. Das ist eine lange Zeit und doch eine unangenehme Tatsache: Auch Wasserkraft ist nicht wirklich nachhaltig. Im weltweiten Durchschnitt füllen sich die Stauseebecken pro Jahr um ein Prozent. Sie lassen sich kaum reinigen, nach hundert Jahren sind also die meisten Becken voll.

Iwan Rusew, der Biologe aus Odessa, meldet sich. Er hat auf dieses Treffen gefiebert. Er hat schon manchen Artikel gegen das Kraftwerk geschrieben, auch in diesem Frühling wieder, weil es das Dnjestrdelta bedroht. Die Feuchtgebiete im Mündungsbereich des Stroms liegen zwar 500 Kilometer südlich, aber wenn man oben bei Nowodnistrowsk kein Wasser durchlässt, trocknen sie unweigerlich aus. Iwan Rusew sagt, in diesem Frühling hätten besonders grosse Flächen trocken gelegen. Viele Vögel, die im Frühling dort nisten, seien akut bedroht. Warum sie so wenig Wasser aus dem Stausee abgelassen hätten, will Iwan wissen. Er kommt in Fahrt, stellt eine Frage nach der andern. Die Männer oben auf dem Podium bleiben ruhig. Sie würden sein Problem verstehen, aber sie könnten nicht viel machen. Es gebe bald eine neue Verordnung.

Iwan hakt nach, spricht von den seltenen Vögeln, die vom Aussterben bedroht seien, nur weil man hier oben das Wasser zu Geld machen wolle. Die Manager sagen, sie sähen das auch. Sie täten, was sie könnten, sie täten sogar mehr, als sie müssten. Sie klingen freundlich und nett wie moderne PR-geschulte Manager.

Doch das Flusskraftwerk ist nicht das einzige Problem: Bereits die Sowjets begannen wenige Kilometer südlich des Flusskraftwerkes mit dem Bau des damals grössten Pumspeicherwerkes der Welt. Die Anlage soll einmal eine Leistung von 2000 Megawatt haben; in China und den USA stehen inzwischen noch grössere, doch in Europa wird es das grösste Pumspeicherwerk bleiben. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR dämmerte die Grossbaustelle vor sich hin. Erst vor wenigen Jahren entschied das staatliche Energieunternehmen Ukrhydroenergo, das auch das Flusskraftwerk betreibt, die Pumpspeicheranlage fertig zu bauen.

Wir fahren rauf auf den Hügel, wo der Damm des oberen Pumpbeckens steht und die Turbinen eingelassen werden. Die Baustelle sieht bizarr aus, Hightech neben verrosteten Geräten und Armierungseisen. Grosse Kräne stehen herum, die Löcher für die gigantischen Turbinen stehen bereit. Sieben Turbinen sollen es einmal sein. Jede kostet drei Millionen Griwen, was etwa 300 000 Franken macht. Insgesamt soll die ganze Anlage neun Milliarden Griwen, also fast eine Milliarde Franken kosten.

Noch einige Meter weiter oben öffnet sich der Blick über die grossen, künstlichen Becken, die zum grossen Teil noch trocken liegen. Im hinteren Teil werden schwarze Planen ausgelegt, um den Untergrund dicht zu machen. 2013 soll die Anlage den Betrieb aufnehmen. Mit billigem Nachtstrom wird der künstliche See oben auf dem Berg mit Dnjestrwasser gefüllt und tagsüber, wenn die Nachfrage gross und der Strompreis hoch ist, wird das Wasser durch die Turbinen gelassen.

Iwan Rusew sagt, das Pumpspeicherwerk werde die Situation im Delta verschärfen, in trockenen Zeiten werde noch weniger Wasser freigegeben. Iwan ist Mitte fünfzig, das Delta und die Vögel sind sein Leben. Er kämpfte schon Anfang der neunziger Jahre gegen den Bau einer Schnellstrasse durch die Feuchtgebiete, er hat prozessiert, hat verloren und weiter prozessiert. Er ist einer dieser stillen, gebildeten Wissenschaftler, von denen es in der Ukraine viele gibt. Sie machen keine Schlagzeilen, aber sie machen das Land liebenswert.

Genau wie die «Femen», die immer mal wieder mit ihren Protesten die Ukraine in Aufregung versetzen. Sie protestieren gegen Prostitution und Sexismus und korrupte Politiker. Wenn die Femen auftreten, schauen alle hin, weil es schöne, junge, schlanke und blondhaarige Frauen sind – und vor allem, weil sie oben ohne protestieren. Im Westen finden manche diese Proteste seltsam, doch in der Ukraine wirkt es fröhlich, frech und subversiv, weil es den Polizisten unendlich peinlich ist, wenn sie diese Frauen mit ihren Transparenten verhaften müssen – und alle schauen zu. Erst kürzlich haben sie dagegen protestiert, dass StudentInnen aus Wohnheimen geworfen werden sollten, weil man ihre Unterkünfte angeblich für die Fussball-EM umbauen will. Und das wird nicht der letzte Protest gewesen sein.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch