Nr. 36/2011 vom 08.09.2011

«Wieder einmal der Versuch, Klarheit zu schaffen»

Anfang Mai 1968 hört Mani Matter in Cambridge hinter seiner Habilitationsschrift, was anderswo abgeht, und beginnt Tagebuch zu führen.

Von Fredi Lerch

Am 5. April 1968 ist Rudi Dutschke anwesend, als in Prag die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei ein neues Aktionsprogramm verabschiedet. Zurückgekehrt nach Berlin, gibt Dutschke der Zeitschrift «konkret» ein Interview über seine Prager Eindrücke. Unter anderem sagt er: «Demokratie und Kapitalismus schliessen sich per definitionem aus. (...) Aber ebenso schliessen sich autoritärer Sozialismus und Demokratie aus.» Am 11. April des Jahres wird Dutschke vor dem Berliner SDS-Büro von einem Rechtsextremen niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. Am 3. Mai eskalieren die Studentenproteste mit der Besetzung der Sorbonne in Paris.

Die unentrinnbare Metaphysik

An diesem 3. Mai öffnet in Cambridge Hans Peter alias Mani Matter – «dä, wo so Liedli macht» – ein leeres Notizheft und schreibt: «Cambridge, den 3. Mai 1968». Der erste Satz: «Wieder einmal der Versuch, Klarheit zu schaffen durch Aufschreiben auf Papier.» Der erste Eintrag gilt der politischen Aktualität und endet: «Interessant übrigens der tschechische Versuch, den Kommunismus liberal-demokratisch zu machen. Da wäre ich gerne dabei. Wenn das gelänge, müsste der Westen allerdings zusammenpacken, wäre ihm sein einziges Gegenargument aus den Händen geschlagen!» Einige Seiten weiter schreibt Matter: «Wenn ich [in die Schweiz] zurückkomme, meiner Seel, ich schliesse mich der Vereinigung für progressive Hochschulen an (das sind die, die bei den Reaktionären als Kommunisten gelten).»

Mani Matter ein «Linksradikaler»? Nein, aber zweifellos einer mit Sympathien für das, was die Studentenbewegung damals als «Dritten Weg» diskutiert: demokratischer Sozialismus, tendenziell antiautoritär und basisdemokratisch. Allerdings schreibt Matter im Laufe des Sommers 1968 auch: «Das, was die verteidigen, die sich durch die Dutschke-Brüder im Heiligsten bedroht fühlen, gebe ich billig. Doch gebe ich auch das billig, in dessen Namen diese ihren Angriff führen.»

Spannend ist Matters nun erstmals gedrucktes «Cambridge-Notizheft», weil es auf hohem Niveau eine lehrreiche Denkbewegung dokumentiert: Im Herbst 1967 war er mit seiner Familie nach Cambridge gereist, um dort seine Habilitationsschrift zu schreiben. Thema: «Pluralistische Staatstheorie», vorab gestützt auf das Werk des Politikwissenschaftlers Harold J. Laski, eines englischen Sozialisten. Nachdem ihn im Mai 1968 die Ereignisse in Kontinentaleuropa für einen Moment zu faszinieren scheinen, wird er schnell zunehmend skeptisch – welchen Einfluss dabei Laskis Theorien haben, könnte abgeschätzt werden, wenn Matters (nicht abgeschlossene) Habilitationsschrift ebenfalls veröffentlicht würde.

In den folgenden Monaten wird Sozialismus für Matter zur säkularisierten Heilslehre; Atheismus zur «Unmöglichkeit»; «Auf Nietzsche folgt Dachau»; «Der wissenschaftliche Sozialismus führt zum Stalinismus». Zu meinen, «unser Leben sei durch das gerechtfertigt, was wir ‹erreichen›», wird ihm zur «verkrampften Vorstellung»; Metaphysik auch im Bereich der Ethik zur «Notwendigkeit», zur «Unentrinnbarkeit, ob man sich ihrer bewusst ist oder nicht». Er liest Theologen – Martin Buber, Paul Tillich, Karl Barth, Rudolf Bullmann. Die Idee der Möglichkeit, sein Leben zur verfehlen, führt ihn zur «Sündhaftigkeit» des modernen Menschen und zur Bescheidenheit eines «dienenden Muts», «dem Überhebung ebenso fremd ist wie der Minderwertigkeitskomplex».

Mit dieser Denkbewegung wird aus dem neulinken Utopisten wieder der skeptische Liberale. In Bern schätzt man ihn denn auch seit Jahren als einen führenden Kopf der reformerischen Mittepartei «Junges Bern». Was er sich 1968 unter (links-)liberaler «Mitte» vorstellen konnte, wird insbesondere in den Passagen klar, die Matter der Diskussion um die Totalrevision der Bundesverfassung widmet, die damals in der Schweiz in Gang kommt. Gegen eine Revision als formalistische Alibiübung listet er Reforminhalte auf, etwa: «Absolute Chancengleichheit im Bildungswesen», «Demokratisierung der Wirtschaft», «Landwirtschaft: Absatzgarantie – Produktionslenkung, Planung derselben».

Nach der Lektüre dieser Passagen vergleiche man Matters Postulate mit der Programmatik jener Parteien, die heute mit dem Argument, zwischen links und rechts vermitteln zu wollen, in den Parlamenten die Mitte besetzen: Viele Postulate Matters werden heute allenfalls noch am linken Rand der Rot-Grünen diskutiert.

Matters Tiefgang in Prosa

Matters Tagebuchnotizen werden ergänzt mit einer biografischen Einleitung seiner Witwe Joy Matter, die auch die teilweise schwer lesbare Handschrift für die Publikation entziffert hat. Dazu kommt ein lesenswerter Essay vom späteren Pro-Helvetia-Direktor Urs Frauchiger, einem Weggefährten Matters in Bern. Man sollte dieses Buch lesen. Es genügt nicht, weils zum guten Ton gehört, vom «Tiefgang» von Matters Chansons zu schwafeln, wenn explizit nachgelesen werden kann, was darunter in Prosa zu verstehen ist.

Übrigens: Nach seiner Rückkehr nach Bern ist Matter nicht der «Vereinigung für progressive Hochschulen» beigetreten. Er trat am 1. Januar 1969 eine Stelle als juristischer Mitarbeiter der städtischen Verwaltung Berns an. Zur Begründung: «Das Räderwerk der bürgerlichen Notwendigkeiten: Frau und Kinder und Geldverdienen, das muss man annehmen.»

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