Nr. 37/2011 vom 15.09.2011

Ein Hang zur Flunkerei

Ein Mann sucht sich selbst in London. Seine innere Odyssee führt den Protagonisten im neuen Roman des Schweizer Schriftstellers Martin R. Dean aber viel weiter weg.

Von Anna Wegelin

Bereits acht Jahre ist es her, seit Martin R. Deans Roman «Meine Väter» erschienen ist. Ein starkes Stück Schweizer Literatur über die Suche eines vierzigjährigen Mannes nach seinem leiblichen Vater, einem Inder aus Trinidad in London. «Meine Väter» war trotz des «schweren» Identitätsthemas über weite Strecken ein urkomisches Buch.

Nun ist es wieder so weit: In seinem neuen Roman «Ein Leben aus dem Koffer» spielt der 56-jährige Schriftsteller und WOZ-Autor aus Basel, der selbst als Sohn einer Schweizerin und eines karibischen Vaters aus Trinidad im Aargau aufgewachsen ist, eine neue Variante zur komplexen Frage von Heimat, Glück und Migration durch. Wieder schickt der Autor seinen Protagonisten (diesmal ist er «über vierzig») auf eine Spurensuche nach seinem Erzeuger, die von der engen Deutschschweiz in das globale «Zentrum der Völkerwanderung» nach London führt. Doch die Vatersuche hat diesmal nur eine verdeckte Hauptrolle in einer ziemlich sülzigen Beziehungskiste, die Deans tragikomischen Helden auf eine innere Odyssee von ungeahnter Tragweite schickt.

Filip Ichweissnichtwoher

Filip Shiva Bellinger ist der Sohn einer Schweizer Arbeitertochter und eines «dahergelaufenen indischen Gurus», der nach der Affäre ebenso schnell wieder aus dem Leben von Mutter und Sohn verschwindet. Filip ist ein sympathischer Kerl, etwas unruhig, unorganisiert und kindlich zwar und mit einem «Hang zur Flunkerei». Dieser Filip, den gewisse Lehrer der Bezirksschule («die ersten Platzanweiser in meinem Leben») unter James-Schwarzenbach’schen Vorzeichen plagten, weiss allerdings nicht, wo er hingehört.

Die Geschichte beginnt im April 1999. «Filip Ichweissnichtwoher» ist vor anderthalb Jahren in den Armen von Maia Gut Diesbach gelandet, einer 37-jährigen Deutschlehrerin aus Luzern. «Maia ist das Selbstverständliche, das Unhinterfragbare, das mit sich selber Identische», beschreibt er seine grosse Liebe. Sie ist das pure Gegenteil von Filip: Maia stammt aus einer stinkreichen Familie, ist ordentlich, beherrscht (ausser im Bett), unbekümmert, traditionell, manchmal etwas bieder-brav und auch heikel («Maia fürchtet sich vor weichen Matratzen»). Sie lässt sich von der Vernunft leiten und weiss ganz genau, was sie von Filip will: ihn heiraten, mit ihm eine Familie gründen und in der Schweiz sesshaft werden.

Da melden sich prompt Filips «Fluchtinstinkte». Er nimmt eine Bedenkzeit in der «Welthauptstadt» London. Und fühlt sich erst mal frei: Genussvoll taucht er in den «Strom von Gesichtern aus tausenderlei Ländern» ein. Versucht, «die Rassen und Herkunftsländer der Menschen zu erraten», und merkt dabei, dass die herkömmlichen Kategorien des Sehens zunehmend an Gültigkeit verlieren. Er ist fasziniert «von all diesen fremden Gesichtern, die nicht einzuordnen sind, von den Verwechslungen, die sich einstellen, wenn mich jemand mit schwarzer Haut an einen Bekannten oder Freund aus der Schweiz erinnert und ich für Augenblicke das Gefühl habe, die Haut könnte vielleicht nur übergezogen sein, eine Art Kostüm, ein weisses oder schwarzes, und darunter verbirgt sich derselbe Mensch». Aber so richtig heimisch fühlt er sich nicht in «jener anderen Welt, die ich mir ausgesucht habe, um meiner inneren Fremdheit zu entkommen»: Filip sehnt sich nach dem «vollendeten», perfekten Leben mit Maia, die ausgerechnet in jenem Land verwurzelt ist, die er bei seinem Job als Berater für Schweizer Reisen in London an InderInnen, Amerikaner und Schottinnen verkauft – köstlich, wie Dean das «sagenhafte Helvetien» unter den Vorzeichen von «Sauberkeit, Pünktlichkeit und frische Nahrungsmittel» kolportiert!

Ein mysteriöser Koffer

Als Filip, der Un-Glückliche, den Nullpunkt seiner Identitätssuche in der Londoner Anonymität erreicht, kommt er sich wie ein «schwarzes, unergründliches Loch» vor: «Ich fühle Dunkelheit in mir», «Schwärze in meinem Inneren». Dann passiert alles ganz schnell: Er erfährt, dass Maia von ihm schwanger ist, und er findet das Grab seines Erzeugers Shiva Ranuki in London (ein urkomischer Moment). Sein Vater hinterlässt ihm einen mysteriösen Koffer – einen Koffer voller Wünsche eben, der dem «Unsichtbarkeitsschicksal» von Filip Shiva Bellinger vorläufig ein Ende setzt. Und ihm hoffentlich seine Improvisationslust, «die Wirklichkeit durch die Fantasie zu ersetzen», nicht nimmt.

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