Nr. 39/2011 vom 29.09.2011

In der Erde wühlen und Fragen stellen

Wie baue ich Tomaten an, wie die seltene Haferwurzel? Was ist das für eine Apfelsorte auf Grossmutters altem Bäumchen? Und warum wollen immer mehr StädterInnen gärtnern?

Von Bettina Dyttrich

Woher kommt plötzlich dieses Interesse am Gärtnern? Sogar WOZ-Werbefachfrau C. hat jetzt ein Gemüseabo – dabei mag sie weder Fenchel noch Zucchetti. Redaktorin F. wühlt regelmässig zusammen mit ihren Kindern auf dem Pflanzplatz Dunkelhölzli am Zürcher Stadtrand in der Erde. Redaktor D. pflegt einen Schrebergarten, Redaktorin B. verbringt gar Monate in einer veganen Gartenbaukommune. Dass sie alle biologisch gärtnern und essen wollen, versteht sich von selbst.

Das Standardwerk dazu hat bereits die 24. Auflage erreicht: «Der Biogarten» von Marie-Luise Kreuter. An diesem umfassenden, über 400-seitigen Buch kommt wohl niemand vorbei. Doch zwei neue Biogartenbücher können Kreuters Buch sinnvoll ergänzen.

Der Kräuel ist kein Sauzahn

Für alle, die es leicht und kompakt mögen, hat die Biolandbauorganisation Bioterra ein neues Handbuch herausgegeben. Es hat weniger als hundert Seiten, trotzdem ist alles Wichtige da: Gartenplanung, Bodenkunde und Dünger; Pflanzenschutz und Nützlingsförderung; Säen, Pflanzen und Ernten; Gemüse, Kräuter und Blumen; Mischkultur und Balkongarten.

Dass die Autorin Ute Studer viel Erfahrung hat, ist dem Buch überall anzumerken: wenn sie einen Kompostplatz empfiehlt, «den man auch bei Regen und Schnee ohne Schlamm an den Schuhen erreichen kann», wenn sie erklärt, warum die meisten Privatgärten überdüngt sind, oder wenn sie feststellt: «Kinder, die nirgendwo hintreten dürfen, verlieren bald die Lust und Freude am Garten.» Tabellen informieren über den Nährstoffbedarf verschiedener Pflanzen, gute Mischkulturkombinationen oder die Wirkung von Pflanzenjauchen. Die Ilustrationen von Anna-Lea Guarisco zeigen auch AnfängerInnen den Unterschied zwischen Kräuel und Sauzahn, Florfliege (willkommen) und Blattlaus (gar nicht beliebt). Ein Buch zum Mitnehmen in den Garten, zum Nachschlagen und Notizenmachen.

Zu schön für Dreckflecken ist dagegen das «Handbuch Bio-Gemüse», herausgegeben von Arche Noah, der österreichischen Schwesterorganisation von Pro Specie Rara. Vom Schweizer Fotografen Markus Zuber, der regelmässig für beide Organisationen fotografiert, stammen die meisten Bilder. Sie zeigen, dass Palmkohl, roter Mangold oder Etagenzwiebel genauso schön wie Zierpflanzen sind – und erst noch essbar.

Das «Handbuch Bio-Gemüse» ist ein wunderbares Buch für alle, die nicht nur biologisch gärtnern wollen, sondern auch Wert auf alte und seltene Gemüse legen. Es bietet eine genauso kompetente Einführung ins Biogärtnern wie das Bioterra-Buch. Vor allem aber stellt es fast hundert verschiedene Gemüse vor, neben Tomaten, Zwiebeln oder Kürbis auch ausgefallene Delikatessen wie das Eiskraut, die Haferwurzel, die Erdmandel oder den Knollenziest. Das Buch erklärt im Detail ihren Anbau, erfahrene GärtnerInnen geben Tipps, und auch Rezepte fehlen nicht. Angefressene können alte Techniken wie das Mistbeet ausprobieren – dafür haben die HerausgeberInnen ein fast hundertjähriges Gartenbuch zu Rate gezogen.

Auch wer lieber Früchte als Gemüse anbaut, kann sich über eine Neuerscheinung freuen: Das über zwei Kilo schwere Nachschlagewerk «Früchte, Beeren, Nüsse» porträtiert 800 Obstsorten, von der Ananasreinette (Apfel) über den Affelträngler (Birne) bis zur Himbeere «Andenken an Paul Camenzind». Jede Sorte wird ausführlich dokumentiert: Synonyme, Herkunft, Verbreitung, Eigenschaften des Baumes und der Frucht, Verwendung in der Küche. Um die Bestimmung einfacher zu machen, sind auch Fruchtquerschnitte, Blüten und Kerne abgebildet. Die ausführliche Einleitung erzählt die Geschichte des Obstbaus, der Züchtung und der Sortenerhaltung, erläutert die Botanik der Arten und erklärt Fachwörter.

Trend oder Notwendigkeit?

Das Interesse am Gärtnern ist eindeutig gestiegen, aber warum? Und wie gärtnern heutige Stadtmenschen? Diesen Fragen geht der Sammelband «Urban Gardening» nach. In der Einleitung gibt Herausgeberin Christa Müller einen Überblick über die verschiedensten Initiativen: von Kinderbauernhöfen und interkulturellen Gärten bis zu Guerilla Gardening und den Berliner Prinzessinnengärten, wo alles Gemüse in Kisten und Reissäcken wächst und bei Bedarf gezügelt werden kann.

Die 22 Analysen, Reportagen und Plädoyers sind höchst unterschiedlich. Allerdings beginnen zu viele Texte ähnlich: mit Gedanken, zum Teil auch Gemeinplätzen über den Gartenbauboom. Mehrere sind in einem schwer erträglichen Akademieslang geschrieben («auratische Ikone unseres medialen Bilderarsenals»), und die Hipness des «neuen» Gärtnerns steht etwas zu sehr im Vordergrund. Hier sind die Blicke über Europa hinaus hilfreich, etwa im Text «Guerilla Gardening und andere politische Gartenbewegungen»: In den Slums von Rio de Janeiro bauen Frauen Heilpflanzen an, um sich selber mit Medikamenten zu versorgen; in New York ziehen Arme Gemüse, weil sie unzufrieden sind mit dem Billigfood im Supermarkt.

Zwei Texte stellen Garteninitiativen in ostdeutschen Städten vor: Dessau geht offensiv mit dem Bevölkerungsschwund um, reisst gezielt Gebäude ab und stellt der Bevölkerung Parzellen für verschiedenste Nutzungen zur Verfügung. In Leipzig bepflanzen AktivistInnen brach liegende Grundstücke in verfallenden Quartieren. Damit verbessern sie die Lebensqualität, tragen aber auch zur «Aufwertung» bei. Laut Autorin Andrea Baier sind sich aber immer mehr Beteiligte dieser Problematik bewusst, sind «Teil dieser Gentrifizierung und dennoch gegen sie aktiv». Dass Stadtgärten vereinnahmt werden können, weiss auch die Herausgeberin. Sie erinnert an den «patronisierenden Gestus», mit dem der Staat im 19. Jahrhundert Gärten für ArbeiterInnen förderte, und auch heute «würde so mancher die städtischen Armen gerne wieder beim Hacken sehen statt auf den innerstädtischen Plätzen mit der Bierflasche in der Hand».

Angenehm unesoterisch ist Ursula Richards Beitrag «Urbane Gärten als Orte spiritueller Erfahrung». Um sich beim Gärtnern als «Teile eines unteilbar Ganzen» zu fühlen, sei gar kein «Rekurs auf spirituelle oder esoterische Konzepte» nötig: «Dazu reicht es, voller Bewusstheit in der Erde zu wühlen.» Damit können wir jederzeit anfangen.

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