Nr. 40/2011 vom 06.10.2011

Die grosse Ernüchterung

Die lustigen und skurrilen Zeiten in der isländischen Literatur scheinen endgültig vorbei zu sein. Hat die Krise nicht nur die Kaufkraft, sondern auch die selbstgewisse Souveränität der IsländerInnen erschüttert?

Von Verena Stössinger

Was haben wir gelacht beim Lesen, gegrinst und geschmunzelt. Über die Grossmäuler und Schluckspechte, die Hinterhältigen, Unerschütterlichen und die Unbelehrbaren. Halldór Laxness’ dummdreiste «Glückliche Krieger» und der sture Bjartur auf Sumarhus; die groben ÜberlebenskünstlerInnen in den Wellblechbaracken von Einar Kárason; Steinunn Sigurdardóttirs ignorant-überhebliche Alda Iversen, die durch Reykjavík stöckelt, als sei sie in Paris; Gyrdir Elíassons Vatersucher auf seiner alten Suzuki, der im isländischen Hinterland in lauter verrückte Traumwelten hineingerät – und alle die skurrilen Künstlerinnen, Prediger und Wiedergängerinnen, die es gab auf dieser sturmzerzausten Insel.

Ganz behaglich wurde uns beim Lesen, denn die VerfasserInnen erzählten mit unverhohlenem Genuss und beliessen ihren Figuren doch die Würde: Lakonisch war der Ton, in dem von ihnen berichtet wurde, und nie herablassend, nicht klagend oder gar moralisierend, sondern intensiv, farbig, freudig detailliert und mit gutmütiger ironischer Distanz.

Intelligenz, Kalkül, Wahn

Eine (erschriebene) Gesellschaft, die solche Menschen nicht nur zuliess, sondern ernst nahm und in ihrer Mitte beliess, schien unerschütterlich zu sein. Was konnte ihr noch geschehen? Sind Freude am Skurrilen, Toleranz und Humor denn nicht die sichersten Fundamente? Denkt man und schlägt erwartungsvoll einige der Bücher auf, die aus Anlass der Frankfurter Buchmesse jetzt zu uns kommen.

Einar Kárason geht in «Versöhnung in Groll» (btb) in die mittelalterliche Sagazeit zurück, in die Zeit der verbissenen, gnadenlosen Familienfehden, die schliesslich dazu führten, dass Island ausblutete und an Norwegen fiel. Und stellt auf einmal Fragen, insistiert und psychologisiert; er fächert das unheilvolle Geschehen nämlich vielstimmig in innere Monologe auf, und zum Lachen ist da gar nichts mehr, es gibt sogar ziemlich resignative Töne. «Es mag wohl am besten sein», schreibt der isländische Bischof zum Beispiel über seine Landsleute an den norwegischen König Hakon, «wenn man sie auf ihrer armseligen Insel sich selbst überlässt.»

Sjóns Roman «Das Gleissen der Nacht» (S. Fischer) geht ins 17. Jahrhundert zurück und erzählt von einem Aussenseiter, einem Feuerhirn und wissenschaftlichen Autodidakten, der sich unter das «Joch der Weisheit» gebannt sieht, deswegen verfolgt und geächtet wird und schliesslich feststellt, dass man in einer Welt, die aus den Fugen ist, mit Denken nicht mehr viel ausrichten kann.

Aber auch in die Texte, die in der heutigen Zeit spielen, fallen die Schatten. Gyrdir Elíassons «Pastoralsonate» mit dem Titel «Am Sandfluss» (Walde+Graf) ist der Lebensabgesang eines Malers, der auch in der «selbstauferlegten Verbannung» im Wald, wo er in einem Wohnwagen haust und unentwegt zeichnet, nicht mehr zu seiner Kunst zurückfindet. «Ich bin unendlich müde», sagt er, «sehe ein Bild nach dem anderen an mir vorüberziehen. Sie sind alle ungemalt.» Da bleibt ihm, weiss er, nur der Tod.

Steinunn Sigurdardóttirs durch Spekulationen reich gewordener «Guter Liebhaber» (Rowohlt) wiederum lebt «stilrein und weiträumig» in einer psychologischen Parabel; für Fragen der Liebe und Sexualität hat er eine Therapeutin in New York, die er Tag und Nacht anrufen kann. Und nicht einmal der Alkohol tröstet noch wie sonst. Einar Már Gudmundsson dokumentiert in «Vorübergehend nicht erreichbar» (Hanser) die Mühen eines jungen Paares, von Drogen aller Art wegzukommen. Und schreibt dabei kurz, fast verschämt, auch von seiner eigenen Alkoholsucht, dem langen Überspielen und Nicht-wahrhaben-Wollen und dem langsamen Fall, bis ein Entzug schliesslich unumgänglich wird.

Weit weg scheint die Partystimmung der neunziger Jahre (Hallgrímur Helgasons «101 Reykjavík»! – die Nacht als Tag, das Ich als Welt). Und manche jüngere AutorInnen erzählen noch drastischer: Gudrún Eva Minervudóttir etwa in «Der Schöpfer» (btb) und Steinar Bragi in seinem fast unerträglich harten Roman «Frauen» (Kunstmann).

Beide Texte handeln von Zeitgenossen auf der Grenze zwischen Intelligenz, Kalkül und Wahn. Gudrún Eva Minervudóttirs Protagonist ist ein ehemaliger Kunststudent, der serienmässig lebensgrosse Sexpuppen herstellt, und auch Bragis Roman stellt künstlerischen Zynismus und Sexismus zur Debatte. Er erzählt von Joseph Novak, einem Künstler aus Ex-Jugoslawien, der international Karriere macht, indem er Frauen mit Drogen manipuliert und physisch und psychisch so lange foltert, bis sie zum (toten) Objekt seiner Installationen taugen. Und hier gibt es für egozentrische Selbstverwirklichung oder Selbstbehauptung nun gar kein Verständnis mehr. Sondern Erschrecken. Ernüchterung. Nachfragen, Mahnen und Verstummen. Das grosse Lachen jedenfalls ist am ehesten noch im (Wieder-)Abdruck älterer Texte zu finden – bei Thórarinn Eldjárn zum Beispiel, in «Das glücklichste Land unter der Sonne» (Conte) mit den einsträngigen Geschichten, die in brachiale Pointen münden.

Deutlicher Bruch

Was ist der Grund für diese Veränderung, den deutlichen Bruch? Ich finde ihn unübersehbar. Hat die Krise vielleicht nicht nur die Kaufkraft, sondern auch die selbstgewisse Souveränität der Leute in Island erschüttert? Manche der Texte, die hier als «Zeugen» angeführt sind, sind zwar kurz vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch 2008 wenn nicht publiziert, dann doch geschrieben worden – gehören streng genommen also nicht zur Kategorie der isländischen «Krisenliteratur», die sich inzwischen etabliert hat und die Krise explizit thematisiert, wie etwa Gudmundur Óskarssons «Bankster» oder diverse Artikel- und Essaysammlungen. Aber ist das wirklich ein Gegenargument? Zeichnen sich (gute) KünstlerInnen nicht gerade auch durch die Fähigkeit aus, Erschütterungen im Voraus zu spüren? Die zunehmende gesellschaftliche Kälte wahrgenommen zu haben, den immer hohleren Materialismus zum Beispiel, den überheblichen Zynismus, die die wirtschaftliche Blase und den Crash erst möglich machten? Denn aus dem Nichts kamen ja weder diese Krise noch die Drahtzieher und auch nicht die grossen und kleineren Profiteure.

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