Nr. 41/2011 vom 13.10.2011

Die Nachkriegsschweiz mitgebaut

Eine neue Biografie schildert eindrücklich das Wirken des einflussreichen Schweizer Aussenpolitikers Max Petitpierre. Aber kann sie auch die Kontinuitäten der eidgenössischen Aussenpolitik erklären?

Von Thomas Bürgisser

Man kann Bundesrat Max Petitpierre die bedeutendste Figur der schweizerischen Aussenpolitik in der Nachkriegszeit nennen. Der Neuenburger Freisinnige trat sein Amt als Vorsteher des Politischen Departements (heute EDA) zu einer Zeit an, als das Ansehen der Schweiz auf einen Tiefststand gesunken war. 1945 stand die schweizerische Neutralität bei den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs für Kollaboration mit den Nazis und Kriegsgewinnlertum. Dem charismatischen politischen Newcomer gelang es innert Kürze, die als Opportunismus charakterisierte Neutralitätspolitik durch die Maxime der Solidarität zu ergänzen und im internationalen Kontext aufzuwerten.

Solidarität hiess in Petitpierres Konzeption: die traditionelle helvetische Berufung auf humanitäres Engagement, die Kooperation mit der Uno auf «technischem» Gebiet sowie die «Disponibilität» der Schweiz als Vermittlerin in Konflikten, als Konferenzort und Sitz internationaler Organisationen. Solidarität bedeutete jedoch auch – vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Kriegs – eine wirtschaftlich enge Anbindung an die nichtkommunistische Welt. «Neutral» und gleichzeitig moralisch und politisch ein Teil des Westens: Petitpierre war der Architekt dieser janusköpfigen «politique à double face», wie er sie selbst taufte.

Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, einem solchen Schwergewicht der Schweizer Politik mit einer politischen Biografie gerecht zu werden. Dem Historiker Daniel Trachsler ist dies mit seiner Studie hervorragend gelungen. Der Mitarbeiter am Center for Security Studies der ETH Zürich hat auf Basis einer breiten Quellenanalyse eindrücklich nachgezeichnet, wie sich die von Petitpierre während sechzehn Jahren geprägte Aussenpolitik der Eidgenossenschaft entwickelte. Ausgehend von einer grossen Flexibilität in der Anpassung der «immerwährenden Neutralität» an die sich überstürzenden politischen Ereignisse bei Kriegsende, so Trachsler, endete die aussenpolitische Entwicklung Ende der fünfziger Jahre letztlich in einer Stagnation. Petitpierre, der nun zum «Verwalter des eigenen Nachlasses» geworden war, gelang es vor seinem Rücktritt 1961 nicht mehr, neue Akzente zu setzen, die der veränderten weltpolitischen Lage – der «Entspannung» zwischen den Blöcken und der beginnenden Multipolarisierung und Multilateralisierung internationaler Beziehungen – hätte gerecht werden können.

«Verblüffende Parallelität» mit heute

Dadurch, dass Petitpierre einerseits gegenüber der Öffentlichkeit eine rigide und puristische Neutralitätspolitik vertrat, diese andererseits jedoch im internen Diskurs von Beginn an immer wieder relativierte und mit Selbstverständlichkeit den realpolitischen Verhältnissen anpasste, wurde er zum Gefangenen seiner eigenen Politik. Der Konflikt zwischen der folkloristischen Überhöhung der Neutralität und dem aussen-, wirtschafts- und finanzpolitischen Alltagsgeschäft hat sich jedenfalls bis in die heutige Zeit nicht aufgelöst. Entsprechend hält Trachsler im Nachwort eine «verblüffende inhaltliche Parallelität mit den aktuellen aussenpolitischen Debatten in der Schweiz» fest. Die Tatsache, dass sich die Diskussionen von damals hinsichtlich der Stellung der Schweiz in der Welt ständig wiederholten, führe dazu, dass der schweizerischen Politik der vergangenen Jahrzehnte in Sachen «strategischer Problemlösungskapazität» und «Innovationskraft» kein «optimales Zeugnis» auszustellen sei. Weshalb für den «Sonderfall Schweiz» heute noch dieselben Fragen aktuell scheinen wie in der «Ära Petitpierre», kann Trachsler allein anhand der Vita des Aussenministers derweil nicht erklären.

Einige VertreterInnen der helvetischen HistorikerInnenzunft ziehen Petitpierres epochale Rolle in Zweifel. Angesichts des Primats der Wirtschaft in der schweizerischen Aussenpolitik, monieren sie, dränge sich eher der Begriff einer «Ära Schaffner» auf – benannt nach Hans Schaffner, der als hoher Beamter und Direktor der Handelsabteilung (und später als Nachfolger Petitpierres im Bundesrat und Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements) die Aussenhandelspolitik massgeblich prägte. Zudem dürfe man den Einfluss der Bundesräte allgemein nicht überinterpretieren, seien doch schliesslich die Chefbeamten (bis heute) die eigentlichen Akteure der internationalen Beziehungen.

Zurück zu den «grossen Männern»?

Zudem stellt sich die Frage, inwieweit durch die Biografien «grosser Männer» überhaupt die Essenz schweizerischer Aussenpolitik herausgearbeitet werden kann. Eine überfällige Erweiterung der oft etwas angestaubt wirkenden Diplomatiegeschichte könnte der Ansatz einer, etwa von deutschen HistorikerInnen schon länger geforderten, «Kulturgeschichte der Aussenpolitik» bieten. Ein methodisches Instrumentarium, das bei der Analyse historischer Netze und Strukturen und der Rekonstruktion von Symbolen, Wahrnehmungen, sozialer Praktiken und Mentalitäten ansetzt, dürfte für das Verständnis der Kontinuitäten und Brüche im aussenpolitischen Diskurs der Schweiz ein Gewinn sein.

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