Nr. 41/2011 vom 13.10.2011

Auferstanden aus Finanzruinen

Es ist schon ein Kreuz mit der florierenden Marx-Exegese: Sie ist zu kompliziert oder geht am Thema vorbei. Vielleicht hilft ja eine simple Einleitung.

Von Wolfgang Storz

Die Finanzmarktkrise macht möglich, was lange Zeit undenkbar schien: die Auferstehung von Karl Marx. Buchverlage kommen mit dem Druck seiner (oft nicht leicht verständlichen) Schriften kaum nach, es gibt neue Filme, neue Interpretationen seines Werks und Hörbücher («Das Kapital. Erster Band» auf sechs CDs), eine «Kapital»-Lesebewegung ist entstanden, und Umfragen belegen, dass dieser Mann auch in der breiteren Öffentlichkeit wieder einen Namen hat, mit dem hohe analytische Fähigkeiten und viele Hoffnungen verbunden sind. «Der Name von Marx», schreibt der Soziologe Heinz Bude, «enthält ein Versprechen, das aufs Ganze geht.»

Diese neue Anziehungskraft hat mit dem überwältigenden Wunsch zu tun, den Kapitalismus beziehungsweise die Kapitalismen von heute halbwegs treffsicher analysieren und begreifen zu können. Und sie wird – anders als früher – vom Umstand begünstigt, dass es derzeit weder Staaten noch Parteien gibt, die Marx und sein Denken zu dessen Schaden als Herrschafts- und Legitimationsinstrument verwenden.

Aber was wird den LeserInnen geboten? Nehmen wir drei aktuelle Neuerscheinungen.

Riskant oberflächlich

Fritz Reheis, Hochschullehrer an der Universität Bamberg, erläutert in seinem Buch «Wo Marx recht hat» die Grundzüge des marxschen Denkens mit vielen praktischen Beispielen und in einer wohltuend verständlichen Sprache. Er geht dabei nicht vom Werk aus, sondern von heute: Er benennt aktuelle Konflikte und Krisen, erläutert sie und fragt dann, was Marx beitragen kann, um ihre Ursachen und Folgen zu erklären und einzuschätzen.

Der interessierte Leser fühlt sich zu Beginn auch recht wohl: kommt er doch auf den Seiten zügig voran, ohne Begriffe nachschlagen oder Textstellen um des Verstehens willen zwei-, dreimal lesen zu müssen. Nach und nach wird einem jedoch ein bisschen unwohl.

Warum? Weil der belesene und kenntnisreiche Autor Reheis zwar verständlich schreibt, aber auch weitschweifig und oft zu wenig stringent argumentiert. Er lässt keinen Konflikt aus und verarbeitet zahlreiche Denker (von Immanuel Wallerstein bis Herbert Marcuse, von Sigmund Freud bis Michel Foucault, von Max Weber bis Elmar Altvater und so weiter) nicht selten unkritisch und schon riskant oberflächlich. Und er wählt die aktuellen Bezüge so allgemein (Sinnlichkeit und Gier, Ordnung und Herrschaft, Risiko und Krise), dass er zu vieles zu oft abschweifend anspricht. Kurzum: Reheis hat sich für die Oberfläche entschieden – oder sich von seinem Wissensschatz zum spekulierenden Surfen über zu viele Denkschulen, Konflikte und Aspekte hinweg hinreissen lassen.

So ist es kein Zufall, dass bereits die Gliederung verwirrend anmutet und der Titel letztlich irreführend ist. Marx spielt sehr wohl eine wichtige Rolle in diesem Buch, aber eben nicht die Hauptrolle. Der eigentliche Titel steht auf der Rückseite: «Was läuft falsch in unserer Gesellschaft?» Reheis wollte offenbar auch mal die Welt erklären. Schade.

Denn bei der Lektüre des Sammelbands «Marx. Ein toter Hund?» vermisst man Reheis sofort. Da sind Experten unter sich, für die das Publikum aus den jeweils anderen Experten besteht und sonst niemandem. Für den Sammelband sind die Referate einer Tagung an der Universität Kassel zwischen zwei Buchdeckel gepackt worden; und das Motiv für dieses Unterfangen steht schon im ersten Satz: «Die Beschäftigung mit Karl Marx ist wieder auf Touren gekommen.» Da mochten die Kasseler natürlich nicht fehlen. Im Wesentlichen richten sich die Aufsätze an fachkundige bis professionelle Marx-Leserinnen und Wissenschaftler.

Greifbar politisch

Zwei Aufsätze seien dennoch hervorgehoben (ohne die anderen Texte – unter anderem von Heinz Bude, Klaus Dörre und Joachim Bischoff – damit bewerten zu wollen): Christoph Henning grenzt sich von den zahllosen Diskursen ab, die «sich in referenzfreien Nebelregionen der leeren Signifikanten» verlieren, und widmet sich dem Ausbuchstabieren einer greifbaren politischen Vision; zudem macht er auf die Suche nach «Motiven und ‹Visionen›, die ein politisches Engagement antreiben». Und Wolfdietrich Schmied-Kowarzik beschäftigt sich mit «Marx’ Rückbringung der politischen Philosophie in das Primat der Praxis» und dem Stellenwert und Aktualität der «Kritik der politischen Ökonomie».

Von ganz anderer Art ist das bereits vor knapp drei Jahren erschienene Büchlein von Michael Berger. Die Schrift mit dem simplen Titel «Karl Marx» ist profunde 76 Seiten lang und wird Bergers Anspruch – kompakt in das Denken von Marx einführen, um zur Lektüre anzuregen – vollauf gerecht. Die Sprache von Berger ist präzise und ebenso klar wie der Aufbau des Büchleins: Die zentralen Begriffe und Grundzüge der Theorie (einschliesslich ihrer Defizite) werden vorgestellt, erläutert, gedeutet. Die politischen Aktivitäten, Leben und Wirkung von Marx werden in eigenen Kapiteln knapp geschildert. Zum Schluss gibt es eine akribische Analyse dessen, was von Marx noch bleibt.

Berger liefert ein Fundament und zeigt Einstiege in dieses nicht nur auf den ersten Blick abschreckend grosse und fremde Theoriewerk. Er macht Lust auf mehr, weil er den LeserInnen zu Recht vermittelt, dass sie mit dem Berger im Rucksack auch noch die eine oder andere Höhe nehmen können. Denn der Berg ist verdammt hoch und wächst auch noch: Von der historisch-kritischen Gesamtausgabe der Marx-Engels-Werke (MEGA) liegen erst knapp 60 der geplanten 114 Bände vor.

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