Nr. 42/2011 vom 20.10.2011

Amour fou an der Grenze

Von Maike van Schwamen

«Es ist Sommer, heisser, herrlicher Sommer.» Daniela Kriens Debütroman ist eins jener Werke, deren erster Satz bereits eine Welt in sich trägt. Er verrät viel über seine Erzählerin, die Schülerin Maria, die gerade von zu Hause ausgezogen ist, um in der Bauernfamilie ihres Freundes zu leben. Er deutet ihr Spiel mit dem Feuer an und setzt den Rahmen für eine Geschichte, die ohne diesen Sommer, der auf jeder Seite des Romans zu spüren ist, so nie geschehen wäre.

Es ist 1990, also kurz nach der Wende, in einem thüringischen Dorf nahe der deutsch-deutschen Grenze. Eine junge Frau beginnt eine sexuelle Affäre mit einem wesentlich älteren Mann, die sie physisch und psychisch an ihre Grenzen bringt. Mit nahezu masochistischer Lust gibt sich die knapp siebzehnjährige Maria dem mehr als doppelt so alten Henner hin. Die Schülerin, die die Schule schwänzt, um Dostojewskis «Brüder Karamasow» zu lesen, und der attraktiv-düstere Pferdezüchter vom Nachbarhof erkennen einander als Seelenverwandte. Zwei Menschen, denen die Mütter das Fremdsein quasi mit dem Blut übertragen haben und die ihr Lebenselixier aus Büchern saugen. Zwei Menschen, die zueinander nicht kommen können, weil sich ihnen das irdische Leben in den Weg stellt.

Klingt kitschig? Stimmt. Ist es aber nicht. Kriens schnörkellose Charakterzeichnungen bewahren davor. Ein testosterongesteuerter Cowboy, der Botschaften aus Werken Knut Hamsuns verschickt und über «Die Brüder Karamasow» diskutiert? Warum nicht! Warum nicht mal gängige Klischees aussetzen? Warum nicht mal jede Forderung nach Wahrscheinlichkeit in den Wind schiessen? Und so überlässt sich die Leserin gern dem Sog dieser «Amour fou» – und dieser Sprache, die so schlank daherkommt und doch gleichzeitig so schön, so erzählerisch ist. In der jedes Wort mit Bedacht gesetzt und nichts dem Zufall überlassen ist. Und die Sätze formen darf, trotzig, rotzig, treffend, wie sie nur die Jugend zu sagen vermag: «Ich liebe ihn. So ist das.»

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